«Antidoping Schweiz war weltweit die erste Agentur, welche diese Entwicklung erkannt hat.» Der deutsche Biochemiker Doktor Hans Geyer wiederholt sich. Der Leiter des Zentrums für präventive Dopingforschung des Kölner Dopinglabors kann den Wert der gemeinsamen Errungenschaften nicht genug herausstreichen. Gleich bei mehreren von russischen Athletinnen und Athleten flächendeckend eingesetzten Dopingsubstanzen standen Schweizer Forschungsgelder am Anfang einer wirksamen Nachweismethode.

Das jährliche Budget der Stiftung Antidoping Schweiz in der Höhe von 4,6 Millionen Franken wird vom Bund (2,7 Mio.) und vom Sport-Dachverband Swiss Olympic (1,9 Mio.) gestemmt. Es sind also letztlich auch Schweizer Steuergelder, die zum Aufdecken einiger der spektakulärsten Dopingfälle der jüngsten Zeit beitrugen. Denn Antidoping Schweiz hat drei Hauptaufgaben: das Sicherstellen von Dopingkontrollen in der Schweiz, die Prävention sowie die Unterstützung von Forschungsprojekten, um den Kampf gegen Doping wirksamer zu betreiben.

Direktor Matthias Kamber bedauert, dass er für Forschungsprojekte je länger, desto weniger Gelder einsetzen kann. Vor fünf Jahren waren es noch rund 400 000 Franken pro Jahr, aktuell verbleiben jährlich 150 000 Franken. Der Grund dafür sind die hohen Standards betreffend Anzahl Kontrollen und angewandter Testverfahren bei Schweizer Athleten. Das geht ins Geld, da mit den entsprechenden Tests immer mehr Substanzen entdeckt werden können. Dagegen hat Kamber zwar nichts, er sagt aber auch: «Oft erzeugt der Einsatz von Forschungsgeldern für die Dopingbekämpfung mehr Wirkung.»

Spitzensportler im «Tierversuch»
Der Schweizer Beitrag im McLaren-Bericht und bei den Nachkontrollen von Dopingproben der Olympischen Spiele 2008 in Peking und 2012 in London ist bestes Beispiel dafür. Der McLaren-Report listet konkret 42 vertuschte Fälle mit der Substanz «Ostarin» auf. Dabei handelt es sich um selektive Androgenrezeptor-Modulatoren, kurz SARMs genannt. Diese dienen dem Muskelaufbau, haben die gleiche Wirkung wie anabole Steroide. «Mit dem Unterschied, dass sie weniger Nebenwirkungen aufweisen und nicht nur in Verbindung mit dem Training wirken. Die Muskeln wachsen auch, während man gemütlich zu Hause auf dem Sofa sitzt», sagt Hans Geyer.

Ostarin ist auch bestes Beispiel dafür, wie skrupellos die Doper bei der Suche nach neuen, noch wirksameren Methoden vorgehen. Das Medikament gegen Muskelerkrankungen ist längst noch nicht zugelassen, geschweige denn auf dem Markt erhältlich und wird doch in Sportkreisen seit mehreren Jahren eingesetzt. Die Schwarzmarkt-Industrie nehme klinische Forschungsberichte unter die Lupe und studiere Schlussfolgerungen aus Tierversuchen, sagt Hans Geyer und bringt ein drastisches Beispiel: «Wenn eine Maus im Tierversuch ihre Ausdauerleistung dank einer neuartigen Substanz auf relevante Weise steigert, ist der Weg, bis das Mittel auf dem Schwarzmarkt erhältlich ist, nicht mehr weit.» Sportler sind also oft die besseren Versuchstiere. Wie so oft sind es häufig die Chinesen, welche auch im chemisch pharmazeutischen Bereich Produkte kopieren.

Von der Maus zur Katze
Dopingjäger Matthias Kamber und das Zentrum für präventive Dopingforschung in Köln haben vor vielen Jahren versucht, ihre Strategie auf dem Weg zu Nachweismethoden für verbotene Substanzen der Gegenseite anzupassen. «Wir machen nun das Gleiche wie sie, schauen uns Tierversuche an, lesen Forschungsstudien und überlegen uns, welches Mittel für den Sport interessant sein könnte», erklärt Geyer den Katz-und-Maus-Kampf. So begann die Forschung für einen Nachweis von Ostarin im Labor in Köln bereits 2006 dank einer Anschubfinanzierung von Antidoping Schweiz. «Wir wollen den Betrügern nicht immer nur hinterherlaufen, sondern die Lücke schliessen und auf derselben Höhe agieren», sagt Geyer.

Da es sich bei den SARMs um eine ganz neue Substanzklasse handelte, dauerte es mehrere Monate, bis eine auch vor Gericht standhaltende Nachweismethode vorhanden war. Der erste positive Fall betraf die jamaikanische Sprinterin Bobby-Gaye Wilkins im Jahr 2010, die vom Lausanner Labor entlarvt wurde.

Sobald eine neue Nachweismethode entwickelt wurde, stellt Köln seine Ergebnisse den anderen akkreditierten Dopinglabors zur Verfügung. Ob diese die Methode dann auch anwenden, liegt in ihrem Ermessen respektive an den Forderungen derer Auftraggeber, zum Beispiel den internationalen Sportverbänden. Dabei ergeben sich einige störende Details. Bis die Welt-Antidoping-Agentur Wada jeweils auf den Zug der konkreten präventiven Dopingforschung aufspringt, vergeht oft zu viel Zeit. Eine Nachweismethode könnte also in vielen Fällen schneller angewandt werden. Zudem gibt es erst seit zwei Jahren einen Mindeststandard, nach welchen Substanzen die Sportverbände und die Labors suchen müssen. Umfassend ist dieser aber längst nicht. Nicht immer machen die konkreten Aufträge der internationalen Sportverbände an die Antidoping-Labors Sinn, da relevante Substanzen immer wieder gar nicht überprüft werden.

Ein Erfolg für die Kölner Dopingjäger war die dank Schweizer Unterstützung verfeinerte Nachweismethode für die Anabolika-Substanz Stanozolol. Hier gelang es 2012, die Substanz nicht mehr nur während dreier Tage, sondern rund 20 Tage lang im Urin nachweisen zu können. Mit doppelt durchschlagendem Erfolg: Während es bis 2012 pro Jahr 8 bis 10 positive Fälle im Kölner Labor gab, waren es mit der neuen Messmethode 180 Fälle. Zudem wurde Stanozolol auch bei den Nachprüfungen der Olympischen Spiele von Peking und London in 36 Fällen entdeckt.

Ein neckisches Detail am Rande. Die sowohl im McLaren-Report wie auch bei den Olympia-Nachtests am häufigsten auftauchende Substanz Turinabol kann ausgerechnet dank der Forschungsarbeit des inzwischen geschlossenen Dopinglabors Moskau nachgewiesen werden. Letztlich überführten also trotz aller Mauscheleien russische Wissenschafter die eigenen Athleten. Auch bei Turinabol ergab die verfeinerte Messmethode einen Quantensprung. Vor 2013 erwischte das Labor in Köln jährlich nicht mehr als einen bis zwei Athleten, 2013 waren es 90 positive Fälle. «Inzwischen geht die Zahl wieder zurück», sagt Hans Geyer. Was dafür spricht, dass längst neue Substanzen im Umlauf sind.

Kaum Zahlen zu Gendoping
Eine Anschubfinanzierung durch Antidoping Schweiz stand auch Pate für die Nachweismethode der Gendopingsubstanzen «siRNA», welche zum Beispiel das Muskelwachstum enthemmen. Es ging darum, die künstlich erzeugte Substanz von der körpereigenen unterscheiden zu können. Dies gelang 2009. Hans Geyer gibt aber zu bedenken, dass man nicht wisse, wie verbreitet diese Dopingart im Sport sei, «weil nur ganz wenige Antidoping-Organisationen es auch testen – etwa Antidoping Schweiz, die deutsche NADA und die Fifa». Geyer stellt sich gleich selbst eine rhetorische Frage: «Warum das IOC solche Methoden nicht einsetzt? Da fragen Sie mich etwas.» Er bezeichnet den Gebrauch unter Athleten als «wahrscheinlich».

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