Eine Stunde ist bereits vergangen. Und müsste sie nicht zum Training, würde man Ramona Bachmann bitten, am Telefon zu bleiben. Und weiter zu erzählen. Über die Anfänge der Karriere, Ehrgeiz als Stolperstein, Egoismusvorwürfe, Geld, Homosexualität und den Wunsch fast jeder Frau: Mutter werden.

«Hätten mir meine Eltern nicht erlaubt, zu gehen, hätte ich ihnen das übel genommen.» Vor neun Jahren liegen auf dem Tisch der Familie Bachmann aus dem luzernischen Malters zwei Angebote: das eine aus den USA, das andere aus Schweden. Ramona, damals 15-jährig, entscheidet sich für Letzteres und für den FC Umea. Die Ziele sind klar: Profifussballerin sein. Titel gewinnen. Mit den besten Spielerinnen der Welt zusammenspielen. Und vor allem: irgendwann selber zur Weltfussballerin gekürt zu werden.

Bachmann fasst in Schweden schnell Fuss, verliebt sich in Land und Leute. Auf dem Platz bilden die Schweizerin und die brasilianische Frauenfussball-Legende Marta ein kongeniales Sturmduo. Bachmanns Dribbelkünste begeistern nicht nur die Zuschauer, sondern vor allem sie selber. Sie fühlt sich bestätigt in ihrem Glauben: «Ich habe die Qualität, um Weltfussballerin zu werden.»

Für den Fussball verzichtet Bachmann gerne auf die wilde Jugendzeit, in die sich damals ihre Freunde in der Schweiz stürzen. «Ich war als Teenager praktisch nie im Ausgang, habe das aber auch nicht vermisst.» Nach sechs Monaten bei einer Gastfamilie bezieht sie mit 17 ihre erste eigene Wohnung. «Das war schon krass. Ich habe bis dahin nie wirklich für mich gekocht oder gewaschen.» Sie fühle sich nicht reifer als andere 24-Jährige. Trotzdem profitiere sie bis heute davon, früh auf sich allein gestellt gewesen zu sein.

Nach vier Jahren Steigflug in Umea klopft Malmö an, der FC Basel des schwedischen Frauenfussballs. Nächste Stufe zünden, weiterdribbeln, Spiele im Alleingang gewinnen. Bachmann denkt, sie könne so weitermachen wie zuvor. Falsch gedacht. In Malmö ist sie plötzlich eine von vielen. Ihr Eigensinn schürt die Missgunst der Teamkolleginnen, ihr Ehrgeiz führt zu emotionalen Aussetzern und unnötigen Fouls. Sie steht am Scheideweg: In Schönheit sterben oder die Gesetze des Mannschaftssports akzeptieren.

Doch zum Glück ist da Trainer Jonas Eidevall. Er befiehlt: «Schnauze tief!» Ramona Bachmann lernt, was es heisst, mannschaftsdienlich zu spielen. Dass ein erfolgreiches Zuspiel genauso befriedigt wie ein Tor. Dass Rückschläge dazugehören auf dem Weg nach oben. Sie sagt: «Ich war zu überzeugt von mir. Bis dahin nahm ich mich als Einzelperson zu wichtig. Jonas Eidevall erklärte mir in vielen Einzelgesprächen, dass ich mir meinen Status erst erarbeiten und meine Bedürfnisse hinten anstellen muss.»

Die Gehirnwäsche wirkt: 2013 wird Ramona Bachmann in der schwedischen Liga zur besten Spielerin gewählt. In der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft beginnt sie, Verantwortung zu übernehmen und tritt langsam aus dem Schatten von Captain Lara Dickenmann. Die zwei sind wie Iniesta und Messi: Dickenmann die Regisseurin, Bachmann Torschützin und die Frau für das Spektakel.

Im Sommer 2015 nehmen die Schweizerinnen erstmals an einer Weltmeisterschaft teil. An dieser kommen nach dem Achtelfinal-Out gegen Gastgeber Kanada wieder Egoismus-Vorwürfe auf – Bachmann lächelt sie weg: «Das ist vielleicht eine Folge der erhöhten Aufmerksamkeit, den der Frauenfussball in der Schweiz seit diesem Jahr hat. Es gibt mehr Personen, die ihre Meinung mitteilen möchten. Die Trainerin und meine Teamkolleginnen wissen, wie ich spiele und dass Dribblings zu mir gehören. Wer kein Risiko auf sich nimmt, hat keinen Erfolg.»

Bachmann steht an der WM nicht nur wegen ihrer Dribblings und ihrer vier Tore im Mittelpunkt der Schweizer Mannschaft. Eine Zeitung verkauft ein Interview, in dem sie über ihre Homosexualität spricht, als ihr Outing. So, als hätte Bachmann daraus bisher ein Geheimnis gemacht. Experten meinen, nach dieser vermeintlichen Offenbarung sei sie nun eine andere, könne endlich befreit aufspielen. Bachmann dazu: «Es hat mich schon erstaunt, dass das als Sensation verkauft wurde. Ich habe nie verschwiegen, dass ich auf Frauen stehe. Es war einfach das erste Mal, dass mich ein Journalist dazu befragt hat.» Im Frauenfussball ist Homosexualität völlig normal, Bachmann hat deswegen noch nie negative Erfahrungen gemacht. Bei den Männern hingegen hat sich immer noch kaum ein aktiver Spieler geoutet. Warum? Bachmann: «Der Männerfussball ist noch zu konservativ, ein schwuler Spieler müsste sich dumme Sprüche von den Fans anhören. Schade.»

Vor wenigen Wochen haben Bachmann und Freundin Camille in Wolfsburg ein Haus bezogen. Wolfsburg? Ja, Deutschland ist die neue fussballerische Heimat von Bachmann. Nach der WM lagen Offerten etlicher Topklubs auf dem Tisch, unter anderem aus der VW-Stadt, wo das aktuell beste Frauenteam Europas spielt. «Es fiel mir schwer, mein geliebtes Schweden zu verlassen. Aber die Bundesliga ist die beste Liga der Welt. Und mit Wolfsburg sind die Chancen gross, die Champions League zu gewinnen. Damit der Traum ‹Weltfussballerin› vielleicht einmal in Erfüllung geht, muss ich auch international bei den wichtigsten Anlässen dabei sein.» Nicht nur sportlich ist Wolfsburg ein Aufstieg, auch finanziell. Bachmann ist eine von wenigen Schweizer Spielerinnen, die gut vom Fussball leben und dazu noch viel Geld auf die Seite legen können. Bachmann vergleicht ihr Einkommen etwa mit jenem eines Zahnarztes – also im tiefen, sechsstelligen Bereich.

Mit 24 ist Bachmann am bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere angekommen. Ihrem grossen Ziel, Weltfussballerin zu werden, war sie noch nie so nah wie in diesem Jahr: Sie gehörte zu den 23 nominierten Spielerinnen, verpasste den Cut der besten drei aber knapp. Kann man als Schweizerin überhaupt Weltfussballerin werden? «Ja», ist Bachmann überzeugt, «die Nationalmannschaft wird in Zukunft regelmässig an Europa- und Weltmeisterschaften vertreten sein. Und ich bin mir sicher, die Qualitäten dazu zu haben. Trotzdem ist mir der Erfolg mit der Mannschaft wichtiger.»

Und was macht Ramona Bachmann in zehn Jahren? «Momentan denke ich nur an Fussball. Bis Mitte 30 möchte ich spielen, wenn der Körper mitmacht.» Für die Zeit nach der Karriere hat sie verschiedene Wege im Kopf: Trainerin, Mentalcoach, Uefa- oder Fifa-Mitarbeiterin. «Auch Sprachen interessieren mich sehr. Ich bin offen für vieles.»Und privat? «Ich möchte einmal eine Familie mit Kindern gründen.» Noch während der Karriere als Fussballerin? «Es gibt Mütter, die haben nach der Geburt das Training aufgenommen und spielen wieder auf höchstem Niveau. Ich kann mir das momentan aber nicht vorstellen – wohl eher erst nach meiner Karriere.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper