Warum mussten Sie 44 werden, bis Sie erstmals die Chance erhielten, ein Super-League-Team zu trainieren?
Urs Fischer: Ich habe einfach einen anderen Weg gewählt als andere ehemalige Spieler wie Ciriaco Sforza oder Murat Yakin. Ich bekam nach meinem Rücktritt als Spieler die Chance, die U14 beim FCZ zu übernehmen. Das war ein fantastischer Einstieg. Da durfte ich noch Fehler machen. Und es gab viele Kollegen, die mir geholfen haben. Danach die U16, die U21 und dann als Assistent die 1. Mannschaft. Da war es endgültig vorbei mit Fehler machen. Es war meine Absicht, erst die Sporen abzuverdienen, um bereit zu sein, wenn die grosse Chance mal kommen wird. Dass diese Chance mal kommen würde, daran habe ich nie gezweifelt.

Wären Sie vor 40 überhaupt bereit gewesen für die Super League?
Schwer zu sagen. Ich habe ja bis 37 noch gespielt. Ich weiss nicht, ob drei Jahre gereicht hätten, den Sprung zu schaffen. Andere haben das geschafft. Rückblickend war mein Weg für mich optimal.

Als Spieler, insbesondere als Captain, galten Sie als unerbittlicher Haudegen. Ihr ehemaliger Kollege Robert Huber sagte in der «NZZ» mal über Sie: «Als Captain waren Fischers Führungsinstrumente beschränkt: Er hatte nur die Peitsche.» Haben Sie die Peitsche unterdessen zur Seite gelegt?
Als Junger übernimmt man die Verhaltensmuster und -regeln der älteren Spieler. Und wir haben Verhaltensregeln gelernt, die heute nicht mehr aktuell sind.

Welche?
Heute wird ein anderer Umgang gepflegt. Früher ist man auch mal verbal aufeinander losgegangen. Oder die jungen Spieler mussten den älteren die Schuhe putzen. Ich will dieses Thema jetzt aber nicht weiter vertiefen. Ein Junger wurde anders behandelt, eher von oben herab. Rückblickend kann man schon sagen, dass man als Spieler einiges falsch gemacht hat. Insbesondere im Umgang mit den jungen Spielern. Aber wir haben es selbst so erfahren und gelernt.

Haben die jungen Spieler heute mehr Macht?
Nein. Auch sie müssen sich der Hierarchie anpassen. Und es tut ihnen auch heute gut, wenn man ihnen mal den Tarif erklärt. Aber es gibt viele Arten, wie man das machen kann. Als Trainer braucht man dafür nicht jedes Mal die Peitsche. Ich denke, dass der Umgang ein anderer ist als zu meiner Zeit als Spieler. In diesem Kontext hilft mir, dass ich mehrere Jahre als Nachwuchstrainer tätig gewesen bin. Ich weiss, wie die Jungen ticken.

Erstaunlich ist, wie oft Sie die Spieler im Training um etwas bitten. «Bitte den Abschluss suchen.» Oder: «Bitte nochmals so eine Halbzeit.» Braucht es heute ein «Bitte» des Trainers?
Nein. Das ist weder gewollt noch inszeniert. Das ist einfach meine Art. Da gehört auch mal ein Bitte dazu. Man kann dieses Bitte auch anders auslegen.

Wie?
Bitte kann auch bedeuten: Gopferdeli Jungs, würdet ihr jetzt bitte endlich einmal . . . Oder: Hey Jungs, bleibt konzentriert, mit beiden Beinen auf dem Boden, macht so weiter bitte. Das kann man auslegen, wie man will. Aber es ist offenbar angekommen.

Was ist das Wichtigste, um ein erfolgreicher Trainer zu sein: Dass die Spieler für ihn durchs Feuer gehen oder sein taktisches Verständnis?
Also die Spieler müssen nicht für den Trainer, sondern für sich selber und für das Team durchs Feuer gehen. Wir machen alles dafür, dass alle durchs Feuer gehen. Es geht um die drei Buchstaben F, C, Z.

Die positive Entwicklung des Teams lässt darauf schliessen, dass Ihre Botschaft angekommen ist.
Wir befinden uns noch immer auf dem Weg, den wir skizziert haben. Und wir erzielen Fortschritte. Im Moment läuft es optimal. Aber wir sind uns bewusst, dass wir auch wieder mal einen Schritt zurück machen werden.

Viele glaubten, dass der FCZ nicht bis zuletzt an Basel dranbleiben wird, wenn er zur Winterpause kein Punktepolster hat. Nun hat der FCZ in der Rückrunde mehr Punkte gewonnen als Basel, obwohl beim FCB die Doppelbelastung mit der Champions League weggefallen ist.
Das spricht für die Qualität unserer Mannschaft. Sie schafft es nun auch in entscheidenden und wichtigen Spielen, nervenstark aufzutreten wie zuletzt in Bellinzona. Das 1:0 im Tessin war sicher nicht unser bestes Spiel. Aber der Auftritt entsprach punkto Organisation und Geduld einer Topleistung. Das spricht für eine gewisse Entwicklung und macht Freude. Auch gegen YB. Geführt und nichts mehr anbrennen lassen. Gegen Sion dasselbe. Das Derby auch. 1:0. Auch wenn der Treffer erst kurz vor Schluss fiel. Doch GC hatte in den letzten vier Minuten keine Möglichkeit mehr, Druck auszuüben. Das ist positiv.

Seit Johnny Leoni im Tor steht, hat der FC Zürich in der Meisterschaft nicht mehr verloren. Ist man beim FCZ zur Erkenntnis gelangt, mit Andrea Guatelli im Tor nicht Meister werden zu können? Und hat man deshalb Guatellis verpassten Zapfenstreich zum Anlass genommen, den Torhüter zu wechseln?
Man sollte dieses Thema jetzt nicht wieder aufkochen. Den Torhüterwechsel gab es aufgrund gewisser Vorkommnisse. Klar ist, dass es mit Leoni sehr gut läuft. Aber es ist auch mit Guatelli gut gelaufen.

Bis auf Guatellis letzte Phase als Nummer 1.
Nein. Wenn wir in Luzern 1:0 gewinnen, sind wir Wintermeister – mit Guatelli. Der Start in die Rückrunde war gut. Dann ein unglücklicher Auftritt beim 2:4 gegen YB. Danach hat Guatelli wieder seriös gespielt. Wäre das Theater nicht passiert, hätte ich keinen Grund gehabt, den Torhüter zu wechseln. Ich will jetzt nicht darüber sinnieren, wo wir stehen würden, wenn wir den Torhüter nicht gewechselt hätten. Leoni macht einen guten Job. Schön.

Der Meistertitel war noch nie so wertvoll, weil sich der Meister erstmals direkt für die Champions League qualifiziert. Gibt das zusätzlichen Druck?
Nein. Erzwingen kann man nichts. Aber man muss alles daran setzen, dran zu bleiben. Der Druck beim FC Zürich ist positiv. Hier geht es immer um den Meistertitel und den Cupsieg. Das gilt es aufrecht zu erhalten.

Gibt es nie Momente, in denen Sie sich vorstellen, was wäre wenn…
Nein. Im Moment bin ich beim Spiel in St. Gallen.

Auch nicht beim Spiel vom kommenden Mittwoch gegen den FCB?
Nein. Das interessiert mich jetzt nicht. Im Fussball ist es entscheidend, dass man die nächste Aufgabe im Fokus hat. Natürlich, ich habe den FC Basel in Sion beobachtet und mir schon einige Gedanken gemacht. Aber das Hauptaugenmerk ist jetzt noch auf St. Gallen gerichtet. Und es interessiert mich auch nicht, was am 25. Mai sein wird. Denn der 25. Mai ist das Resultat davon, was wir jetzt machen. Wenn ich jetzt schon Energie an das letzte Saisonspiel verschwenden würde, dann würde ich irgendetwas verkehrt machen.

Wie halten Sie die Gedanken an das Spiel gegen Basel von der Mannschaft fern?
Das sind Profis. Ich kann sie davor warnen. Aber schliesslich ist der Spieler für sich selber verantwortlich. Ziel ist, dass jeder gegen St. Gallen eine 100-prozentige Leistung abrufen kann.

Ist jemals etwas bei den Spielern nicht angekommen?
Schon häufiger.

Ein Beispiel?
Wenn die Resultate positiv sind, lässt man die Fünf eher gerade stehen.

Wie reagieren Sie, wenn etwas bei den Spielern nicht angekommen ist?
Ich versuche es das nächste Mal besser zu vermitteln. Ich suche nach einem anderen Weg. Sich täglich zu verbessern gilt nicht nur für die Spieler, sondern auch für den Trainer.

Widersprüchlich angekommen ist Ihre Nomination als FCZ-Trainer. Hat Sie die Skepsis gekränkt?
Nein, das hat meine Arbeit vielleicht sogar erleichtert. Aber auch jetzt: Man soll die Kirche im Dorf lassen. Das ist ja keine One-Man-Show beim FC Zürich. Es ist ja nicht so, dass Urs Fischer hier alles macht. Ich habe ein fantastisches Team mit qualifizierten Spezialisten um mich.

Aber hat es am Anfang geholfen, dass Sie als Spieler eine FCZ-Kultfigur waren?
Ich weiss es nicht. Vielleicht hilft das zu Beginn. Aber irgendwann wird jeder nach Resultat und Leistung beurteilt.

Gibt es Ihr Alter Ego in dieser Mannschaft?
Magnin mit seiner impulsiven Art erinnert mich hin und wieder an mich, wie ich als Spieler war. Das hilft mir vielleicht. Es gibt Situationen, da denke ich: Sag lieber mal nichts, weil du als Spieler nicht anders warst. Aber es ist gut, dass wir nur vereinzelt Situationen haben, in denen ich mich selber sehe.

Täglich müssten Sie den Spieler Fischer nicht sehen?
Nein. Aber für meine Trainer war der Umgang mit dem Spieler Fischer nicht immer einfach. Es ist auch eine Herausforderung, sich mit solchen Spielern auseinanderzusetzen.

Ist der Umgang mit dem Trainer Fischer einfacher als mit dem Spieler Fischer?
Ich hatte schon als Spieler immer das Gefühl, es müsse Gerechtigkeit herrschen. Wenn ich dieses Gefühl der Gerechtigkeit gespürt habe, war der Umgang mit mir als Spieler einfach. Ich bin kein Gerechtigkeitsfanatiker. Aber ich lege grossen Wert auf gesunden Menschenverstand und einen respektvollen Umgang untereinander. Wenn wir auf den Platz gehen, will ich eine gerechte Leistung von den Spielern sehen.

Kann ein Trainer immer gerecht sein?
Vorsicht! Immer gerecht? Da wäre man ja perfekt. Doch das sind wir ja alle nicht.

Aber wie kann ein Trainer möglichst häufig gerecht sein?
Wenn er ehrlich ist. Ich versuche den Spielern gegenüber ehrlich meine Überlegungen mitzuteilen. Vielleicht ist es aus Sicht des Spielers ungerecht, wenn er nicht spielen darf. Aber die Situation ist gerecht.

Und wenn Sie aus dem Bauch entscheiden?
Dann sage ich das den Spielern auch so. Aber ich habe noch nicht häufig Bauchentscheide gefällt. Ausserdem muss ich vor der Mannschaft ja nicht alles rechtfertigen. Guatelli fühlt sich im Moment kaum gerecht behandelt. Aber wir haben den Entscheid zum Torhüterwechsel ehrlich kommuniziert. Also haben wir gerecht gehandelt.

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