Die Szenerie ähnelt einem Horrorfilm. Da ist diese absolute Stille auf dem menschenverlassenen GC-Campus. Und der tief hängende Nebel, der einen erschauern lässt. Es ist sieben Uhr morgens. Arbeitsbeginn für Ueli Lutz, den Leiter Unterhalt auf dem GC-Campus in Niederhasli. Lutz ist einer dieser Menschen, denen man immer wieder mal begegnet ist. Erst im Espenmoos, später auf dem GC-Campus. Und trotzdem weiss man nichts über ihn, weil er einer dieser unsichtbaren Arbeiter im Hintergrund ist, die im Glanz von Stars und Sternchen verblassen. Weil er einen Bruchteil von denen verdient, für die er den Rasen mäht und denen er hinterher den Dreck aus den Garderoben wegräumt.

«Der Gewinn muss demjenigen zugute- kommen, der ihn erarbeitete», posaunte Sarah Wagenknecht, stellvertretende Vorsitzende der Partei Die Linke, an ihrer 1.-Mai-Rede in Zürich vor elf Jahren. Lutz hat mit dem 1. Mai etwa so viele Berührungspunkte wie Wagenknecht mit Christoph Blocher. «Da, wo ich herkomme, gabs keine Feierlichkeiten am 1. Mai. Und da, wo ich arbeite, arbeitet man nicht nach dem Feiertagskalender, sondern man arbeitet, wenn es etwas zu tun gibt.» Und es gibt viel zu tun auf dem Campus mit dem grosszügigen Gebäude, den drei Rasen- und zwei Kunstrasenplätzen.

Lutz stammt aus Romanshorn, hat eine Kochlehre absolviert und in der Rekrutenschule realisiert, dass es ganz angenehm ist, wenn man am Wochenende auch mal frei hat. Danach hat er eine Lehre als Elektromonteur gemacht, später hobbymässig zu massieren begonnen. Der FC St. Gallen heuerte ihn als Masseur der U18 und der U21 an. Vor über sieben Jahren, als man im Espenmoos einen Platzwart suchte, sagte er spontan zu. Exakt heute vor vier Jahren wechselte er zu GC.

Geldnot, Lohnreduktionen, der verzweifelte Verkauf von Talenten wie Nassim Ben Khalifa und Haris Seferovic, die ebenso verzweifelte Suche nach Investoren wie Volker Eckel und die Abstiegsangst – Lutz hat beim einstigen Renommierklub viel erlebt. Der Thurgauer ist ein kleines Rad. Angetrieben durch das Management und die Spieler. «Man macht sich seine Gedanken und sorgt sich auch hin und wieder. Doch stets hatte ich das Gefühl, dass es schon gut kommt. Auch, was das Sportliche betrifft. Denn ich bin ja nahe am Puls. Ich sehe, wie die Mannschaft trainiert und dass sie gut trainiert. Da wird in den Medien vieles schlechter gemacht, als es ist. Aber klar, ein Abstieg wäre tragisch.» Und würde seinen Job gefährden? «Heute gibts nirgends mehr eine Jobgarantie.»

Der Ursprung des 1. Mai als Kampftag der Arbeiterbewegung liegt in den USA. Anfang 1886 rief die amerikanische Arbeiterbewegung zur Durchsetzung des Achtstundentags zum Generalstreik am 1. Mai auf. Achtstundentag – für Lutz ist das nicht selten Utopie. Was ihn aber nicht weiter stört. Er habe seine Berufung gefunden, sagt der 43-Jährige, weil er keinen 08/15-Job ausübe. «Diese Anlage ist Weltklasse. Man lässt mich in Ruhe arbeiten und respektiert mich auch. Selbst wenn ich Ciriaco Sforza mal sage, dass er jenen Platz nicht benutzen könne, akzeptiert er das klaglos.»

«Platzhirsch», steht an der Türe seines Büros. Nomen est omen? «Ich kann schon streng sein. Vor allem, wenn es in den Garderoben aussieht, als sei ein Orkan durchgefegt, muss ich erzieherisch eingreifen. Aber ich habe auch Verständnis für die Situation der Jungs. Die werden schon früh angehimmelt und verlieren dann schon mal den Boden unter den Füssen. Aber spätestens, wenn sie in die erste Mannschaft kommen, kehrt auch die Demut wieder zurück.» Der Parkplatz füllt sich allmählich mit Autos der Premiumklasse. Würden Sie auch gerne einen solchen Wagen fahren, Herr Lutz? «Wenn ich beginnen würde, mich mit den Fussballern zu vergleichen, wäre ich hier am falschen Ort. Ich darf arbeiten, habe Freude daran und kann davon leben. That’s it.»

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