Roger Federer (31), noch immer die Weltnummer 3 im Herrentennis, war nie ein Freund langer Grundlinienduelle. In ein solches war er jedoch in den vergangenen Monaten verwickelt. Sein Gegenüber, Roger Brennwald (67), zählt zwar nicht mehr zu den Jüngsten im Turnierbetrieb. Doch dies hindert ihn nicht, die Bälle so zäh und verbissen zu schlagen wie eh und je. Immer mehr drängte der Senior den Champion (31) in die Defensive.

Doch was Federer von anderen Weltklassespielern unterscheidet, ist die Fähigkeit, in unerwarteten Momenten unerwartete Bälle zu schlagen. Am Mittwoch gelang ihm ein solcher: Ein perfekter Stoppball, der genau hinter dem Netz aufsetzte und den Grundlinienspieler Brennwald ganz alt aussehen liess.

Brennwald, Gründer und Eigner der Swiss Indoors, hatte Federer zuvor arg in Bedrängnis gebracht. Seit vergangenem Turnier beklagte er, Federers Management verweigere Verhandlungen um einen neuen, mehrjährigen Vertrag mit dem Basler Lokalmatador. In immer neuen Andeutungen schilderte er Federer als Gefangenen seines Managers Tony Godsick. Oder schlimmer noch: Federer selbst erhebe für eine Basler Turnierteilnahme nicht akzeptable finanzielle Forderungen.

Federer stellte in Interviews in Abrede, dass Geldforderungen eine Einigung verhinderten. Doch seine Returns verloren in der Wiederholung an Kraft, sie wirkten zunehmend hilflos. Der Druck steigerte sich, als Federer im Januar nicht für das Nationalteam im Davis-Cup spielte. Zum Verdacht der Geldgier gesellte sich der Verdacht auf Heimatmüdigkeit.

Federer und die Swiss Indoors wurden zum dominierenden Thema unter den Tennisfunktionären. Die Zeitungen von «NZZ» über «Tages-Anzeiger», «bz» bis «Basler Zeitung» zeigten immer weniger Verständnis für den Sonnyboy des Schweizer Sports. Seinem Goodwill, der Leitwährung im Sponsoringgeschäft, drohte der Absturz.

Weltweit zählt Federer auf eine riesige Fangemeinde. Das Potenzial der sieben Millionen Schweizerinnen und Schweizer, die er verärgerte, wäre zahlenmässig leicht zu verkraften. Federer ist eine globale Marke, die für Gillette, Nike, Wilson und Mercedes-Benz wirbt. Doch als Werbe-Ikone ist Federer ebenso für Schweizer Firmen unterwegs, für die Credit Suisse, Jura, National Suisse, Lindt und Rolex. Und diese, so meinen einige zu wissen, seien not amused gewesen über den Stillstand in den Verhandlungen. Auch ihre Absatzmärkte liegen zwar zu einem wesentlichen Teil im Ausland, doch ein angeschlagener Swissness-Imageträger im Inland schadet.

Nicht nur Federer, auch Brennwald suchte ein Ende des Ballwechsels. Die Zeit lief ihm davon. Am 22. April eröffnet der Vorverkauf für die Swiss Indoors 2013, die vom 19. bis zum 27. Oktober in der St. Jakobshalle stattfinden. Auf den 29. April hat er bereits die Medienkonferenz angesetzt, den eigentlichen Startschuss für die Vermarktung des Turniers. Brennwald musste wissen, ob er Federer als Zugpferd einsetzen konnte oder ob er dessen Startgeld einsetzen kann, um andere Spitzenspieler nach Basel zu locken. Brennwald setzte ein Ultimatum. Doch eben: Federer konterte Brennwalds Winnerschlag mit einem gekonnten Stoppball.

Allen Medienschaffenden, die es wissen wollen, erzählt Brennwald die Geschichte: Er habe Federer erneut Frist gesetzt, ob er nun komme oder nicht. Am letzten Tag habe er von Federer-Manager Godsick per SMS eine Zusage erhalten und alles bisher weitere am nächsten Morgen im «Tages-Anzeiger» gelesen. Federer hatte seinem Biografen und Journalisten René Stauffer die Botschaft diktiert: Es sei für ihn immer klar gewesen, dass er in Basel spiele. Er könne in Basel auch ohne Verträge und Abmachungen spielen, wenn er Lust habe «und das habe ich». Und dann die Liebeserklärung an Basel: «Jeder weiss, wie viel mir das Turnier bedeutet, und das ist noch immer so. (. . .) Ich habe viele unvergessliche Momente erlebt in dieser einmaligen Atmosphäre mit den tollen Fans, und ich freue mich extrem, das auch dieses Jahr erleben zu können.» Der Druck ist damit weg, Federers Image frisch aufpoliert.

Brennwald hatte mit dieser Form der Kommunikation nicht gerechnet. «Überrascht» sei er über dieses Vorgehen, sagt er gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Einerseits muss er sich über Federers Entscheid freuen: Das Beispiel des Davis-Cup-Spiels, dem Federer ferngeblieben war, hat den Unterschied gezeigt. Statt eines satten Gewinns resultierte für den Veranstalter ein sechsstelliger Verlust, obwohl er in eine kleine Halle auswich, um Kosten zu sparen. Doch andererseits wäre eine Nichtteilnahme von Federer auch seine Chance gewesen zu demonstrieren, dass die Swiss Indoors nicht von Roger Federer leben, sondern von Roger Brennwald.

Die Plakatentwürfe für die Swiss Indoors sind bereits vorgelegen und zeigen die «neuen» Swiss Indoors: Nicht Superstar Federer, der die Massen in die Halle lockt, sondern eine Reihe von anderen Weltklassespielern, die für Basel zugesagt haben. Oder anders gesagt: Spitzentennis statt One-Man-Show.

Dieser Plan ist vorerst gescheitert: Wenn Federer antritt, muss Brennwald ihm hofieren. «Unser gegenseitiger Respekt und die Anerkennung bleiben unangetastet», ist die Formulierung des Turnierdirektors gegenüber seinem Zugpferd. Das Game hat Federer zwar gewonnen, doch wie der Match ausgeht, bleibt offen.

Die eigentliche Frage bleibt: Übernimmt Roger Federer das Turnier von Brennwald? Federer hat frühzeitig sein Interesse bekundet, seiner Aktiv-Karriere in Basel eine Veranstalter-Karriere am gleichen Ort folgen zu lassen. Doch Brennwald reagiert darauf auch heute gereizt. Er sagt, man soll doch endlich klarstellen: «Das Turnier ist nicht zu verkaufen.» Und auch Federers Management wisse: Wenn er verkaufe, dann kämen intern die vielen talentierten Mitarbeiter als mögliche Nachfolger infrage. Oder auch, was Brennwald erstmals sagt: «Eine familieninterne Lösung».

Allerdings ist Brennwald nicht bekannt als einer, der etwas verschenken würde. Dem Management könnte er das Turnier übergeben, aber nicht verkaufen. Zwischen 12 und 20 Millionen Franken, so sagt ein international erfahrener Tennisfachmann, dürften Brennwald bei einem Verkauf winken. Das Wertvolle ist dabei nicht die Basler Organisation, die einen Umsatz von knapp zwanzig Millionen Franken erzielt, sondern der Status des Turniers in der Serie «ATP World Tour 500» – und dafür gibt es weltweit zahlungskräftige Interessenten.

Will Brennwald Geld lösen und das Turnier in Basel behalten, kommt er an Federer nicht vorbei: Er böte als Einziger eine gewisse Garantie, dass die Swiss Indoors in Basel bleiben – oder dass er in der Schweiz zumindest nicht ein Konkurrenzturnier aufbaut, wie er auch schon antönte. Schliesst Federer in den nächsten Wochen mit Brennwald einen mehrjährigen Vertrag ab, wäre es erstaunlich, wenn dieser nicht eine entsprechende Klausel enthalten würde.

Das nächste Game hat bereits begonnen.

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