Von Ruedi Gubser und François Schmid-Bechtel

Herr Küng, im Flugzeug hat man Zeit, um seinen Gedanken nachzuhängen. Was ging Ihnen beim Rückflug in die Schweiz durch den Kopf?
Patrick Küng: Ich kriegte noch knapp den Start mit. Dann schlief ich praktisch acht Stunden durch. Ich war sehr müde, weil ich in den zwei Nächten zuvor nicht viel zum Schlafen gekommen war. Ich musste mich auch etwas ausruhen, weil ich wusste, dass auf mich in Näfels noch ein grosser Empfang wartet.

Wann wurde Ihnen erstmals bewusst, etwas Grosses geleistet zu haben?
Nach der Medaillenfeier kam ich um halb vier Uhr morgens in mein Zimmer zurück. Ich versuchte zu schlafen. Das funktionierte aber nicht richtig. Bereits um sieben war ich wieder wach und schaute auf dem Laptop meine Fahrt an. Dieser Moment, seine eigene Siegesfahrt nochmals anzuschauen, bleibt haften.

Wie schafft man es, trotz aller Anspannung, die nötige Lockerheit vor dem Rennen zu bewahren?
Ich war am Start gar nicht angespannt, hatte ein gutes Gefühl. Die Formkurve stimmte, das Selbstvertrauen war da, ebenfalls die Erinnerungen an den Dezember. Ich hatte seither mit dieser Piste eine Rechnung offen, weil ich zweimal ausgeschieden war. Damals war ich im Training gut gefahren, hatte ein gutes Gefühl, konnte dies im Rennen aber nicht zeigen. Also sagte ich mir, zeige ich es an der WM. Diese Ausgangslage machte es mir einfacher. Die Rolle als Topfavorit wäre schwieriger gewesen.

Unmittelbar nach dem Rennen sagten Sie, keiner hätte an Sie geglaubt. Ist nun die Genugtuung besonders gross?
Mit den Plätzen acht und zehn in Lake Louise, auf einer Piste, die mir nicht sonderlich liegt, ist mir der Saisonstart gut gelungen. Andere haben offenbar mehr erwartet. Dann kamen die zwei Ausfälle in Beaver Creek. Im Unterschied zu anderen habe ich nie an mir gezweifelt. Denn die ganze Saisonplanung war auf den Februar mit den WM als Höhepunkt ausgerichtet. Der Plan ist aufgegangen.

War WM-Gold ein Stück weit auch eine Trotzreaktion auf die Verbannung in die interne Qualifikation?
Nein, gar nicht. Ich wusste, dass ich gute Karten habe. Neben der Zeit gab es noch Kriterien wie die Formkurve oder meine Platzierung in den Top 7 der Weltrangliste. Ich war überzeugt, auf dieser Piste schnell fahren zu können. Es ist immer gut, wenn es eine Qualifikation gibt. Défago musste in Vancouver auch in die Qualifikation und wurde Olympiasieger.

Sie vermissen teilweise die nötige Wertschätzung. Wird sich das ändern?
Wertschätzung ist das falsche Wort. Ich übe diesen Sport nur für mich aus. Ich riskiere das Leben nicht für andere Leute. Letzte Saison hat mich gestört, dass meine Leistungen nicht so gewürdigt wurden, wie sie es verdient gehabt hätten. Dabei lag ich am Schluss der Saison in der Weltrangliste in den beiden Speed-Disziplinen auf den Positionen 3 und 6. Begonnen hatte ich mit Klassierungen zwischen 25 und 30.

Täuscht es, dass um Carlo Janka oder Beat Feuz mehr Zirkus gemacht wird?
Janka hat im Skisport alles erreicht. Und Feuz war einmal nahe am Weltcup-Gesamtsieg. Deshalb gehört ihnen auch eine gewisse Aufmerksamkeit. Ich hatte diese Erfolge bisher nicht, und doch war ich vergangene Saison so etwas wie der Lückenbüsser.

Aber doch Leader?
In diese Rolle wurde ich gedrängt.

Nur wenns Swiss-Ski schlecht lief?
Wenn du dauernd damit konfrontiert wirst, was alles schlecht läuft bei Swiss-Ski, glaubt man es irgendwann selbst. Obwohl es mich persönlich nicht betraf, weil ich nach meinem Kreuzbandriss meist der beste Schweizer war und keine schlechte Saison hatte. Ich bin den Kritikern aber nicht böse. Die beste Antwort habe ich ihnen nun gegeben.

Mit dem WM-Titel ändert sich nun vieles. Nun sind Sie der Star.
Vielleicht möchte ich das gar nicht (lacht). Dann stehe ich noch mehr im Fokus der Öffentlichkeit.

Sie sagten einst, im Leben sei vieles vorbestimmt. Also konnte in Beaver Creek ja gar nichts schiefgehen?
Zu dieser Einstellung kam ich durch diverse Schicksalsschläge, die ich erlitten habe. Beispielsweise den tödlichen Rennunfall meines Freundes Werner Elmer 2002 oder meine Verletzungen, die mich zwischenzeitlich sogar an den Rollstuhl fesselten. Es hätte an der WM auch anders kommen können. Wäre ich im Dezember in Beaver Creek gestürzt, hätte die Saison vorbei sein können. Aber das passt zu meiner Hassliebe Beaver Creek.

Das heisst: Nach Ihren Rückschlägen hatten Sie ein Anrecht auf diesen WM-Titel?
Das vielleicht nicht. Aber es scheint, als hätte jemand von oben auf mich geachtet – und das besser als im Dezember. Ich habe gehofft und gewusst, meine grossen Anstrengungen würden sich früher oder später auszahlen.

Sie haben erst mit 25 Jahren das erste Weltcuprennen bestritten. Wie schafften Sie es, den Glauben an den Durchbruch zu wahren?
Die Liebe zum Skisport stand trotz aller Rückschläge immer im Vordergrund. Im Nachhinein hat dieser Weg auch etwas Gutes. Viele, die in jungen Jahren Erfolg haben, können diesen nicht bestätigen. Allein, weil sie mental überfordert sind. Gleichwohl war es jeweils eine Herausforderung, wieder zurückzukommen.

Wäre das alles ohne finanzielle Unterstützung der Familie möglich gewesen.
Nein. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir diese Karriere ermöglicht haben.

Müssten bei der Finanzierung nicht andere Wege gefunden werden, als von den Eltern abhängig zu sein?
Doch. Ich wäre für ein Modell, wie es die Italiener haben. Dort ist jeder Athlet beim Staat – beim Militär oder der Polizei – angestellt. Das gibt nicht nur Sicherheit für die Zeit nach der sportlichen Karriere, sondern auch während dieser. Leider haben wir diese Optionen nicht.

Wird im Skirennsport das Geld falsch verteilt? Kassieren die Stars im Verhältnis zu viel?
Früher hat man bis Weltranglistenplatz 30 gut verdient. Das hat sich in den letzten fünf bis sieben Jahren verschlechtert. Dabei ist der Stellenwert des Skisports in der Schweiz ungebrochen hoch. So gesehen stimmen die Relationen nicht. Wenn man ein so hohes Risiko eingeht, sollte das auch honoriert werden.

Muss man den Skisport besser vermarkten, um mehr Geld zu generieren?
Ein einfaches Beispiel: Es ist schade, wenn zwei Schweizer auf dem WM-Podest stehen und das Staatsfernsehen keine Blumenzeremonie zeigt, keine Siegerehrung. In dieser Hinsicht sind uns die Nachbarn vom ORF schon voraus. Die Österreicher, die keinen Abfahrer in den Top 10 hatten, strahlten morgens um zwei die Siegerehrung live aus.

Sinnbildlich dafür, dass der Weltmeister keinen Helmsponsor hat?
Ich weiss nicht, ob man da einen Zusammenhang herstellen kann. Ich hätte letzten Frühling einen Helmsponsor bekommen. Aber nicht zu den Konditionen, die für mich akzeptabel gewesen wären. Mit Küng & Friends kann eine coole Sache entstehen. Gleichwohl bin ich weiter auf der Suche nach einem Partner. Den Grundstein für einen erfolgreichen Abschluss habe ich nun gelegt.

Was steckt hinter Küng & Friends?
Ein Teil des Geldes fliesst in ein Nachwuchsprojekt des SSW (Skiverband Sarganserland-Walensee). Aber auch in den liechtensteinischen Skinachwuchs. Denn die Geldgeber stammen mehrheitlich aus Liechtenstein.

Ihr früherer Manager Armin Meier sagte letzten Frühling: «Nach diesen Erfolgen ist die Werbefläche von Küngs Helm rund 250 000 Franken wert.» Hat er zu hoch gepokert?
Für mich ging es einfach nicht mehr auf. Ich bin der Typ, der gerne reinen Tisch macht. Aber wir sind nicht im Krach auseinander. Warum es mit dem Helmsponsor nicht geklappt hat, weiss ich nicht. Gut möglich, dass Meiers Vorstellungen etwas zu hoch waren. Ein Helmsponsoring ist für viele Partner eine grosse Sache. Das ist für keine Firma bloss Goodwill. Aber der Skisport generiert insbesondere in der Schweiz und den angrenzenden Ländern nach wie vor sehr viel Aufmerksamkeit.

Wie viele Heiratsanträge haben Sie nach dem WM-Titel bekommen?
Ich glaube keinen. Aber ich habe noch längst nicht alle Mitteilungen auf den diversen Kanälen gesichtet. Es ist ja auch nicht mein Ziel, einen Heiratsantrag zu bekommen.

Für wen war die Kusshand bestimmt, die wir im Fernsehen gesehen haben?
Die war für meine Mutter.

Christof Innerhofer sagte einst, Sie seien der gleiche Casanova wie er. Liegt er da falsch?
Jedem Einzelsportler – Teamsportler können sich eher verstecken –, der Single ist, will man ständig was anhängen. Innerhofer und ich: Wir unterscheiden uns nicht allzu sehr von den anderen Skifahrern. Vielleicht hätte ich einfach mal eine Freundin erfinden sollen. Dann würde ich nicht in dieser Schublade stecken. Aber eigentlich ist es okay, wie es ist.

Einer, der aussieht wie der Glöckner von Notre-Dame, wird wohl nie als Casanova bezeichnet.
Wenn eitel positiv gewertet wird, bin ich es. Wenn eitel aber negativ gewertet wird, bin ich es nicht.

Kann ein solcher Erfolg, wie Sie ihn gefeiert haben, dem Skisport in der Schweiz einen neuen Schub verleihen?
Mein Triumph ist für die Organisatoren der Ski-WM 2017 in St. Moritz wie ein Lotto-Sechser. Grundsätzlich finde ich es wichtig und richtig, dass die Schweiz grosse Sportanlässe durchführt.

Aber Olympia 2022 wird nicht in Graubünden stattfinden.
Schade. Denn Olympia wäre eine gute Chance gewesen für die Schweiz, sich international in einem besseren Licht zu präsentieren. Zuletzt hatte die Schweiz im Ausland ja nicht immer die beste Presse. Denken wir nur an die Ausschaffungsinitiative oder den Finanzplatz.

Was läuft falsch, wenn ein Wintersport-Land wie die Schweiz keine Olympischen Winterspiele will?
Vielleicht wurde das Ganze falsch aufgegleist. Vielleicht hätte eine regionenübergreifende Kandidatur bessere Chancen gehabt. Auch wenn es unangenehme Schwellen zu überwinden gibt: Olympia durchzuführen, beinhaltet auch sehr viele Chancen.

Nächste Woche stehen Sie in Saalbach erstmals als Weltmeister auf dem Prüfstand.
Es ist die gleiche Situation wie nach Wengen, wo sich sieben Schweizer in den Top 12 klassiert hatten. Da dachten viele, es gehe in Kitzbühel im selben Stil weiter. Aber das ist falsch. Meine Ziele sind auch als Weltmeister immer noch die gleichen wie vorher: Top 10 muss man erst mal fahren, Top 5 ist richtig gut und für ganz nach vorne brauchts den perfekten Tag.

Also spüren Sie keinen Druck, Ihren Triumph bestätigen zu müssen?
Nein. Ich kann frühestens in zwei Jahren den Titel bestätigen. Ich kann in nächster Zeit meine Form bestätigen. Für mich ist nun die Konstanz wichtig. Nur wer konstant fährt, gewinnt zum Saisonende eine Kristallkugel. Der Gewinn des Disziplinen-Weltcups ist eines meiner grossen Ziele. Für einen Athleten ist dieser Erfolg die grösste Bestätigung.

Daneben fehlen noch ein Sieg in Kitzbühel und eine Olympia-Medaille.
Mit dem WM-Titel und dem Lauberhorn-Triumph im letzten Jahr habe ich schon zwei sehr grosse Siege realisiert. Ich würde diese Titel gegen nichts eintauschen. Nicht mal gegen Olympia-Gold.

Anna Fenninger spricht von einem Panzer, in den sie schlüpft, sobald sie in der Öffentlichkeit auftritt. Verhält sich das bei Ihnen auch so?
Ich bin ein offener, manchmal sogar zu offener Gesprächspartner. Aber so bin ich. Das finden vielleicht nicht alle gut. Aber man kann es eh nie allen recht machen. Privat braucht es aber schon eine gewisse Zeit, bis das Eis gebrochen ist. Ich schliesse nicht gleich beim ersten Treffen jeden ins Herz, wie es die Amerikaner tun.

Sie wirkten nach dem Rennen erstaunlich gefasst.
Nein, ich finde, ich habe sehr viele Emotionen gezeigt. Natürlich, ich bin im Ziel nicht in Tränen ausgebrochen. Aber als Abfahrer heulend im Ziel – das würde in der Skifahrer-Szene für ziemlich viel Gesprächsstoff sorgen.

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