Von Petra Philippsen aus New York

Auf dem Platz vor dem Arthur Ashe Stadium herrschte am Freitagabend Ausnahmezustand. Roger Federer sass im halb offenen TV-Studio von ESPN und wollte gerade etwas sagen, doch er verstand sein eigenes Wort nicht mehr. Und die Fragen der Moderatoren schon gar nicht. Ein paar hundert Fans hatten sich hinter Federer zusammengedrängt, grölten und skandierten unaufhörlich «Let’s, go Roger! Let’s go Roger!» Und der 34 Jahre alte Baselbieter genoss die Zuneigung seiner Anhänger sichtlich, er wirkte gelöst und aufgekratzt und war in Plauderlaune.

Dass er es erstmals nach sechs Jahren wieder in den Final am US Open geschafft hatte, war einerseits befreiend, aber vor allem eine enorme Bestätigung für Federer. «Sechs Jahre klingt nach einer grossen Sache», sagte er, «aber mir kommt es ehrlich gar nicht so lange vor. Ich habe die letzten sechs Jahre alles versucht, um wieder dorthin zu kommen und war ein paar Mal dicht dran. Ich bin super happy und kann den Final gar nicht erwarten.» Der Jubel der Fans hinter ihm explodierte förmlich. So war es den ganzen Abend schon gegangen, drinnen im Arthur Ashe Stadium, wo die 24 000 Zuschauer Federer zu Füssen gelegen hatten. Er bot eine Machtdemonstration par excellence, der auch Stan Wawrinka nur applaudieren konnte. Federer hatte den 30 Jahre alten Lausanner furios in nur anderthalb Stunden mit 6:4, 6:3 und 6:1 vom Platz gefegt, als wäre dieser irgendein x-beliebiger Gegner gewesen. «Stan hat wirklich ein gutes Turnier gespielt», meinte Federer, «aber ich bin derzeit einfach in sehr guter Form – vielleicht in der besten jemals.»

Zum 42. Mal wird Federer heute nun gegen Novak Djokovic antreten, den Weltranglistenersten. Und der Schweizer rechnet sich gute Chancen aus, dass es mit dem ersehnten 18. Grand-Slam-Titel doch noch etwas werden wird. Denn Federer hat sich in diesem Sommer scheinbar selbst neu erfunden. Seine Aggressivität im Spiel hat er auf ein neues Level gehoben und sein noch offensiveres Angriffsspiel um den SABR, den Halbvolley-Return, erweitert. «Roger versucht immer, sich zu verbessern», erklärte Wawrinka, «aber wenn man ihn nach Wimbledon sieht, da ist er auf einem komplett anderen Niveau. In Wimbledon war er gut, aber jetzt spielt er unglaublich.»

Besonders der Aufschlag des Weltranglistenzweiten ist inzwischen eine weit gefährlichere und vor allem verlässlichere Waffe geworden. Seit dem Final von Wimbledon hat Federer kein einziges Servicegame mehr verloren – auch auf dem Weg zum Titel in Cincinnati, wo er unter anderem Andy Murray und Djokovic bezwang, hat der Schweizer alle 49 Aufschlagspiele gehalten. «Ich hatte schon immer einen guten Aufschlag», sagte Federer, «aber ich habe das Gefühl, dass ich jetzt die Bedingungen mehr zu meinem Vorteil nutzen kann. Und dass ich sehr viel mehr Konstanz in meinem Aufschlag habe.»

Die fehlte Wawrinka dagegen im Halbfinal völlig, im ersten Satz lag seine Quote gar bei schwachen 39 Prozent. Der Fünfte der Weltrangliste hatte zu Beginn zwar einige Breakchancen, doch an eine echte Sieg-Chance hatte Wawrinka offenbar nie richtig geglaubt. Zu stark war das, was Federer ihm entgegensetzte. «Roger hat so aggressiv gespielt, sich so schnell bewegt, mein Spiel so gut gelesen – alles ging viel zu schnell», meinte Wawrinka, «und er schlägt besser auf, als ich es je von ihm gesehen habe.»

Trotz der Abfuhr, die ihm sein Freund verpasst hatte, war Wawrinka dennoch mit seinem Turnier zufrieden. Denn ohne dass er sein bestes Tennis zeigen konnte, sei er in den Halbfinal gekommen. «Ich hatte in dieser Saison bei den Grand-Slam-Turnieren einen Viertelfinal, zwei Halbfinals und habe einmal gewonnen. Das ist fantastisch für mich.»

Auch Federer möchte seine Major-Bilanz in Flushing Meadows gerne verschönern, am liebsten krönen. Sechs Titel am US Open zu gewinnen, wäre allein schon ein weiterer Rekord, doch es ist die Zahl 18, die ihn reizt. Seit drei Jahren jagt Federer ihr nun schon hinterher, war in Wimbledon zuletzt knapp davor, jedoch an Djokovic gescheitert. Auch im All England Club hatte Federer sehr stark gespielt, aber wohl das Pech gehabt, dass er schon im Halbfinal gegen Murray seine absolute Bestleistung zeigte. Das soll ihm nun nach dem Auftritt gegen Wawrinka nicht passieren. Zudem hatte Federer seine Turnierplanung geschickter vor dem US Open dosiert und sich so wichtige Energiereserven für den Höhepunkt bewahrt. «Ich habe sicher sehr viel aus den Finals in Wimbledon und Cincinnati herausgezogen», sagte Federer, «und das Gute ist, dass ich körperlich und mental topfit bin und aus dem Vollen schöpfen kann.»

Und einen Matchplan hat sich der Baselbieter bereits zurechtgelegt: genau so spielen, wie gegen Wawrinka. «Ich muss genau so auf Angriff spielen, nach vorne gehen, sehr gut aufschlagen und ich werde auf jeden Fall auch den SABR einsetzen. Es wird nicht einfach, ich muss mein bestes Tennis spielen.» Vor dem Endspiel in Wimbledon war die Ausgangslage ähnlich gewesen. Federer schien besser denn je zu spielen, doch er konnte gegen Djokovic im entscheidenden Moment nicht nachlegen. Nun liegt eine neue Qualität in seinem Spiel – die Chance auf Trophäe Nummer 18 scheint so gross wie lange nicht mehr. «Wenn Roger dieses Level im Final halten kann», sagt Wawrinka, «dann ist er nur schwer zu schlagen.

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