Womit verbinden Sie Brasilien?
Diego Benaglio: Als Erstes immer noch mit der riesigen Fussballbegeisterung. Aber Brasilien ist auch ein Land mit gewissen Problemen. Ich hörte immer wieder, dass im Vorfeld nicht alles reibungslos lief. Trotzdem: Ich freue mich unheimlich, das Land jetzt kennenzulernen.

Ist das möglich während einer WM?
Ich denke schon. Natürlich ist es nicht so, wie wenn man mit dem Koffer durch die Gegend reist. Aber wie die Leute ticken, das bekommt man ja schnell mit. Das war auch an der WM in Südafrika vor vier Jahren so.

Denken Sie als Spieler auch politisch und überlegen: Ist es sinnvoll, zwölf Stadien zu bauen, oder könnte das Geld nicht besser gebraucht werden?
Ich weiss nicht, ob es hilfreich wäre, wenn ich mir als Teilnehmer zu viele Gedanken darüber machen würde. Ich habe es nicht in der Hand, kann den Austragungsort nicht beeinflussen und die Gegebenheiten nicht verändern. Und ein Urteil über gewisse Zustände, Gepflogenheiten oder Vorkommnisse in diesem enorm grossen und facettenreichen Land kann und will ich mir nicht erlauben, ohne dass ich über die dafür notwendigen, fundierten Kenntnisse verfüge.

Also zum Sport: Was muss passieren, dass die Schweiz Weltmeister wird?
Was für eine Frage (lacht)! Es müsste unglaublich viel passieren. Vor der WM über solche Ziele zu reden, wäre der verkehrte Weg. 2008, vor der EM im eigenen Land, dachten wir: «Warum nicht, es wäre an der Zeit, einen grossen Coup zu landen!» Es ist definitiv ganz anders gekommen. Nach zwei Spielen war alles vorbei. Ich habe nichts davon, wenn ich mir grossartig vorstelle, was am 14. Juli nach dem WM-Final alles sein könnte. Viel wichtiger ist der Tag unseres ersten Spiels gegen Ecuador.

Und wenn auf dem Schweizer Teambus steht: «Endstation 13. Juli, Maracanã», also der WM-Final, dann können Sie das ausblenden?
Ich schweife schon nicht jedes Mal mit meinen Gedanken ab, wenn ich den Bus betrete.

Der Achtelfinal ist das grosse Ziel. Doch dafür muss vieles stimmen.
Da gebe ich Ihnen absolut recht! Ich habe schon oft davor gewarnt, sich nicht von der gefährlichen Stimmung anstecken zu lassen, dass die Schweiz sowieso schon im Achtelfinal stehe. Meine brasilianischen Teamkollegen haben mir einiges erzählt über die unangenehmen Auftritte gegen Ecuador. Frankreich ist trotz der Hochs und Tiefs der vergangenen Monate Gruppenfavorit. Und wie unangenehm Honduras sein kann, wissen wir seit der WM 2010. Aber klar könnte ich gut damit leben, wenn sich nach der Gruppenphase alle in den Armen liegen und sagen: «Wir haben es ja immer gesagt, das war eine sehr einfache Gruppe.»

Ist das erste Spiel gegen Ecuador bereits ein Final?
Ich sehe das auch ein wenig so. Die Konstellation ist anders als in Südafrika, wo wir gegen Spanien begannen und erst danach auf unseren Hauptkonkurrenten um den Achtelfinal, Chile, trafen. Nun ist das erste Spiel gegen Ecuador enorm wichtig. Wir könnten unseren mutmasslichen Hauptkonkurrenten im Kampf um die Qualifikation für den Achtelfinal zurückbinden.

Das Selbstvertrauen einiger Schweizer Spieler ist zuletzt sehr gestiegen. Besteht die Gefahr, dass es in Überheblichkeit kippt?
Diese Gefahr besteht immer. Bei einem einzelnen Spieler, aber auch bei einer Mannschaft. Wer das Gefühl hat, wir haben in der Qualifikation super gespielt, das wird schon so weiter gehen, wird die Rechnung dafür schnell bekommen.

Also denken Sie: Wir sind immer noch die Schweiz und nicht Spanien?
Definitiv! Viele Leute sprechen uns derzeit auf unsere Position in der Fifa-Weltrangliste an (zum Zeitpunkt des Gesprächs: 8. – mittlerweile sogar 6.; die Red.). Dann sage ich: «Meine lieben Freunde, schön den Ball flach halten!» Die Klassierung ist eine schöne Momentaufnahme und sicher auch toll für den Verband, aber wir Spieler dürfen uns nicht davon blenden lassen.

Ist die Schweiz zu hoch bewertet?
Wenn wir ehrlich sind, dann gibt es mehr als sieben Nationen, die vor uns stehen. Ich glaube schon, man muss vieles relativieren.

Schauen wir zurück auf die WM 2010. Sie spielten stark, erhielten in drei Partien nur ein Gegentor. Ist es das Los des Torhüters, dass nicht mehr über ihn gesprochen wird, weil die Mannschaft nicht in den Achtelfinal kam?
Klar wäre die Aufmerksamkeit grösser gewesen, wenn wir es über die Vorrunde hinaus oder sogar in den Viertelfinal geschafft hätten. Aber wenn das Team ein Ziel nicht erreicht, dann ist es ganz normal, dass man sich mit Gründen des Ausscheidens beschäftigt. Und nicht mit den Leistungen der Einzelnen.

Bekommen Sie noch Reaktionen aus Spanien – immerhin sind Sie der Weltmeister-Besieger-Torhüter?
Ja, das kommt vor. Es bekam ja auch der eine oder andere ausserhalb der Schweiz und Deutschland die Ereignisse aus diesem Spiel mit.

Beruhigt es Sie eigentlich, dass Sie im Nationalteam die unbestrittene Nummer 1 sind? Torhüter, heisst es, müssen wissen, dass sie unbestritten sind.
Ich spiele ja jetzt auch schon seit ein paar Tagen Fussball. Konkurrenzsituationen sind nichts Neues für mich. Aber natürlich ist es schön, zu merken, dass der Trainer von dir als Nummer 1 absolut überzeugt ist. Und wenn er dies so kommuniziert, habe ich natürlich auch nichts dagegen.

Wo sehen Sie sich in der Gilde der Welttorhüter?
Sie stellen Fragen! Das sollen andere beurteilen. Ich habe nichts davon, wenn ich mich in ein Ranking setzen würde. Aber: Auch mit 30 Jahren habe ich die Möglichkeit, mich in sämtlichen Bereichen zu verbessern. Irgendwo bin ich ja perfektionistisch veranlagt. Dieser Antrieb, nie zufrieden zu sein, war ausschlaggebend für meine Karriere als Torhüter.

Jens Lehmann sagt, er sei mit 30 viel besser gewesen als mit 24. Aber mit
36 sei er wahnsinnig viel besser gewesen als mit 30. Stimmen Sie dem zu?

Ja. Ich sage: Ich bin jetzt definitiv der bessere Torhüter als mit 24.

Wieso?
Weil der Erfahrungsschatz grösser ist. Weil man viele Situationen schon einmal erlebt hat und sich deshalb besser auf das Wesentliche konzentrieren kann. Wobei: Als junger Goalie wollte ich von denen, die ständig die «Erfahrung» bemühten, nichts wissen und sagte denen auch schon mal: «Ach, was redest du!» Oder wenn ein 30-jähriger Torhüter dir 18-Jährigem sagt: «Warte nur, wenn du auch einmal 30 bist und am Morgen aufstehst, du wirst es auch noch spüren, wie es zieht.» Dann lachst du und denkst: «Schon gut!»

Und jetzt mit 30, zieht es schon?
Mehr als mit 18 (lacht).

Lehmann sagt auch: Vor vier Jahren hatte er das Gefühl, Sie seien ein Torhüter auf Weltklasse-Niveau – mittlerweile aber hätten Sie eher stagniert.
Das ist seine Meinung. Ich sehe es anders. Ich bin besser als vor vier Jahren. Kürzlich hat mir jemand gesagt, er sehe mich eher bei Manchester United oder Bayern München. Ich sage dann jeweils: «Leute, es gibt verschiedene Faktoren, die dazu führten, dass ich immer noch in Wolfsburg bin. Und vor allem bin ich deswegen nicht traurig.»

Trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass es Sie zu einem Grossklub zieht.
Nach der Meistersaison hatte ich ein Angebot von einem Topklub, damals sagte aber der Verein: «Nein, der ist unverkäuflich!» Das ist auch ein schönes Kompliment. Zudem bringt Wolfsburg alles mit, um langfristig oben in der Bundesliga mitzuspielen. Ich habe keinen Grund, über einen Wechsel nachzudenken. Zudem fühlt sich auch meine Familie sehr wohl in Wolfsburg.

Gibt es einen Unterschied, als Familienvater auf dem Platz zu stehen?
Nein, überhaupt nicht. Im Ernstkampf ist jeder so mit seiner Aufgabe beschäftigt, dass alles andere nebensächlich ist.

Neben dem Platz ist die Herausforderung grösser.
Natürlich ist es schwierig, wenn ich längere Zeit von meiner Familie weg bin. Es kommt auch vor, dass meine grössere Tochter, sie wird im September vierjährig, am Telefon sagt: «Du Papi, jetzt bist du schon so lange weg, ich vermisse dich!» Ich habe meinen beiden Töchtern auch schon erklärt, dass ich nicht extra einen Ball reinlasse, um früher nach Hause zu kommen (schmunzelt). Bei einem solchen Turnier hast du deine Aufgabe und musst Heimweh und Kinder-Vermissen ausblenden können.

Bleibt die Familie während der WM zu Hause?
Ja, mit der Kleinen (sie noch nicht halbjährig, d. Red) eine Reise nach Brasilien, das wäre zu viel. Und wahrscheinlich auch für meine Frau nicht ganz so entspannend. Wir gehen dann nach der WM in die Ferien.

Sind sie schon gebucht?
Nein, das wird ein Last-Minute-Trip (lacht).

Kann die grössere Tochter schon einschätzen, was es bedeutet, wenn der Papa gewinnt oder verliert?
Sie ist an den Heimspielen in Wolfsburg fast immer dabei. Zumindest kann sie einschätzen, dass Papi viel besser gelaunt ist, wenn er gewonnen und nicht verloren hat. Aber kürzlich hat sie mich auch einmal gefragt: «Du Papi, warum hast du heute kein Tor geschossen?»

Womit wir beim Thema wären. Wer schiesst die Schweizer WM-Tore?
Ich finde, wir sind in der Offensive breit aufgestellt. Es gibt mehrere Spieler, die in die Bresche springen können, das haben sie schon oft gezeigt.

Demnach ist es nur ein statistisches Problem, dass die Offensivkräfte in der WM-Qualifikation nicht oft trafen?
Ich bin da vielleicht etwas einfach gestrickt, aber mir ist es völlig egal, wer die Tore schiesst. Wenn Valon Behrami Torschützenkönig der WM wird, habe ich auch kein Problem damit (lacht).

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