Wenn der FC Basel gegen Manchester United gewinnt, dann würde er durchdrehen, dann müsse man ihn mit dem Lasso einfangen. Das hat der Basler Interimstrainer Heiko Vogel vor dem Spiel angekündigt. Nun, der FCB hat gewonnen, aber Vogel ist nicht durchgedreht. Er hat zwei, drei Tränen der Rührung vor den Fans der Muttenzerkurve zerdrückt und sich auf dem Barfüsserplatz ausgiebig feiern lassen.

Tausende haben dort nach dem Spiel auf ihn und die Spieler gewartet. Es war eine spontane Aktion der Basler Fans, auch auf dem Handy des Verfassers dieses Artikels tauchte eine SMS auf: «Treffen nach dem Match am Barfi!» Da müssen die siegreichen Spieler des FCB dann selbstverständlich mitmachen.

Ganz Basel liebt seinen Fussballclub, das ist klar, und man liebt mittlerweile auch Heiko Vogel. Er ist einer zum Anfassen, einer von uns, bei vielen Fans ist es fast so eine Art Liebe auf den ersten Blick gewesen. Vogel hat jetzt den grössten Erfolg seiner noch jungen Trainerkarriere erzielt. Er ist gerade 36 Jahre alt geworden. Scott Chipperfield, sein ältester Spieler, ist nur gut einen Monat jünger.

«Erfahrung setzt sich durch», das war das Motto von Sir Alex Ferguson, dem legendären Manager von Manchester United. Aber sein Zweckoptimismus ist schmählich gescheitert. Durchgesetzt hat sich vielmehr der Glaube, dass man auch gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner etwas reissen kann. Ein leidenschaftlicher und selbstbewusster FC Basel hat Manchester United besiegt und zieht als erster Schweizer Klub in die Achtelfinals der Champions League ein.

Heiko Vogel hat diesen sensationellen Abend genossen und hat seinen Spielern, aber auch den Fans und dem Klub artige Komplimente gemacht. Dann hat er doch schon wieder vom nächsten Spiel geredet. Das ist ja bekanntlich immer das schwerste.

Dabei stand der FC Basel vor gut zwei Monaten noch unter Schock. Thorsten Fink, Cheftrainer und das Gesicht der jüngsten Basler Erfolge, war den Verlockungen der deutschen Bundesliga und der Werbung des Hamburger SV erlegen. Sein Assistent und Freund Heiko Vogel folgte ihm jedoch nicht nach in den Norden, er übernahm stattdessen die Rolle Finks, vorderhand als Interims-Trainer.

Wild wucherten dann die Spekulationen über den zukünftigen Chef beim FCB, Namen wie Murat Yakin machten sofort die Runde. Man muss das verstehen, der FC Basel ist die erste Adresse im Land. Im Fussball geht es immer um Namen. Aber manchmal gibt es auch vernünftige und coole Vereinspräsidenten, die den Hype nicht mitmachen und erst einmal mit gutem Gefühl abwarten. Bernhard Heusler ist so einer, auch er nur ad interim der Präsident des FC Basel.

Heiko Vogel erscheint in dieser Geschichte ein bisschen so wie der Igel im Märchen, der dem Hasen immer nur sagt: «Ich bin schon da!» Der Igel passt zu Heiko Vogel. Listig und verschmitzt lugt er unter seiner rotblonden Igelfrisur hervor. Er hat Witz und redet nicht zu zackig. Er wirkt stets ein bisschen ungelenk, er hat etwas Übergewicht, eine zu grosse Nase und sieht im feinen Zwirn immer etwas komisch aus.

Aber gerade deswegen wirkt er extrem sympathisch, man sieht sofort, dass er kein Blender und kein Lautsprecher ist. Die Baslerinnen und Basler mögen solche Typen, das Grossartige und Aufgeplusterte mag man eher nicht. Vielleicht fliegen Heiko Vogel auch deshalb die Sympathien zu, weil er so offensichtlich den Dünkel widerlegt, dass nur grosse Fussballerkarrieren zu grossen Trainerkarrieren befähigen. Vogel hat nie höher als in der Regionalliga gespielt, danach war er als Juniorentrainer tätig.

Vieles lässt darauf schliessen, dass Vogel eine Menge von der Gruppendynamik in einem Fussballteam versteht. Alex Frei, sonst nicht unbedingt ein überschwänglicher Lobhudeler, meint, dass unter Vogel das Team noch einmal zusammengewachsen sei, und sagt: «Wie sehr jeder für den anderen geht. Und wie keiner, der wenig spielt, sich beschwert. Jeder weiss, welchen Teil zum Erfolg er beizutragen hat. Und das ist das Verdienst von Heiko Vogel.»

Aber er ist nicht nur der nette Herr Vogel. Er kann nur ganz schlecht verlieren. Er ist fordernd. Er will etwas. Und Vorsicht, in Deutschland nennt man ihn schon «Roter Riese» und «Wundermann». Nicht, dass uns der Vogel nach dem Fink auch noch in die Bundesliga davonfliegt.

Thorsten Fink ist es gewesen, der mit zielgerichtetem Auftreten, klaren Ansagen und fussballerischen Erfolgen für das neue Selbstbewusstsein des FC Basel gesorgt hat. Anderswo sagt man dazu «Sieger-Gen». Fink hat beim FC Bayern München gespielt und die Champions League gewonnen. Er hat das Credo des bayrischen «Mia san mia», das Urvertrauen in die eigenen Kräfte, verinnerlicht und ist in der Schweiz mit seiner direkten deutschen Art immer ein bisschen unter Arroganzverdacht gestanden. Heiko Vogel, sein Nachfolger, ist sozusagen das menschliche Antlitz dieses Selbstbewusstseins.

Das tut der Konkordanz- und kompromissgeplagten Schweiz und ihrem Fussball nur gut: Nach dem sang- und klanglosen Ausscheiden der Nationalmannschaft in der Euro-Qualifikation und nach dem Wirrwarr durch mediokre Klub-Potentaten wie Constantin oder Tschagajew verschafft uns der Exploit des FC Basel wieder eine gute Presse und Respekt und Ansehen im Ausland.

An dieser Stelle sei die Frage erlaubt, wieso das eigentlich immer der FC Basel erledigen muss? Weshalb sind die anderen Schweizer Traditionsklubs in Zürich oder Bern immer so trost- und erfolglos? Ach ja, genau, die haben ja keinen Vogel!

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