Was tut mehr weh: Ihre Verletzung oder der Umstand, dass Sie den Playoff-Auftakt verpasst haben?
Mathias Seger: Keine Frage: Jeder Sportler lebt für den Wettkampf. Darum ist es doppelt so hart, wenn man während der Playoffs nicht dabei sein kann.

Wann kehren Sie zurück?
Seit meiner Operation sind genau vier Wochen und zwei Tage vergangen. Der Knochen braucht normalerweise sechs Wochen, bis er wieder zusammengewachsen ist. Eventuell auch länger, weil er dünn ist. Darum muss ich sicher noch zwischen zwei und vier Wochen warten.

Wenn Playoff-Final wäre: Hätten Sie gestern Abend gespielt?
Keine Chance. Wenn ich könnte, würde ich jetzt schon spielen.

Wo ist die Grenze während der Playoffs, ab der man sagt: «Es geht nicht»?
Grundsätzlich entscheiden die Schmerzen, wo die Grenze liegt. Wenn man mit einem gebrochenen Finger spielt, dann kann nicht viel passieren. Da muss man einfach die Schmerzen aushalten. Die andere Grenze sind die möglichen Folgeschäden. Da gilt es, das Risiko gut abzuwägen. Was passiert, wenn sich die Verletzung verschlimmert? Letztlich entscheidet der Arzt, ob ein Einsatz zu verantworten ist oder nicht.

Versucht man, mit dem Arzt zu diskutieren, wenn der sagt: «Stopp, Du musst zuschauen»?
Natürlich ist das immer ein Kampf zwischen Spieler und Arzt. Wir würden am liebsten immer spielen. Aber nur der Arzt weiss, wie weit man gehen kann und darf. Und es ist auch gut so, dass er das letzte Wort hat. Sonst könnten viel schlimmere Dinge passieren.

Zum Beispiel?
Man sieht es an der Entwicklung der Gehirnerschütterungen. Vor 15 bis 20 Jahren hat man einfach weitergespielt. Jetzt gibt es ein striktes Protokoll, welches jeder Spieler bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung durchmachen muss. Man muss im Minimum eine Woche pausieren. Und wenn man die verschiedenen Stufen des Rückkehr-Programms nicht schafft, dann muss man länger warten. Letztlich muss es das Ziel der verschiedenen Klubs und der Liga sein, die Spieler besser zu schützen. In dieser Beziehung macht unser Arzt Dr. Gerry Büsser einen sehr guten Job.

Welches war die schlimmste Verletzung, mit der Sie trotzdem gespielt haben?
Ich hatte immer nur kleine Sachen. Gebrochene Finger. Oder mal ein gebrochener Fuss. Das sind Verletzungen, bei denen man nicht viel mehr kaputt machen kann.

Das tönt jetzt für «Normalsterbliche» ziemlich absurd ...
Das gehört einfach zu unserem Berufsrisiko. Solche Verletzungen nimmt man in Kauf. Wir wären auch lieber alle immer gesund.

Hat man als Spieler das Gefühl, dass man in so einer Phase auch seinen Mitspielern gegenüber auf die Zähne beissen muss?
Das gehört sicher dazu. Wenn du einen Mitspieler siehst, der trotz eines kaputten Handgelenks spielt und sich überwindet, gibt das auch dem Rest des Teams einen Kick. Aber ich gebe zu: Dieses Verhalten ist grundsätzlich nicht sonderlich gescheit.

Gesund ist es sicher nicht.
Jeder Profisportler ist nach seiner Karriere in irgendeiner Form körperlich beschädigt, hat im zweiten Lebensabschnitt Leiden, die ihn immer begleiten. Aber man lebt als Sportler so sehr im Moment, dass man das verdrängt oder vergisst.

Nach einer erfolgreichen Playoff-Kampagne wird oft von der grossen Kameradschaft und vom Zusammenhalt geschwärmt. Fühlt man sich als «Krieger»?
Mein ehemaliger Mitspieler Dan Hodgson sagte einst: «Mit euch würde ich in den Krieg ziehen.» Das heisst, er vertraute seinen Teamkollegen hundertprozentig. Er würde sich opfern für jeden. Das tönt martialisch, aber genau so ist es. Man steckt sein eigenes Ego weg. Man probiert, alles dem Mannschaftsziel unterzuordnen. Die Playoffs sind nicht nur körperlich eine sehr intensive Zeit, sondern auch mental. Auf der anderen Seite sind solche Erlebnisse extrem erfüllend. Dafür lebt man als Sportler.

Wird es, je älter man ist, umso schwieriger, an eine gewisse Schmerzgrenze und darüber hinaus zu gehen?
Wenn man sich während der Playoffs solche Gedanken macht, dann ist man am falschen Ort. Jeder Spieler, egal in welchem Alter, macht alles, um zu gewinnen.

Aber man hört sicher besser auf den eigenen Körper.
Man weiss, wie er funktioniert. Man weiss, welche Sachen man auf dem Eis machen soll und welche nicht. Und man gewöhnt sich an die Schmerzen. Das ist ein Prozess.

Aus Verletzungen wird während der Playoffs gerade in der Öffentlichkeit ein Staatsgeheimnis gemacht. Redet man unter den Spielern offen über die eigenen Gebrechen?
Als verletzter Spieler versuchst du, deine Verletzung herunterzuspielen. Man will dem Team nicht schaden. Die Verletzungen sollen nicht in den Köpfen der Spieler präsent sein. Man will auch das Bild der Mannschaft in der Aussenwahrnehmung nicht schwächen.

Welche Person ist während der Playoffs wichtiger: Der Arzt oder der Trainer?
In unserer medizinischen Abteilung herrscht während der Playoffs natürlich Hochbetrieb. Nach den Spielen sind in der Garderobe viele Eisbeutel zu sehen. Unser Arzt und die Physios machen einen unglaublich guten Job. Auf der anderen Seite ist aber auch der Coach sehr wichtig. Er bestimmt die Taktik, er schickt die Spieler aufs Eis, er motiviert uns. Jedes Teammitglied ist wichtig.

Hatten Sie selber bei anderen Spielern auch schon den Gedanken: «Also der könnte jetzt wirklich spielen. So ein Weichei?»
Nein. Jeder Mensch hat ein anderes Schmerzempfinden. Deshalb ist es auch schwierig, Verletzungen miteinander zu vergleichen.

Verletzungen werden vor allem deshalb verschwiegen, weil man Angst vor gezielten Attacken der Gegenspieler hat. Gehört das absichtliche «Quälen» des Gegners zum Playoff-Alltag?
So extrem ist es nicht. Aber wenn man weiss, dass ein Gegenspieler an einer bestimmten Stelle verletzt ist, dann versucht man, hart zu spielen und ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen. Aber niemals im krankhaften Rahmen.

Wie oft haben Sie schon gedacht: «Jetzt bin ich zu weit gegangen?»
Solche Gedanken darf man nicht haben. Es kann ja bei jedem kleinsten Körperkontakt etwas passieren. Wer so denkt, der kann nicht Eishockey spielen.

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