Dann kommt er an die Stelle und denkt: «Heute bin ich der Sieger!» Und er wäre es geworden, wenn es gut ausgegangen wäre.

Bei Beat Feuz ist es nicht gut ausgegangen. «Meine Linie nach dem Hausberg und bei der Einfahrt in die Traverse war die Siegerlinie. Aber es kann auch die Abschusslinie sein.» Feuz wurde abgeworfen. Sturz statt Triumph. Bangen statt Freude.

Wenig später gab er Entwarnung: «Ich bin unverletzt.» Ein bisschen schmerzte sein Körper zwar. «Aber nicht so, dass ich nächste Woche nicht Ski fahren könnte.» Mehr schmerzte der verpasste Sieg. «Ich wusste, dass ich schnell war. Ich wusste, dass ich nicht um Rang 30 fahre», sagte Feuz. «Ich war bereit, das Risiko einzugehen.» Er war bereit für die Siegerlinie und bezahlte den Preis dafür.

Doch hatte er etwas falsch gemacht? Es hätte die Siegerlinie wohl gar nicht gebraucht, sagten einige danach. Der 29-Jährige war am Hausberg mit Abstand der Schnellste. Doch was sollte er machen? Jedes Jahr, wenn der Weltcup in Kitzbühel haltmacht, hört man es die früheren Sieger sagen: Die Traverse entscheidet. Didier Cuche, der die Abfahrt auf der Streif fünfmal gewinnen konnte, betont es noch heute in jedem Gespräch.

Eigentlich sind sich alle einig. Die Abfahrt in Kitzbühel kann man zwar in fast jeder Passage verlieren. Doch um den Sieg geht es ab dem Hausberg bis ins Ziel. «Da habe ich den Unterschied gemacht», sagte der Italiener Dominik Paris, der gestern zum zweiten Mal nach 2013 die Abfahrt in Kitzbühel gewinnen konnte. Die Analyse gibt ihm recht. Ab dem Hausberg war er deutlich schneller als die Franzosen Valentin Giraud Moine und Johan Clarey, die Rang zwei und drei belegten.

Der legendärste Sturz
Und dann kam Feuz zum Hausberg und dachte: «Heute bin ich der Sieger!» Nur war er so schnell, dass ihn eine Bodenwelle leicht versetzte. Von da an hatte er keine Chance mehr. Immer weiter zog es ihn nach unten, immer näher an die Fangnetze, die ihn dann stoppten. «Ich hatte eigentlich Glück, dass nicht mehr passierte.»

Der Italiener Pietro Vitalini hatte 1995 weniger Glück. Legendär ist sein Sturz in der Traverse, als er über die Fangnetze flog, sich mehrmals überschlug und unverletzt im Tiefschnee liegen blieb. Zur zweiten Abfahrt am nächsten Tag trat der Italiener trotzdem an und wurde Fünfter.

Janka: «Plötzlich wurde es still»
Carlo Janka mochte die Traverse lange überhaupt nicht. Erst im vergangenen Jahr, als er in der Abfahrt hinter Beat Feuz Rang drei belegte, sagte er: «Zum ersten Mal bin ich sie so gefahren, wie ich es wollte.» Es war seine achte Abfahrt in Kitzbühel, sein achtes Rennen auf der Streif. Das zeigt eindrücklich, wie schwierig es ist, die ideale Linie zu treffen.

Doch wie fährt man die Traverse? In der Regel versuchen die Athleten, nach der Einfahrt hoch zu bleiben, um dann ab dem Tor zirka in der Mitte der Passage mit vollem Tempo Richtung Ausgang zu rasen.

Gestern war Jankas Fahrt an dieser Stelle solide. Weil er aber nach einem Blitzstart (Bestzeit bei den ersten drei Zwischenzeiten) kontinuierlich etwas Zeit einbüsste, beendete er das Rennen auf Rang fünf. «Vor dem Hausberg hat es mich zu weit nach aussen getragen», sagte er. «Auch sonst hatte ich ein paar kleine Fehler zu viel, um hier auf dem Podest zu stehen.»

Einfach war die Vorbereitung auf das Rennen für Janka nicht. Als Beat Feuz stürzte, machte sich der 30-Jährige gerade im Starthaus bereit. «Ich hörte, wie laut die Menschen sind, und wusste, dass Beat schnell sein muss», erzählte Janka. «Doch dann wurde es plötzlich ganz still und ich wusste, dass etwas passiert ist.» Es sind bange Momente für einen Athleten, der bald selbst auf der schwierigsten Abfahrt starten wird. Doch zum Glück stand Beat Feuz wenig später auf und winkte den Menschen zu. Janka bekam es oben am Start mit. Manchmal ist das wichtiger als der Sieg.

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