Von Raphael Honigstein aus Liverpool

Eine «Rückkehr zu den Prinzipien der vergangenen 18 Monate» hatte Liverpool-Trainer Brendan Rodgers vor dem Stadtderby gegen den FC Everton versprochen. Seine Mannschaft löste dieses Versprechen an der Anfield Road nur bedingt ein. Zwar hatte man Pech, durch einen fulminanten Distanzschuss von Phil Jagielka in der Nachspielzeit den Ausgleich zum 1:1 hinzunehmen, aber das ernüchternde Resultat passte irgendwie auch zu einer Saison, in der die «Reds» nicht wirklich von der Stelle kommen.

Nur zwei von sechs Premier-League-Matches hat der Fast-Meister des Vorjahres gewonnen. Das Unentschieden am Samstagmittag zeigte neben einigen sehr guten Ansätzen in der ersten halben Stunde und dem Freistosstreffer von Captain Steven Gerrard zur zwischenzeitlichen Führung vor allem das Grundproblem in Rodgers’ dritter Spielzeit: Liverpool tut sich schwer damit, ein Spielsystem zu entwickeln, das dem neuen Rhythmus – durch die Teilnahme an der Champions League – und den Veränderungen im Kader Rechnung trägt. Das Spiel seiner «Reds» sei «ein bisschen kaputt» gegangen, hatte Rodgers vor dem Remis gegen die recht biederen «Toffees» ob des enttäuschenden Auftakts mit drei Niederlagen in fünf Partien zugegeben, die «hohe Intensität» sei abhanden gekommen.

Ein gewisser Verlust von Durchschlagskraft war nach dem Abschied von Luis Suárez – für rund 98 Millionen Franken zum FC Barcelona – wohl unvermeidlich. Der Uruguayer hatte in der Vorsaison in 33 Ligaspielen 31 Tore geschossen und darüber hinaus mit seinen unermüdlichen Läufen in die gegnerischen Strafräume Platz und Chancen für Nebenmann Daniel Sturridge geschaffen. 21 Tore erzielte Sturridge in der Premier League. Gestern fehlte er verletzt, soll jedoch am Mittwoch in Basel wieder einsatzfähig sein.

Ohne den Nationalstürmer blieb zuletzt alles an Balotelli hängen. Der Italiener spielt nicht schlecht, eignet sich jedoch wegen seiner Spielweise nur bedingt für jenen Konterfussball mit den ständigen Positionswechseln, der letzte Saison beinahe für den Titel auf der Insel gereicht hätte. Die Gegner können so höher verteidigen und zugleich mehr Druck auf das Mittelfeld ausüben. Dies wirkt sich besonders negativ auf Gerrard aus, dem mit 34 Jahren die Explosivität fehlt, sich aus bedrängten Situationen zu befreien. Liverpools Abwehrschwäche mit neun Gegentoren in sechs Spielen wurde auch auf ihn zurück geführt; Gerrard hat Mühe, seine duale Rolle als Spielantreiber und Abfangjäger auszuüben.

Unter der Woche sah sich Rodgers angesichts vieler kritischer Kommentare über die Klubikone gezwungen, Gerrard öffentlich in Schutz zu nehmen. «Ich habe keine Bedenken. Er ist und bleibt ein brillanter Spieler für uns», sagte der 42-jährige Nordire. Gerrard machte gestern insgesamt eine gute Partie, doch insgesamt blieb sein Team wiederholt unter den eigenen Möglichkeiten.

Hoch intensiv und zwingend war die Vorstellung der Hausherren nur in der Anfangsphase, als die Nationalspieler Raheem Sterling und Adam Lallana, der 37-Millionen-Franken-Transfer von Southampton, hinter Sturmspitze Mario Balotelli Evertons Abwehr mit schnellen Dribblings vor Probleme stellten. Im Laufe der Partie konnte Liverpool das Tempo nicht halten. So wurde bald die Schwierigkeit ersichtlich, aus dem Spiel heraus Torgelegenheiten gegen gut verteidigende Mannschaften zu kreieren. Es gab kaum durchdachte Züge, wenige flüssige Kombinationen. Vor Gerards Treffer im zweiten Durchgang – Everton Keeper Tim Howard hätte den Ball an einem guten Tag möglicherweise gehalten – schien alles auf ein Unentschieden hinauszulaufen.

Der bemühte, aber meist wie ein Fremdkörper wirkende Balotelli hätte kurz drauf auf 2:0 erhöhen müssen, doch sein Volley knallte aus kurzer Distanz an die Latte. Am Ende gelang Jagielka ein Traumtor, das Rodgers mit dem Schicksal hadern liess. «Manchmal bekommt man im Fussball nicht das, was man verdient hat», klagte er. Das mag für das Spiel mit Abstrichen stimmen, aber sicher nicht für die Saison. Liverpool bleibt tabellarisch exakt da, wo es gemäss der durchwachsenen Leistungen hingehört: im Mittelmass.

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