Er vermittle der Mannschaft zwar den totalen Ehrgeiz, sagt René Weiler. «Aber ich bin deswegen nicht verbissen. So sage ich auch nicht, dass wir aufsteigen müssen. Man erreicht sowieso nur, was man verdient, und nicht, was man herbeisehnt.» Ein typischer Weiler. Ohne Punkt und Komma. Mit Verve und Überzeugung, was ihm zuweilen als Arroganz ausgelegt wird. Nicht in Deutschland, aber in der Schweiz. Doch dazu später.

Es ist die Woche nach dem heroischen 3:1-Sieg gegen das neureiche, von Red Bull alimentierte Leipzig. Nürnberg ist wieder mal ziemlich zappelig. Okay, Nürnberg ist häufig zappelig. Aber jetzt ein bisschen mehr als sonst. Obwohl Reporter Martin Funk von der Bild-Zeitung sagt: «Wir kriegen kaum mehr Indiskretionen zugespielt. Der 1. FC Nürnberg bietet kaum noch Angriffsfläche.»

Dabei heisst ein geflügeltes Wort: Der Club – so wird Nürnberg auch genannt – ist ein Depp. Einerseits, weil immer wieder selbstzerstörerische Kräfte im und um den Club gewütet haben. Andererseits ist der fränkische Traditionsverein Bundesliga-Rekordabsteiger.

Doch Nürnberg ist gerade etwas aus dem Häuschen, weil es in Erwartung grosser Entscheidungen ist. Nur drei Punkte beträgt der Rückstand auf einen der beiden Aufstiegsplätze. Und sollte es mit dem direkten Aufstieg nicht klappen, besteht immer noch die Chance zum grossen Coup über die Relegationsspiele gegen den Drittletzten der 1. Bundesliga. Selbstverständlich weckt der Erfolg Begehrlichkeiten. Im Zentrum steht dabei der 43-jährige Trainer René Weiler aus Winterthur.

Bleibt er? Oder geht er trotz Vertrag bis 2017? Es ist die zentrale Frage in Nürnberg. «Wenn Weiler geht, zerren wir ihn mit dem Lasso nach Nürnberg zurück», sagt ein Fan. Leipzig, ausgerechnet, soll Interesse an einer Verpflichtung des früheren Aarau-Trainers haben. «Weiler identifiziert sich zwar mit dem Club», sagt Reporter Funk. «Aber ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass er geht. Ausser, er steigt auf. Dann bleibt er. Schliesslich ist diese Geschichte sein Baby.» Weiler will dazu nichts sagen. Fakt ist: Wenn in Deutschland das TrainerKarussell zu drehen beginnt, sitzt Weiler in der ersten Reihe.

Dabei war Weiler noch vor acht Monaten angezählt. Zwar hatte er die Franken – Weiler folgte am 12. November 2014 auf Valérien Ismaël – souverän aus der Abstiegszone navigiert. Doch die Mannschaft wurde im Sommer 2015 unzureichend verstärkt. Und gleich im ersten Saisonspiel ausgeknockt – 3:6 in Freiburg. Daraufhin befahl Sportdirektor Martin Bader der Mannschaft, sie müsse sich während der Heimreise mitten in der Nacht auf einem Autobahn-Parkplatz den erbosten Ultras stellen. Ein Eigentor, wie sich später herausstellte.

Weiler gehorchte. Stieg aus dem Bus. Stellte sich in der Dunkelheit den «bösen Jungs». Und scheute sich in der turbulenten Phase zu Saisonbeginn nicht davor, sich selbst zu kritisieren. In der Schweiz nahm man das vereinzelt als Bankrotterklärung wahr. Heute sagt Weiler: «Ich mag es nicht, wenn man Verfehlungen immer mit Dritten zu erklären versucht. Ich habe damals ein Eingeständnis gemacht und bin damit nur mit ins Boot gestiegen. Ich habe gesagt, alles müsse besser werden: die Mannschaft, die Resultate, der Trainer.»

Nur, die internen Differenzen zwischen Weiler und Bader wurden in der Öffentlichkeit zum Machtkampf hochstilisiert. Reporter Funk sagt: «Der Streit zwischen Bader und Weiler hat nicht nur die beiden, sondern den ganzen Verein geschwächt.» Dabei war der Ausgang absehbar. Weiler muss weg. Schliesslich gilt in der Krise der Trainer als schwächstes Glied. Ausserdem hat sich Bader in elf Jahren beim Club eine irrwitzige Machtposition erarbeitet.

Doch dann schrieb die «Süddeutsche Zeitung»: «Trainer Weiler muss sich nicht mehr in Machtkämpfen aufreiben.» Ein Insider sagt: «Bader hat sich mit der Parkplatz-Aktion selbst ins Bein geschossen, weil er mit dieser Aktion die Glaubwürdigkeit im Verein endgültig verloren hat.» Er musste gehen. Und Weiler? Der schweigt zur ganzen Geschichte und verweist einzig darauf, dass sein Team unterdessen an Stabilität gewonnen und seit September 2015 nur ein Ligaspiel verloren hat.

Weiler öffnet die Wohnungstür. Drinnen ist es ungewohnt ruhig. Lebenspartnerin Alexandra und die beiden Söhne sind in der Schweiz. «15 Minuten, dann gehen wir los. Okay?» Wir machen uns auf den Weg ins Nürnberger Eishockey-Stadion. Die lokalen Ice Tigers empfangen Iserlohn zum vierten Spiel der Playoff-Viertelfinal-Serie. Auf dem halbstündigen Spaziergang provoziere ich: «Ein Kollege, absoluter Bochum-Fan, findet, ihr hättet einen Riesen-Dusel.» «Von wegen Dusel», ereifert sich Weiler. «Wir sind die zweitlaufstärkste Mannschaft der Liga und wir haben einen tollen Teamgeist und eine super Mentalität in der Mannschaft. Dazu eine Anekdote: Unser Stürmer Niclas Füllkrug kassiert gegen Leipzig einen heftigen Schlag. Der Fuss ist blau und der Spieler will in der Pause ausgewechselt werden. Ich frage den Arzt: Ist etwas kaputt? Nein, sagt dieser. Ich mache Füllkrug klar, wie wichtig er ist. Er beisst auf die Zähne und geht raus. Aber schon in der 60. Minute signalisiert er erneut: auswechseln. Leipzig führt zu diesem Zeitpunkt 1:0. Wir alle treiben ihn an. Wir gleichen aus und danach erzielt Füllkrug sogar das 2:1. Ein Wahnsinn. Und stell dir vor, wir hätten 0:2 verloren. Ich wäre der Depp gewesen. Viele hätten sich – vielleicht zu Recht – gefragt, warum um Himmels willen dieser Füllkrug nicht vom Feld genommen wurde. Das Leben als Trainer ist öfters ein Tanz auf der Rasierklinge.»

Die Ice Tigers gewinnen das Spiel mit 7:1. Wir machen uns auf den Heimweg. Stockdunkle Nacht. «Ich will nicht vom Fussballberuf allein abhängig sein», sagt Weiler. «Denn als Trainer bist du eh schon extrem abgängig: vom Vorstand, von den Spielern, von den Resultaten, von den Medien, von den Fans und von deinen wie anderen Launen. Nein, das will ich nicht. In diesem Geschäft sollte man sich eine Lockerheit aneignen. Das habe ich mit Weiterbildungen gemacht, so auch mit dem kürzlich abgeschlossenen Master in Kommunikation. Wenn ich merke, der Trainerjob tut mir nicht mehr gut, höre ich auf und wechsle vielleicht in den Journalismus. Jedenfalls möchte ich nicht mit 50 völlig gekennzeichnet und wie scheintot aussehen. Das Business kostet viel Substanz, ist hart!»

Zu Hause bei Weiler setzen wir uns an den Tisch. Hast du Martin Schmidt von Mainz schon getroffen? «Nein. Aber Schmidt ist wunderbar authentisch. Das ist in der Scheinwelt des Profifussballs nicht selbstverständlich. Denn sich selber zu sein, bedeutet nicht, dass man sich immer im besten Licht präsentiert. Ausserdem finde ich es toll, wie es Schmidt ohne Seilschaften in die Bundesliga geschafft hat. Ich glaube, punkto Authentizität sind wir uns ähnlich.»

Und dann kommt die Schweiz, der FC Aarau, zwangsläufig. Die Ambivalenz. Wechselseitig. Weiler wurde zwar respektiert, aber nicht restlos bewundert. Arroganz wurde ihm vorgeworfen, weil er in Aarau ausgestiegen ist, ohne einen neuen Job zu haben. Später, als Paulo Sousa die Türe zum Trainerbüro beim FC Basel geschlossen hatte, hiess es, Weiler hätte sich verspekuliert. «Schwachsinn», sagt er. «Mein Vertrag lief noch zwei Jahre und ich hätte ja halbherzig weitermachen können. Aber schon im März habe ich meiner Frau Alexandra gesagt, dass ich Ende Saison in Aarau aufhören werde. Denn ich spürte, dass mit Aarau in der damaligen Konstellation das Ende der Fahnenstange erreicht war. Trotzdem habe ich nie Dienst nach Vorschrift abgeliefert. Selbst im letzten Spiel, als wir gegen den FC Zürich in der Pause 1:2 hinten lagen, bin ich nochmals ausgeflippt. Glücklicherweise konnten wir dieses Spiel noch ausgleichen.»

Es ist halb zwei in der Nacht. «Zeit, schlafen zu gehen», meint Weiler. «Morgen muss ich früh raus.» Wir verabschieden uns. Bis zum nächsten Mal. In der 1. Bundesliga. Wo auch immer.

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