Die Blätter im Prater-Park von Wien sind längst gefallen. Die Sonne schimmert wunderbar durch die Bäume. Die Jogger geniessen die schöne Stimmung. Wenige Meter weiter, direkt neben dem Ernst-Happel- Stadion trainiert das Schweizer Nationalteam.

Es ist der Tag nach dem 2:3 gegen die Slowakei. Nach einem Spiel, in dem die Schweiz wieder einmal zwei Gesichter zeigte. Knapp 60 Minuten lang war es ein beängstigender Auftritt. Ohne Leidenschaft. Als ginge es um nichts. Und wieder waren Szenen zu sehen, die nachdenklich stimmen. Die negative Körpersprache, das ständige Gestikulieren. Besonders auffällig: Das Duo auf der rechten Seite, Stephan Lichtsteiner und Xherdan Shaqiri, harmoniert nicht mehr. Manchmal sieht es gar danach aus, als würde die beiden nur noch die gegenseitige Verachtung einen. «Bizarr!», fällt einem Nationalspieler im Vorbeigehen und hinter vorgehaltener Hand dazu ein.

Die Szene passt ins Bild. Durch die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft zieht sich ein Graben. So erzählen es mehrere Insider, die nicht genannt werden wollen. Auf der einen Seite: die Fraktion der Balkaner. Auf der anderen Seite: diejenigen mit helvetischen Nachnamen. Das ist dramatisch. Schliesslich hielten wir den Schweizer Fussball als Integrationsmodell par excellence. Wir glaubten, nirgends sei das Zusammenleben zwischen Secondos und solchen mit Schweizer Eltern harmonischer als in der Nati. Doch dieser Glaube bröckelt, wenn man den Erzählungen dieser Insider glaubt.

Konkret: Viele Spieler mit Schweizer Wurzeln würden sich in der Nati nicht mehr wohl fühlen, weil die Balkan-Gruppe zu stark ist. Weiter: Der wichtigste Verbindungsmann des Trainers Vladimir Petkovic zur Mannschaft ist mit Valon Behrami ausgerechnet das Clanoberhaupt der Balkaner. Allein dadurch ist deren Einfluss stärker als jener der Gruppe mit helvetischen Nachnamen. Heisst: Das Wort eines Balkaners würde stärker gewichtet.

Weiter heisst es: In der Nati mangle es an Disziplin. Zwar gebe es klare Regeln betreffend Tenü, Training und Handy. Aber die Regeln werden nicht befolgt, von Sanktionen nicht zu sprechen. Gleichzeitig beklagen die Spieler mit Schweizer Eltern die mangelnde Identifikation der Balkaner mit der Nati. Beispielsweise, wenn sich die Gespräche ständig um die Auswahl Albaniens drehen. Oder Sprüche fallen wie: «Wenn ich könnte, würde ich lieber für Kosovo oder Albanien spielen.» Oder: Wenn die Balkaner die Hymne nicht singen. Oder: Wenn auf Xherdan Shaqiris Fussballschuhen nicht nur die Schweizer, sondern auch die albanische und kosovarische Flagge aufgestickt ist. Oder: Wenn Granit Xhaka ein Selfie mit Freudentränen postet, nachdem sich Albanien für die EM qualifiziert hat. Kurz: Die Lust auf die Nati etlicher Spieler mit Schweizer Wurzeln war auch schon grösser.

Haben wir umgekehrt von den etlichen Schweizern in der albanischen Nationalmannschaft gesehen, dass sie nach einem Triumph mit der Schweizer Flagge übers Feld rennen? Nein, was aber auch absolut in Ordnung ist. Auch haben wir von keinem der beiden Yakins je gehört, wie glücklich sie die Erfolge des türkischen Fussballs machen.

Lieber fordern wir Integration von anderen als Toleranz von uns, schrieb der deutsche Schriftsteller Paul Mommertz. Bei der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft scheint eher der Umkehrschluss Programm zu sein.

Ein Graben im Nationalteam ist nichts Neues und deshalb auch nicht nur das Produkt der Zuwanderung. Früher gab es den Röstigraben, der Welsche und Deutschschweizer trennte. Später einen Graben zwischen den routinierten Spielern um Ciriaco Sforza und den Jungen um Johann Vogel. Danach waren die Fraktionen Vogel und Alex Frei nicht wirklich befreundet. Aber der neuste Graben hat eine andere Dimension. Weil er unseren Glauben an das Gute in eine Illusion verwandeln will. Auch, weil der Graben Fragen provoziert, die uns unangenehm sind. Ob alle Nationalspieler die Hymne singen sollen, ist noch die belangloseste. Obwohl sich viele Menschen in diesem Land an den unbewegten Lippen stören. Nein, es sind Fragen wie: Wer soll sich wem anpassen? Funktioniert unser liberales System der Integration? Und ist die Geschichte vom Fussball als erfolgreichstes Instrument der Integration bloss ein Märchen?

Unangenehm sind diese Fragen, weil wir allein durch das Stellen der Fragen das Gewicht auf das rechte Bein verlagern. Jesses. Wie konnte es nur so weit kommen? Dabei haben wir noch vor wenigen Monaten Alex Miescher, den Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbandes, für seinen Essay «Die verräterische Hymnendebatte» beglückwünscht. Und jetzt? Fragen wir uns, ob Xherdan Shaqiri ein guter oder schlechter Nationalspieler ist. Wobei diese Frage nicht primär auf seine fussballerischen Qualitäten zielt, sondern auf seine Identifikation mit der Schweiz.

Stephan Lichtsteiner streifte im März das Thema, als er in einem Interview sagte: «Wichtig ist mir darum auch, dass wir auf die sogenannten Identifikationsfiguren aufpassen, weil wir nicht mehr wirklich viele von diesen haben. Mir geht es nicht um ‹richtige› Schweizer und die ‹anderen› Schweizer, sondern darum, dass sich das Volk weiter mit dem Nationalteam identifizieren kann.» Wer Lichtsteiner unterstellt, er würde damit zum Handlanger der SVP, verkennt die Situation.

Laut unseren Insidern wurden Lichtsteiners Aussagen vorgängig im kleinen Ur-Schweizer-Kreis der Nati besprochen. Man erhoffte sich mit diesem Interview, eine Debatte über Integration und Identifikation anzustossen. Daraus wurde nichts. Denn auch wir glaubten, dass eine solche Diskussion niemandem nützen würde.

Die Replik von Naim Malaj, dem damaligen kosovarischen Botschafter der Schweiz: «Wir sollten einfach eines nicht vergessen: Shaqiri, Xhaka, Behrami und Co. sind ohne die Hilfe von Lichtsteiner und Co. völlig verloren. Sie können ohne die ‹Deutschschweizer› auch nicht gewinnen. Das dürfte man durchaus ein bisschen mehr betonen.» Überhaupt verfolgt Malaj die Debatte um Identifikationsfiguren oder «echte» und «falsche» Schweizer mit viel Gelassenheit. «Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Schweizer sich nicht um Namen kümmert. Sondern stolz ist auf eine multi-ethnische Schweizer Nationalmannschaft, die für vollständig gelungene Integration steht.»

Wir hoffen, dass Malaj in dem Punkt Recht hat, wonach die Mehrheit der Schweizer sich nicht um Namen kümmert. Aber damit sie stolz auf eine multi-ethnische Nati ist, will sie nicht nur Siege, sondern auch Identifikation sehen, spüren, fühlen.

Multikulti ist toll, tönt es vom Zürichberg und anderen noblen Adressen der Schweiz. Aber multikulti ist kein Kindergeburtstag. Multikulti ist harte Arbeit. Insbesondere, wenn die Kräfteverhältnisse nicht im Lot sind. Wie in der Fussball-Nationalmannschaft. Oder in einer Schulklasse, wenn 15 von 19 Kinder einen Migrationshintergrund haben.

Nur, warum ist Identifikation wichtig für den fussballerischen Erfolg der Nati?
Die Schweiz hat derzeit zweifellos eine talentierte Mannschaft. Doch den grössten Coup in den letzten 30 Jahren landete die Schweiz 1994, als sie sich erstmals nach 28 Jahren für eine WM qualifizierte und bis in die Achtelfinals vorstiess. Und das mit einem Team, in dem ein Yvan Quentin eine wichtige Rolle hatte, obwohl er fussballerisch ein Grobmotoriker war. Oder ein Georges Bregy unverzichtbar war, obwohl er mit 36 nicht mehr viel schneller war als sein Coach, Roy Hodgson. Aber die Nati funktionierte als Team, weil es eine natürliche Hierarchie gab, die Spieler sich gegenseitig respektierten und vertrauten und sich mit der Mannschaft und dem Land identifizierten.

Gewiss sind das Soft-Faktoren. Doch kleinere Fussballnationen wie die Schweiz können erst einen Exploit landen, wenn die Soft-Faktoren stimmen. Klar, die Schweiz hat sich in der erweiterten Weltspitze etabliert. Ohne dabei ein nachhaltiges Ausrufezeichen zu setzen. Weil die Soft-Faktoren nicht stimmig waren, wurde die EM 2008 zum Fiasko, an der WM 2010 die gute Ausgangslage nach dem Sieg gegen Spanien nicht genutzt, die EM 2012 verpasst und blieb es 2014 bei einem tapferen, aber glücklosen Achtelfinal-Kampf gegen Argentinien.

Wer kann den Graben in der Nati zuschütten? Die Chefetage des Verbandes um Präsident Peter Gilliéron, indem sie die Probleme in der Mannschaft und die Stimmen aus dem Volk nicht ignoriert. Nur verhielt sie sich bisher so, als seien Integration und Identifikation ein Selbstläufer. Der Captain, indem er als Mediator auftritt. Nur soll das Wort von Gökhan Inler, der keineswegs polarisiert, im Team nicht genug Gewicht haben. Und vor allem der Trainer als Vorbild und Chefstratege. Nur scheint es, als hätte Vladimir Petkovic selber Mühe, sich mit diesem Land zu identifizieren.

Als kecker, charismatischer Aussenseiter ist er 2008 von Bellinzona nach Bern gezogen. Drei Jahre später war das Kühne, das Rebellische weg. In drei Jahren ist aus dem Beute- ein Fluchttier geworden. Wie das? Dem Tessiner ist von oben befohlen worden, in jener schicksalhaften Rückrunde der Saison 2009/10, die YB mit sieben Punkten Vorsprung in Angriff genommen hat, auf Gilles Yapi zu verzichten, weil dieser für die folgende Saison beim Konkurrenten aus Basel unterschrieb. Die Folge: YB vergeigte die gute Ausgangslage. Und Petkovic sah sich als Opfer einer Intrige, er fühlte sich nicht mehr akzeptiert, nicht mehr geliebt und hatte zudem einen Loserstempel aufgedrückt bekommen.

Irgendwie wirkt er noch heute, als sei er weiterhin auf einem Rachefeldzug. Als hätte er sich mit Bern, mit dem Schweizer Fussball, noch immer nicht versöhnt. Was auf die Mannschaft, aber auch auf die Selektion der Spieler abfärbt und ihn nicht als Integrationsfigur qualifiziert. Es scheint, als schare er die Balkaner auch als Schutzschild um sich. Als stünden die Balkaner höher in seiner Gunst. Während ein Josip Drmic keine Rolle mehr im Klub spielt, von Petkovic aber weiter aufgeboten wird, sieht Steven Zuber trotz Teileinsätzen in Hoffenheim kein Land im Nationalteam. Oder ist Blerim Dzemaili tatsächlich besser als Pirmin Schwegler? Und warum erreicht Valentin Stocker in der Nati kaum je sein Niveau? Wahrscheinlich weil sich der sensible Innerschweizer in dieser Nati isoliert fühlt. Der Verband sollte sich gut überlegen, ob er den im Sommer auslaufenden Vertrag mit seinem Trainer verlängert.

Eine andere Geschichte sind die Spieler aus dem Balkan. Auch wenn der Trainer die nächsten zweieinhalb Jahre Petkovic heissen sollte, sollten sie sich der Wirkung ihrer Aussendarstellung bewusst sein. Jeder hat die Wahl. Entweder hoch qualifizierter Söldner. Oder unverzichtbare Integrationsfigur.

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