Lange Zeit stürmte Roger Federer von Sieg zu Sieg. Doch Vater Robert Federer wusste schon damals: «Es kommen auch mal härtere Zeiten auf uns zu, wenn Roger öfters verliert.» Er sollte recht behalten. «Uns bleiben jetzt die Erinnerungen an seine tolle Karriere, an die Zeiten, als Roger die Nummer eins war und alle Grand-Slam-Turniere gewonnen hat», sagt Robert. Die Welt gehe nicht unter, wenn er öfters einmal verliere. «Wir können deshalb noch immer gut schlafen», sagt Robert.

Gewisse Journalisten, weiss der Vater, haben Roger schon vor vier, fünf Jahren abgeschrieben. «Und dann ist er im vergangenen Jahr wieder die Nummer eins geworden, brach den Rekord als längste Nummer eins der Welt und gewann seinen 17. Grand-Slam-Titel», sagt Robert. «Wir hoffen natürlich, dass Roger noch einmal so richtig in Fahrt kommt, die Probleme mit seinem Rücken sind behoben.»

Die meisten Reaktionen der Leute sind sowieso positiv. «Sie schätzen, was ihnen Roger mehr als zehn Jahre lang auf dem Tennisplatz geboten hat», sagt Mutter Lynette. Negative Bemerkungen seien ganz selten. In New York beim US Open traf Robert eine Inderin: «Sagen Sie ihm, er soll nur nicht aufhören, bat sie mich», erzählt er. Natürlich gebe es Leute, die finden, jetzt sei der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt. Aber fast alle Mails oder Briefe seien positiv, aufbauend. Und noch niemand habe ein diffamierendes Mail geschickt.

Traurig seien manche Fans, wenn er verliere. «Die stellen sogar den Fernseher ab, weil sie das gar nicht sehen wollen», sagt Lynette. Es sei ja unglaublich, wie viele Fans er habe. 700 Millionen Menschen hätten beispielsweise den Wimbledon-Final gegen Rafael Nadal verfolgt. «Und mitten im Busch von Afrika traf ich Leute, die Federer kannten, unglaublich», erinnert sich Robert. «So etwas konnten wir uns vor 15 Jahren überhaupt nicht vorstellen.»

«Das Schönste für mich ist, früh im Stadion zu sein und beim Einmarsch die Begrüssung, die Anerkennung zu erleben, die Roger überall geniesst, selbst wenn er in Paris gegen einen Franzosen spielt», sagt Robert.

Äusserlich sehr ruhig wirken die Federers immer auf der Tribüne. «Ich lebe mit, aber ich spüre schnell, wie ein Match läuft, geniesse den Sport, die Zauberschläge, ich liebe Tennis», sagt Lynette. «Den Wimbledon-Final vor einem Jahr gegen Andy Murray habe ich ganz entspannt genossen, bis Roger im vierten Satz mit einem Break in Führung ging, dann zitterte ich jedes Mal bei seinem Service», erinnert sich Robert. Es sei ganz ihr Stil, der des ganzen Umfelds, auch der Trainer, ruhig in der Spielerbox zu sitzen.

«Jeder Sportler, ob ein Fabian Cancellara, ein Simon Ammann oder Tom Lüthi muss selbst entscheiden, wann er zum Rücktritt bereit ist», findet Lynette. Über dieses Thema hätten sie mit ihrem Sohn bis jetzt noch nie gesprochen. «Aber wir haben eine tolle Beziehung, obwohl er schon mit 14 das Elternhaus verliess – und inzwischen ist aus dem Buben ein Mann mit eigener Familie geworden», sagt Lynette. «Wir verbringen immer noch Ferien zusammen», sagt Robert. Auch deshalb besuchen sie vor allem die Grand-Slam-Turniere, nicht alleine wegen des Tennis, sondern auch um die Familie, die Enkel zu sehen.

Zwei Höhepunkte in der Karriere heben die Federers heraus. Da ist der erste Wimbledonsieg im Jahr 2003. «Danach wussten wir, er hat es geschafft», sagt Lynette. «Man hat ja lange darauf gewartet», ergänzt Robert. Zweiter Meilenstein war der Titel als Juniorenweltmeister 1998. «Da glaubte ich, dass er auf der Profitour bestehen kann», sagt sie. «Nun konnten wir ihn mit gutem Gewissen ins Profitennis entlassen», erklärt Robert. Lange hätten sie überlegt, ob das der richtige Weg sei.

Die grösste Enttäuschung erlebten die Federers ebenfalls in Wimbledon. 2002 scheiterte Roger bereits in der ersten Runde am Kroaten Mario Ancic, einem Qualifier. Und das, nachdem er im Jahr zuvor sein Idol Pete Sampras geschlagen hatte. Einen Star, ebenfalls im Herbst der Karriere.

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