Stemmt Federer heute zum siebten Mal die Trophäe in die Höhe, dann steigt er morgen wieder auf den Thron der Nummer eins. Dann zieht er in der ewigen Weltrangliste mit Sampras gleich und egalisiert die 286 Wochen als bester Tennisspieler. Und weil weder Federer noch seine Konkurrenten in der nächsten Woche ein ATP-Turnier bestreiten, würde er in einer Woche diese Ehre alleine halten. Nebenbei lockt für den bald 31-Jährigen der 16 Grand-Slam-Titel.

Die Nummer eins der Welt – davon spricht Federer schon in jungen Jahren und geht beharrlich seinen Weg. Früh zeigt sich sein aussergewöhnliches Talent im Umgang mit dem Ball. Mit zwölf Jahren setzt er ganz auf die Karte Tennis, dem Fussball geht ein möglicher Nationalspieler verloren.

Zwei Jahre später ruft Swiss Tennis, will ihn nach Ecublens ins Leistungszentrum holen. Federer sagt zunächst Nein, doch plötzlich überrascht er seine Mutter Lynette und entscheidet sich für den Wechsel. Tränen gibts jeden Montag, wenn der 14-Jährige nach dem Wochenende zu Hause wieder in den Zug Richtung Lausanne steigt. Heimweh plagt ihn. Doch er beisst sich durch. Nicht nur auf dem Tennisplatz, auch in Sachen Sprache. Perfekt spricht er heute französisch und hält noch immer Kontakt zur damaligen Gastfamilie. Später folgt der Umzug nach Biel, wo Swiss Tennis sein neues Leistungszentrum eröffnet. Mit seinem Basler Kumpel Marco Chiudinelli erlebt er dort eine tolle Zeit.

Die ersten Erfolge auf der Juniorentour stellen sich ein. 1988 triumphiert er in Wimbledon. Zwei Tage später gibt er in Gstaad seinen Einstand auf dem höchsten Niveau der Profitour. Sein Talent schimmert durch, aber körperlich ist er dem Argentinier Lucas Arnold hoch unterlegen. Ende des Jahres taucht er mit blond gefärbten Haaren auf. In Miami gewinnt er die Orange Bowl, die inoffizielle Weltmeisterschaft der Junioren.

Hartes Brot isst Federer dann bei den Profis. Er ist impulsiv, vor Zorn zerschlagene Rackets gehören zu seinem Spiel. Er kassiert sogar eine Strafe, weil er sich in einem Match hängen lässt und angeblich nicht sein Bestes gibt. Das Jahr 2000 ist richtungsweisend. Federer trennt sich vom Schweizer Verband, will auf eigenen Füssen stehen. Er verpflichtet Peter Lundgren als Trainer, er spielt seinen ersten Final, den er in Marseille gegen Marc Rosset verliert.

Bei den Olympischen Spielen in Sydney verpasst Federer als Vierter die Bronzemedaille. Dafür findet er privat sein Glück. Er verliebt sich in Miroslava Vavrinec, die jeder nur Mirka nennt. Sie spielt ebenfalls für die Schweiz bei Olympia. Seither sind sie nicht nur ein Paar. Mirka hält Roger den Rücken frei. Sie muss zwei Jahre später ihre Karriere beenden, seither managt sie beider Leben, er kann sich aufs Tennis konzentrieren. Ende des Jahres 2000 verpflichtet Federer mit Pierre Paganini einen ausgesprochenen Fachmann in Sachen Kondition. Er hat erkannt, dass Talent alleine ihn nicht an die Spitze bringt.

Paganini ist ein Glücksfall für Federer und weit mehr als sein Konditionstrainer. Paganini ist eine seiner Vertrauenspersonen. Federer ist alles andere denn ein Trainingsweltmeister. Doch er weiss, was es braucht. Mit Paganini erstellt er die Jahresplanung. Er organisiert seine Trainingswochen, in denen er sich auf die körperlichen Strapazen der Tour vorbereitet. Er legt Pausen ein, weiss inzwischen ganz genau, was er seinem Körper zumuten kann. Darum wirkt er auch in seiner 14. Saison als Profi noch frisch.

Federer kapiert auch, dass seine emotionalen Ausbrüche auf dem Platz nichts bringen. Er kontrolliert sich, zeigt gegen aussen keine Regung mehr. Er wird seinem Trainer zu ruhig. Nach der Erstrundenpleite von Paris im Jahr 2003 kritisiert ihn Lundgren, dass er die Niederlage einfach über sich habe ergehen lassen. Die ersten Experten zweifeln inzwischen, ob er je den grossen Durchbruch schafft, spotten über ihn. Sechs Wochen später straft er alle Kritiker Lügen. Zum ersten Mal triumphiert er in Wimbledon. Und im Februar 2004 übernimmt er die Spitze der Weltrangliste. Bis zum April 2008 bleibt er die Nummer eins, dann löst ihn Rafael Nadal ab. Doch rutscht Federer seither nie weiter als auf Platz drei ab.

Inzwischen ist Federer verheiratet und seit drei Jahren Vater der Zwillingsmädchen Charlene und Myla. Vieles hat sich in seinem Leben verändert, seine Einstellung zum Tennis nicht. Auch wenn er nun mit seiner ganzen Familie um die Welt reist, Federer ist der absolute Profi geblieben.

Tennis ist sein Beruf, dem er alles unterordnet, aber nicht verbissen. Auf dem Platz hat er längst die Balance zwischen Coolness und Emotionen gefunden. Federer weiss, wie sehr er im Fokus steht, unbedachte Äusserungen lässt er sich praktisch nicht entlocken. Und wenn er in der Öffentlichkeit auftritt, dann gibts keine Ausrutscher. Dabei spielt er gerne mal ein bisschen verrückt, streckt während einer Taxifahrt in New York den Kopf zum Fenster raus und brüllt laut in die Nacht hinaus.

Die Fans feiern den Baselbieter wie einen Popstar. Der schreibt geduldig Autogramm um Autogramm, bleibt immer freundlich und drängt sich überhaupt nicht in den Vordergrund. Vor wenigen Wochen steigt ein älterer Herr zu uns in den Lift. «Wow, sagt er, wenn ich jetzt meiner Frau erzähle, mit wem ich Lift gefahren bin.» Federer lächelt nur, deutet auf mich und sagt: «Ja, mit dem Journalisten vom ‹Sonntag›.»

Natürlich hat sich Roger Federer seit Beginn seiner Profikarriere verändert. Es ist nicht mehr möglich, ihn nach einem Turniersieg morgens um zehn anzurufen und ein verschlafenes «Federer» zu hören, dazu «macht nichts, aber kannst du in zwei Stunden nochmals anrufen?» Federer muss sich abschotten, sein Tag hat auch nur 24 Stunden, jeder der ihn sieht, will am liebsten etwas von ihm.

Doch für einen Weltstar seiner Klasse ist er überraschend natürlich und auf dem Boden geblieben. Er fährt mit seiner Familie in Zürich mit dem Tram in den Zoo, ist peinlich berührt, wenn er dort nicht Eintritt zahlen darf. Federer ist ein Glücksfall für den Sport. «Er ist unser bester Botschafter», betont der dreimalige Wimbledonsieger Boris Becker. Und es kann nichts Besseres passieren, wenn dieser Botschafter auch noch ausgewiesen der beste Sportler ist. Der Mann, den selbst seine schärfsten Rivalen den Besten der Geschichte nennen. Wieder einmal belehrt Federer seine Kritiker und beweist, dass er noch längst nicht zum alten Eisen gehört.

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