VON SIMON STEINER

Der Absprung beginnt im Kopf. Wenn Simon Ammann den Startbalken verlässt und mit einer Geschwindigkeit von gegen 100 km/h auf den Schanzentisch zurast, dann ist er hundertprozentig davon überzeugt, dass er über alle Voraussetzungen verfügt, um weit springen zu können. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten kennt kaum Grenzen und bildet gleichzeitig eine nötige Voraussetzung dafür, dass aus dem Glauben an sich selber auch ein gutes Resultat wird. Und sich die Prophezeiung guter Leistung letztlich selber erfüllt.

Denn wer zweifelt, der hat bereits verloren. Zwischen Startgate und Landung liegen bei einem Sprung wenige Sekunden, der eigentliche Absprung dauert sogar nur Sekundenbruchteile. Viel Zeit zum Denken bleibt da nicht, im Gegenteil: Denken verlangsamt nur den Sprungablauf. Aus diesem Grund müssen die Athleten diesen Prozess automatisieren und verinnerlichen.

Das Zauberwort in diesem Zusammenhang heisst Visualisierung. Immer und immer wieder begeben sich die Athleten im Training in eine innere Welt, stellen sich den idealen Sprungablauf vor und versuchen ihre Vorstellung dann mit der entsprechenden Bewegung zu verbinden. Auf der Schanze gilt es dann, das Erarbeitete innerlich abzurufen und physisch umzusetzen.

Bei Simon Ammann beispielsweise kommt die Visualisierung auch wieder zum Zug, wenn er einen Sprung analysiert. Wie kein anderer verfügt der Doppel-Olympiasieger von 2002 über ein Sensorium, das ihn einen Sprung im Nachhinein bis in kleinste Details nachempfinden lässt. Eine Art Flugschreiber also. «Wenn ich dem Trainer oder Medien von einem Sprung erzähle, dann tauche ich gleich in diese innere Welt ein», sagt Ammann. Weil das aber jedes Mal Energie kostet, versucht der 28-Jährige gerade dieses Wochenende in Engelberg, wo er von den Medien sehr gefragt ist, nach den Erfahrungen vom letzten Jahr die Schilderungen seiner Sprungerlebnisse bewusst knapp zu halten.

Ammann beherrscht den Wechsel zwischen der inneren Vorstellungswelt und Normalwelt wie kein Zweiter. Der frühere Teamkollege Sylvain Freiholz, der das Skispringen heute als Co-Kommentator des welschen Fernsehens mitverfolgt, erkennt bei Ammann sogar drei unterschiedliche Existenzmodi: «Simon kann bei Bedarf blitzschnell umschalten zwischen Flugmodus, Medienmodus und privatem Modus.»

Ammanns Souveränität im Umgang mit psychischen Mechanismen ist kein Zufall, sondern zumindest bis zu einem gewissen Grad erarbeitet. Seit rund zehn Jahren arbeiten die Schweizer Skispringer in wechselnder Intensität mit dem Sportpsychologen Hanspeter Gubelmann zusammen. Nachdem sein Engagement anfänglich den Charakter einer Feuerwehrübung für das kriselnde Team hatte, begann man bei Swiss-Ski das sportpsychologische Know-how im Vorfeld der Olympischen Spiele 2002 auf einer breiteren, erfolgsunterstützenden Basis zu nutzen. «Wie jetzt wieder im Hinblick auf Olympia stand zunächst die Teambildung im Mittelpunkt», erinnert sich Gubelmann. «In einem zweiten Schritt ging es dann um die mentale Leistungsoptimierung, also die Frage, wie sich jeder individuell erfolgreich weiterentwickeln konnte.»

Ein Patentrezept gab es dabei nicht. Nicht jeder Athlet nutzt die sportpsychologische Hilfestellung auf dieselbe Weise. Während Ammann sich beispielsweise bei der Wettkampfauswertung stark auf sein Gefühl verlässt, geht Andreas Küttel viel analytischer vor und betrachtet sich dabei eher aus einer Aussenperspektive. Um sich vor einem Springen in die richtige Stimmung zu bringen, vertraut er auf wiederkehrende Rituale. Auf dem Weg an die Olympischen Spiele lässt sich Küttel zudem von einem Soundtrack begleiten, den er sich selber im Studio erarbeitet hat.

Dass die Schweizer Skispringer beim Eintauchen in die innere Welt und beim Aufbau von Selbstvertrauen nicht den Bezug zur Realität verlieren, dafür hat das Betreuerumfeld zu sorgen. «Aus der Vorstellungswelt kann man sehr viel Energie schöpfen, aber sie bildet auch eine gewisse Gefahr», ist sich Simon Ammann bewusst. «Manchmal muss ich mich fast etwas bremsen, damit ich mich in meinen Träumen nicht verliere.» Die Landung auf dem Boden der Realität kann – das weiss Ammann nur zu gut – nämlich gerade im Skispringen brutal hart sein.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!