Ratlosigkeit und «Mondbälle»

Timea Bacsinszky scheidet im Einzel bereits in der ersten Runde aus. Foto: Keystone

Timea Bacsinszky scheidet im Einzel bereits in der ersten Runde aus. Foto: Keystone

Nach einer kläglichen Niederlage ist für Timea Bacsinszky das olympische Abenteuer im Einzel zu Ende

Unsere stolze Tennis-Titanic hat in Rio den Eisberg gerammt. Die Schweizerinnen und Schweizer müssen im Einzel bereits nach dem ersten Tag alle Hoffnungen fahren lassen. Die Medaillenanwärter Roger Federer, Stan Wawrinka und Belinda Bencic haben bekanntlich auf eine Teilnahme verzichtet. Und nun ist Timea Bacsinszky, unsere letzte verbliebene Mohikanerin im Einzel, bereits in der ersten Runde gescheitert. Kläglich gescheitert. Gegen die Chinesin Shuai Zhang hat sie als klare Favoritin (Nummer 15 der Welt) in einem dramatischen Match 7:6 (7:4), 4:6, 6:7 (7:9) verloren. Nachdem sie im zweiten Tiebreak drei Matchbälle in Folge vergeben hatte. Was die Pleite gegen die Nummer 51 der Welt noch bitterer macht: In der zweiten Runde hätte Timea Bacsinszky gute Chancen gehabt. Entweder gegen die Deutsche Laura Siegemund (Weltnummer 33) oder die Bulgarin Tsvetana Pironkova (Nr. 76). Allerdings nur im Falle einer markanten Leistungssteigerung.

Nun ist Timea Bacsinszky also nicht über die erste Runde hinausgekommen. Wie vor vier Jahren in Peking. Damals verlor sie allerdings als Aussenseiterin gegen die Amerikanerin Venus Williams. Jetzt ist es ein blamables Ausscheiden. Kläglich gescheitert? Blamabel ausgeschieden? Darf man das so sagen?

Nun, zu diesem unbarmherzigen Urteil kommt der neutrale Beobachter, der keine Rücksicht auf Befindlichkeiten nimmt. Schon in der letzten Phase dieses Dramas über fast drei Stunden (exakt 175 Minuten) wirkt die Waadtländerin unkonzentriert und spielt zu oft «Mondbälle». Hohe Bälle, die eine immer grössere Ratlosigkeit und Verzweiflung verraten. Ähnlich wie eine Eishockey-Mannschaft, die in letzter Verzweiflung die Scheibe einfach nur noch blind ins gegnerische Drittel schiesst und hofft, so irgendwie zu einer Chance und einem Tor zu kommen. Der neutrale Zaungast spürt förmlich, wie sie die heraufziehende Niederlage ahnt und sich der negativen Dynamik nicht mehr zu entziehen vermag. Vom Ende her betrachtet, im Wissen um den Ausgang des Spiels, ist es trotz dem knappen Resultat und dem dramatischen Verlauf eine klare, eindeutige Niederlage, die sich früh abgezeichnet hat.

Es gibt aber auch die andere Wahrnehmung als die des neutralen Zuschauers. Nämlich die der Spielerin. Die Enttäuschung steht ihr eine Viertelstunde nach der Niederlage ins Gesicht geschrieben. Es ist ein wenig unfair, dass nicht nur die Siegerinnen, sondern auch gestürzte Heldinnen schon ein paar Minuten nach dem Match den neugierigen Chronistinnen und Chronisten Rede und Antwort stehen müssen. Aber so sind nun mal die Regeln im grossen olympischen Zirkus.

Wie überraschend dieses frühe Ende kommt, zeigt sich am geringen medialen Interesse. Gerade mal vier Chronisten sind da, um nach dem Befinden der Protagonistin zu fragen. Offenbar hat niemand mit diesem frühen Ausscheiden gerechnet. Timea Bacsinszky verhält sich professionell. Sie nimmt sich zusammen und sagt freundlich, es habe nicht viel gefehlt. «Ich habe alles probiert, aber es hat nicht gereicht.» Der knappe Ausgang sei kein Trost. «Verloren ist verloren.» Sie sei bereit gewesen. Aber ihre Gegnerin habe viel besser gespielt, als sie erwartet habe. Und dann bricht sich der Ärger über die Niederlage doch noch Bahn. Einer der vier Chronisten, mit den Besonderheiten offenbar nicht so vertraut, fragt mitfühlend und taktvoll, ob die grosse Hitze ein Problem gewesen sei. Die brasilianische Sonne brannte schliesslich unbarmherzig vom Himmel und kein Windhauch kühlte. Es waren wohl gefühlte 40 Grad. «Nein», sagte Timea Bacsinszky unwirsch. «Sie sollten doch wissen, dass ich die Hitze mag.»

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