Vor gut einem Jahr kam es zu Ihrem fatalen Unfall. Woran können Sie sich noch erinnern?
Ronny Keller: Ich weiss noch, dass die Scheibe dort in der Spielfeldecke gelegen hat. Stefan Schnyder und ich sind beide dorthin gesprintet. Danach fehlen mir 10 bis 15 Minuten. Ich kann mich erst wieder daran erinnern, wie ich im Sanitätsraum gelegen bin, mit Ärzten, die um mich herumstanden und mich aufforderten, meine Beine zu bewegen.

Wie war dieser Moment für Sie?
Ich hatte das Gefühl, dass ich den Befehl gebe, aber es passierte nichts. Dann war da diese Stille im Raum. Da wusste ich, dass irgendetwas nicht mehr so ist, wie es sein sollte.

Wie oft denken Sie noch an diesen Tag zurück?
Wenn ich mal einen schlechten Tag habe und mir die Frage stelle, warum ich?, dann schweifen die Gedanken schon zurück.

Haben Sie das Video der fatalen Szene inzwischen gesehen?
Ja, schon ein paar Mal.

Und was empfinden sie dabei?
Eigentlich nichts. Der Film läuft ab, und man nimmt es zur Kenntnis.

Gibt es Bilder, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben?
Es sind eher Momente, an die man sich nicht gerne zurückerinnert. Zum Beispiel, als ich in Nottwil ankam und man mich irgendwie in die Röhre für das MRI beförderte. Da bekam ich gleichzeitig noch eine Magensonde verabreicht. Wenn einem bei vollem Bewusstsein ein Schlauch die Speiseröhre runtergestossen wird, dann vergisst man so etwas nicht so schnell.

Zumal Sie ja zu diesem Zeitpunkt die ganze Tragweite des Unfalls gar nicht erahnen konnten.
Deshalb hoffte ich auch, dass ich so schnell wie möglich operiert werde. Damit ich eine Narkose verabreicht bekomme und einfach abtauchen kann, mal Ruhe habe. Das Ganze war für mich sowohl körperlich als auch mental extrem belastend.

Hatten Sie inzwischen Kontakt mit Stefan Schnyder?
Er hat sich kurz nach dem Unfall per SMS bei mir gemeldet. Ich habe damals aber nicht reagiert, weil ich dazu ganz einfach nicht bereit war. Das erste Mal sahen wir uns dann vor dem Sportgericht in Lausanne. Dort haben wir uns die Hand gegeben und uns kurz begrüsst. Das war es dann aber auch.

Sie hatten also nie das Bedürfnis, mal länger mit ihm zu reden?
Nein, bis jetzt nicht.

Warum nicht?
Ich muss das Ganze für mich zuerst verarbeiten. Eines Tages bin ich vielleicht bereit für weitere Schritte.

Sind Sie wütend auf ihn?
Nein, ich habe immer gesagt, dass ich Stefan gegenüber keine Wut empfinde. Das, was passiert ist, hat er in diesem Ausmass sicher nie gewollt.

Das TAS, das höchste Sportgericht, hat kürzlich Ihren Rekurs zurückgewiesen. Aus dieser Warte bleibt es dabei, dass es sich um einen Unfall ohne Fremdverschulden gehandelt hat. Wie geht es weiter?
Sportjuristisch ist das Urteil definitiv. Ich habe es zur Kenntnis genommen und muss es erst einmal sacken lassen.

Normalerweise versucht man, so ein Unglück zu verdrängen. Sie werden jeden Tag daran erinnert. Wie geht man damit um?
Ich war schon vor meinem Unfall kein Mensch, der Probleme verdrängt hat. Der Unterschied ist, dass ich früher allen Rückschlägen irgendetwas Positives abgewinnen konnte. Ich sah überall einen Gewinn, eine Horizonterweiterung. In meiner jetzigen Situation fehlt diese Dimension. Das macht es umso schwieriger, mit der Gesamtsituation umzugehen. Ich versuche natürlich, jeden Tag ein Stück zu verarbeiten.

Wie zum Beispiel?
Indem man sich mit der Situation auseinandersetzt. Das können Gespräche mit meiner Frau oder mit meinen Freunden sein. Schon nur das SichGedanken-Machen gehört zu diesem Prozess. Aber man muss diese Gedanken auch aussprechen und austauschen können. Grundsätzlich versuche ich, das Beste aus meiner Situation zu machen. Ändern kann ich ja leider nichts mehr.

Wie oft gibt es noch Momente der Verzweiflung?
Verzweifelt war ich in der Anfangsphase, als alles ganz frisch war. Da fühlte ich mich auch hilflos. Jetzt werden die Abstände zwischen den Tiefs immer grösser. Die positiven Tage überwiegen die schlechten klar.

Wie fühlen sich die schlechten Tage an?
Wenn sich der Körper steif und verspannt anfühlt. Dazu kommt der mentale Aspekt, wenn man am Morgen im Bett liegt und sich fragt: «Was soll das alles?». Es sind ein paar Minuten, die von negativen Gedanken geprägt werden.

Wie kann man gegen diese negativen Gedanken ankämpfen?
Hier hilft mir sicher mein sportlicher Hintergrund. Ich musste früher oft kämpfen, wenn es nicht wie gewünscht gelaufen ist. Schon da half es mir, positiv zu denken.

Ihr Leben wurde von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Das war für Ihre Frau auch nicht einfach. Wie hat sich Ihr Schicksal auf eure Beziehung ausgewirkt?
Positiv! Wir hatten schon vorher ein super Verhältnis. Grundsätzlich bin ich ja immer noch der Gleiche wie vorher. Der Körper ist anders, aber ich bin immer noch der Mensch, in den sie sich damals verliebt hat. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, dass wir weiterhin Partner auf Augenhöhe sind. Ich wollte nicht, dass sie plötzlich meine Krankenschwester wird. Gewisse Bereiche muss man klar abgrenzen. Wenn ich da Hilfe brauche, dann hole ich die mir anderweitig.

Wurde Ihre Familienplanung durch den Unfall beeinträchtigt?
Nein, wir waren uns schon vorher einig, dass wir keine Kinder haben wollen. Darüber bin ich irgendwie auch froh. Es wäre aber trotz meiner Behinderung möglich gewesen, Kinder zu zeugen.

Wie sehen Ihre Alltagsprobleme aus?
Natürlich musste ich mich den neuen Gegebenheiten anpassen. Ich bin sicher nicht mehr so flexibel wie früher. Jetzt braucht alles viel mehr Planung. Ein Ausflug ins Restaurant gestaltet sich komplizierter. Ich muss abklären, ob alles rollstuhlgängig ist. Das öV-Fahren ist auch nicht ganz ohne. Je nach Zug oder Bahnhof kann es schwierig werden. Es kann auch sein, dass ich plötzlich vor einem Laden stehe, der nur über Stufen erreichbar ist. Wenn ich alleine unterwegs bin, muss ich halt einfach wildfremde Leute ansprechen und um Hilfe bitten.

Wie erleben Sie den Kontakt mit anderen Leuten? Fasst man Sie mit Samthandschuhen an? Spüren Sie Verunsicherung?
Die Leute helfen eigentlich gerne. Es ist sogar oft so, dass mir die Leute von sich aus ihre Hilfe anbieten, wenn ich im Auto sitze und meinen Rollstuhl auspacke. Es gab und gibt aber auch Kollegen, die Mühe hatten, mit der Situation umzugehen. Die haben keine Worte gefunden. Aber dafür habe ich völliges Verständnis. Ich bin froh, wenn die Leute offen und ehrlich sind und ihre Gefühle mir gegenüber zum Ausdruck bringen. Ich kann auch helfen, indem ich aktiv bin und von mir aus den Kontakt suche.

Wenn man so etwas erlebt hat wie Sie, dann relativieren sich ja viele, vergleichsweise harmlose Alltagsprobleme. Regen Sie sich weniger über Lappalien auf als vorher?
Im Wesen und Denken bin ich immer noch der Alte: Ich war schon vorher ein gelassener Mensch, der glücklich war mit dem, was er hatte. Trotzdem kann ich mich auch jetzt schon wieder über andere Autofahrer aufregen (lacht). Nach zwei bis drei Monaten sind die alten Muster wieder da.

Gibt es wieder Momente des Glücks?
Nach dem Unfall war es meine grosse Angst, ob ich jemals wieder glücklich sein kann. Die Glücksmomente sind aber durchaus wieder da. Was immer wieder kommt, ist der Gedanke: «Das war jetzt ein tolles Erlebnis – aber ich sitze leider im Rollstuhl.» Es ist einfach immer ein Grauschleier da. Ich arbeite daran, dass dieser Schleier auch noch verschwindet.

Können Sie im Traum noch gehen?
Interessanterweise träume ich von beidem: Dass ich normal gehen kann, aber auch, dass ich im Rollstuhl sitze. Manchmal sogar im gleichen Traum beides zusammen.

Waren Sie schon zurück am Ort des Unglücks, der Oltner Kleinholzhalle?
Ja, schon zweimal. Ich hatte keinerlei Probleme und auch keine schlechten Gefühle. Und darüber bin ich auch froh. Schliesslich liebe ich das Eishockey trotz meines Unfalls unverändert. Dieser Sport war eigentlich mein Leben. Ich habe als Fünfjähriger damit begonnen und fast 30 Jahre lang gespielt. Es wäre schade, wenn man all die guten Erinnerungen über Bord werfen würde.

Haben Sie die Eishockey-Meisterschaft verfolgt?
Ja.

Was löst es bei Ihnen aus, wenn Sie sehen, wie Spieler gefährlich in die Bande gecheckt werden?
Wenn ich einen Zweikampf in Bandennähe anschaue, dann mache ich mir mehr Gedanken als früher. Ich bin jedes Mal froh, wenn die Spieler wieder aufstehen.

Sie sind einer der Botschafter des Events Wings for Life. Wie haben Sie früher als unversehrter Mensch solche Aktionen wahrgenommen?
Wahrgenommen habe ich sie schon, aber nie Zeit gehabt, selber teilzunehmen oder mich einzubringen. Ich muss aber an dieser Stelle auch sagen, dass ich schon vor meinem Unfall mit dem Gedanken gespielt habe, mich bei solchen Hilfsprojekten zu engagieren. Ich war beruflich aber zu sehr eingespannt.

Für Sie haben sich durch den Unfall viele Türen geschlossen und höhere Hürden aufgestellt. Aber haben sich für Sie auch neue Türen geöffnet?
Der Eishockeyspieler Ronny Keller hat niemanden gross interessiert. Jetzt versuche ich umso mehr, Projekten wie Wings for Life durch meinen Bekanntheitsgrad eine Plattform zu bieten, ihnen eine Stimme zu geben. Ich bin auch Botschafter für ein Ferienhotel für Behinderte, welches im Kanton Thurgau eröffnet wird.

Wie sehen Ihre beruflichen Pläne aus?
Ich arbeite in Uster bei einem Kollegen in einem Treuhandbüro. Derzeit leiste ich ein 40-Prozent-Pensum, welches ich langsam steigern möchte. Ich muss immer darauf achten, wie mein Körper reagiert. Vollzeit wird nicht mehr möglich sein. Ich brauche allein am Morgen zwei Stunden, ehe ich «geputzt und gestrählt» bin.

Im sportlichen Bereich haben Sie keine Ambitionen mehr?
Den möchte ich sicher nicht ganz aus den Augen verlieren. Vielleicht ergibt sich eine Möglichkeit als Geschäftsführer oder als sportlicher Berater in einem Klub.

Welche Träume haben Sie?
Es wäre ein Traum, wieder laufen zu können. Ich bin Realist, aber wenn es Fortschritte gibt in der Medizin, dann nehme ich das gerne an. Wenn nicht, dann ist es halt so. Es wäre falsch, wenn man nur das vor Augen hätte. Man würde sich das Leben nur unnötig schwer machen. Ich würde auch gerne wieder verreisen. Ich möchte herausfinden, ob es noch möglich ist, im Rollstuhl auf den Malediven Ferien zu machen. Ob ich die Ferien so geniessen kann, wie ich es früher konnte.

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