VON MARCEL KUCHTA

Es ist ein wunderschöner Dezembertag. Der Nordföhn bläst in Norditalien mit voller Wucht. Die Alpen türmen sich stolz am Horizont. Eine Szenerie, die so gar nicht zum schmucklosen Vorort Mailands passen will. Die Ortschaft Castellanza, an der Peripherie der lombardischen Metropole gelegen, versprüht null Charme. Genauso wenig wie das schlichte Backsteingebäude, welches von einem meterhohen Gitterzaun umgeben ist und die Aura eines Hochsicherheitstrakts hat. Das Mapei-Center ist an diesem Tag das Ziel von Thomas Frei.

Nur das Logo des Namen gebenden Sponsors bringt etwas Farbe in die Tristesse. Bunte Ballone sind das Markenzeichen des italienischen Baumaterialgiganten Mapei, der einst eine äusserst erfolgreiche Radsportequipe alimentiert hat. Auch Tony Rominger gehörte zu den Fahrern der Mannschaft, die die Szene jahrelang fast nach Belieben dominierte. In Castellanza befand sich das Nervenzentrum des Teams. Heute erinnern nur noch unzählige, an die Wand genagelte Bilder, Diplome und Leadertrikots an jene ruhmreichen Zeiten.

Wenn man diese Erinnerungsstücke heutzutage anschaut, dann beschleichen den Betrachter allerdings eher unangenehme Gefühle. Das Mapei-Team war während der Blütezeit des Blutdopingmittels Epo eine Macht. Was damals in den Räumlichkeiten des Backsteinbaus ablief, lässt sich nur erahnen.

Man will es lieber nicht wissen. Umso verrückter erscheint der Umstand, dass ausgerechnet derselbe Ort nun eine Anlaufstelle für des Dopings überführte Radprofis geworden ist, die «sauber» in den Spitzensport zurückkehren wollen. Der italienische Superstar Ivan Basso bereitete sich hier auf sein Comeback vor, ebenso Riccardo Ricco. Und nun eben auch Thomas Frei, der beim Anblick der Triumphbilder fast ein wenig wehmütig bemerkt: «Das waren noch Zeiten, als man den Veloprofis zugejubelt hat.»

Thomas Frei besucht an diesem Dezembertag zum dritten Mal das Mapei-Center. Bei seinen ersten beiden Stippvisiten waren nur die Blutwerte untersucht worden. Nun muss er sich das erste Mal den beiden vorgesehenen Leistungstests unterziehen. Das «Labor» versprüht den Charme einer modernen Folterkammer. Es wimmelt von Geräten, Kabeln, Liegen, Monitoren und medizinischen Utensilien. Frei wird zunächst von Kopf bis Fuss vermessen.

Körpergrösse, Körpergewicht, Körperfett, Muskelmasse, Atmung – alles wird fein säuberlich in Freis Akte notiert. Danach erhält er von Andrea Bosio, einem der wissenschaftlichen Mitarbeiter, die Instruktionen, wie der Ausdauertest ablaufen soll. Frei setzt sich in kompletter Velomontur auf einen Hometrainer, der exakt nach seinen Bedürfnissen ausgerichtet wurde. «Der Test wird sehr hart sein für dich. Aber mach dir keine Sorgen», sagt Bosio lächelnd und startet das Computerprogramm, welches die Belastung in regelmässigen Abständen erhöht. Am Ende wird Frei so hart kämpfen müssen, wie wenn er 13 Minuten lang mit voller Kraft eine Steigung erklimmt.

Den Test absolviert er ohne grössere Probleme. Seine Leistungswerte sind angesichts der Tatsache, dass er seit April keine Rennen mehr gefahren ist und einige Monate überhaupt nicht trainiert hat, zufriedenstellend. Noch besteht allerdings selbstredend ein beträchtliches Steigerungspotenzial. Zur Qual wird für Thomas Frei erst der zweite Leistungstest, der so genannte VO2max-Test. Dabei wird die maximale Sauerstoff-Aufnahmekapazität des Athleten gemessen.

Dazu wird die Watt-Leistung ständig erhöht bis zur totalen Erschöpfung. «Selbst wenn du völlig erledigt bist, mach weiter», muntert Bosio seinen Schützling vor dem Test auf. Zu Beginn pedalt Frei locker drauflos, ehe sein Gesichtsausdruck nach und nach zur Grimasse mutiert. «Exzellent Thomas. Ich weiss, es ist hart. Aber mach so weiter», treibt Bosio Frei auf der Leistungsstufe 450 Watt an.

Kurz vor den 500 Watt, dem angestrebten Level, nimmt die Gesichtsfarbe des Oltners besorgniserregende Rottöne an. «Gib nicht auf! Probier es! Noch 30 Sekunden, dann hast du es geschafft». Mit einem Stöhnen bricht Frei den Test entkräftet ab. Bosio ist zufrieden: «Thomas hat einen sehr guten Motor. Radprofis in Hochform erreichen bei dem Test Werte zwischen 525 und 550 Watt.»

Inzwischen ist es dunkel geworden draussen, Frei ist seit über drei Stunden im Backsteinbau. Der vorletzte Programmpunkt steht an: der Blutmassen-Test. Mittels einer furchterregend anmutenden Apparatur, die entfernt an eine Wasserpfeife erinnert, wird Thomas Freis Gesamthämoglobin eruiert. Die Werte, die ein Computer mittels komplizierter Software ausspuckt, landen in Thomas Freis Akte und auch im Blutpass. «Wer sich dafür interessiert, kann sich die Daten im Frühjahr 2011 auch im Internet anschauen», unterstreicht Frei, der auf dem Weg zu seinem sauberen Comeback mit offenen Karten spielen möchte.

Bei Unregelmässigkeiten, die auf eine (Doping-)Manipulation des Athleten hinweisen, beendet das Mapei-Center die Zusammenarbeit mit dem betroffenen Athleten gemäss Zentrumsleiter Andrea Morelli «unverzüglich». Man weiss auch in Castellanza um die allgegenwärtige Dopingthematik. In der abschliessenden Analyse erklärt Morelli Frei, worauf er in den kommenden Wochen achten muss. Im Januar steht der nächste Besuch auf dem Programm. Der nächste Akt auf dem quälend langen Weg, an dessen Ende lediglich die Ungewissheit wartet.

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