VON JÖRG ALLMEROTH AUS MELBOURNE

Aus dem Fünf-Sterne-Palast «Crowne Tower» in Melbourne haben sich selbst die meisten Tennis-Superstars inzwischen längst verabschiedet. Rafael Nadal, der geschlagene und angeschlagene Spanier. Andy Roddick, der amerikanische Ballermann. Maria Scharapowa, die russische Diva. Juan Martin del Potro, der US- Open-Champion. Doch ganz oben in der Edel-Herberge, in der auch eines der grössten Casinos der südlichen Hemisphäre stationiert ist, logiert immer noch ein Mann, der stets Stammgast bis zur letzten Grand-Slam-Minute ist.

In der Präsidentensuite, die einen atemraubenden Rundblick auf den Central Business District, den Strand von St. Kilda, den Victoria Harbour und die Promenaden des schicken Southbank-Komplexes bietet, hat sich Roger Federer in den letzten dreieinhalb Wochen einquartiert – gemeinsam mit seiner Frau Mirka und den Zwillingsmädchen Mia und Charlene. Papa könnte auch hier mal wieder der Beste unter 128 Tennisprofis sein – nur noch Andy Murray kann im Final des ersten Grand-Slam-Spektakels der Saison 2010 den 16. Major-Gewinn für «Daddy Cool» verhindern.

«Ich gehe mit grosser Zuversicht in das Match. Ich bin richtig schön auf Touren gekommen», sagt Federer, der fast schon aufreizende Entspanntheit und Gelassenheit vor dem ultimativen Zweikampf demonstriert. Als er am Freitagabend in einem Centre-Court-Quickie den französischen «Tennis-Ali» Jo Wilfried-Tsonga gedemütigt hatte, sorgte der 28-jährige Maestro hinterher noch für ein wenig Erbauung bei den Fans, plauderte locker noch zehn Minuten lang mit Jim Courier über Gott und die Welt, übers Windeln wechseln, über das letzte Tennisjahr und auch über Murray, den Herausforderer. «Der arme Andy», seufzte Federer ironisch auf, «was der für eine Last auf den Schultern hat. Der kriegt jedes Turnier vorgerechnet, wie lange die Briten nichts gewonnen haben.»

Ihm muss keiner mehr traurige Statistiken vorbeten, ihm macht keiner mehr irgendwelche Vorhaltungen, dass er sein Potenzial nicht ausschöpft – nicht das spielt, was er kann. Auch diese Anklagen scheinen wie aus grauer Vorzeit zu kommen, obwohl sie weniger als sieben Jahre her sind. Doch Federer ist aus den schwierigen Anfängen im Profigeschäft zu einer so bestimmenden, so allmächtigen Figur geworden, dass neben ihm selbst die Starken verblassen – inzwischen auch wieder Nadal. Und als kleiner Bonuseffekt zum Federer-Phänomen kommt nun noch die allseits bewunderte Lässigkeit hinzu, mit der der Frontmann seine neue Rolle als zweifacher Vater und Ehemann meistert.

Federer fühlt sich vom Familienglück sogar aufs Neue inspiriert – und keineswegs in seinem Schaffen behindert. «Wir haben zwei wunderbare Mädchen, die uns das Leben richtig leicht machen», sagt «Daddy Cool», der allerdings auch weiss, dass er aus einer privilegierten Position heraus spricht, «wir haben es natürlich leichter als andere Familien, das alles zu organisieren. Beruf und das Private.» Dazu gehört das Reisen im Privatjet, dazu gehören Nannys, die die Kinderbetreuung übernehmen, wenn Vater und Mutter in den Tennis-Arenen in verschiedenen Rollen tätig sind.

Federer ist die Ruhe in Person in der Hektik seiner turbulenten Arbeitswelt. Wo andere Stoff für zweitklassigen Klatsch und Tratsch produzieren, bleibt der 28-Jährige der Fels in der Brandung. Einer, der sich aufs Wesentliche konzentriert, der nun erst recht im privaten Rückzugsraum seine Musse findet. Bei einem 14-tägigen Grand-Slam-Turnier erscheint er manchmal wie ein Phantom, er kommt und geht zur Anlage, trainiert, spielt – und fährt dann nach den üblichen Interview-Stafetten wieder weg. Sonst kriegt man den Superstar, dessen Werbung in Melbourne flächendeckend tapeziert ist, kaum zu Gesicht. Ihn nicht, und genauso selten seine Entourage, die ihn dienstbar umschwirrt wie Planeten ein Zentralgestirn.

Der Mann aus der Präsidentensuite kann auf bestimmte Vergnügungen verzichten, etwa auf eine gepflegte Pokerpartie, wie sie Kollege Roddick im Crown-Casino gern zu spielen beliebt. Oder auf einen Streifzug durch Melbournes Partymeile Toorak Road wie Novak Djokovic, der Champion des Jahres 2008, der sich in der zweiten Turnierwoche beim Essen den Magen verdarb und recht kläglich gegen Tsonga ausschied. Keiner hat seine Sinne so beisammen, weiss so viel über jeden Rivalen und seine Taktiken wie er, keiner hat diesen machtvollen Überblick aufs ganze Revier wie Papa Federer. «Mich kann man nicht mehr überraschen. Ich bin auf alles vorbereitet. Immer», sagt er.

In Melbourne hat Federer im letzten Jahr geheult, als er den Final gegen Nadal verlor. Es war eine Momentaufnahme. Vergessen und vorbei. Der Maestro ist wieder obenauf, die bestimmende, die lenkende Figur – auch wenn er nicht immer gewinnt. «Für Siege gibt es keine Gewähr», weiss Federer, «Tennis ist keine Mathematik.»

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