Von Richard Hegglin

Eines muss man ihm lassen. Ein Träumer ist Niels Hintermann nicht, obwohl ihm die Ereignisse für kurze Zeit fast die Sinne raubten: «Ich freue mich über diesen unerwarteten Erfolg. Doch ist mir bewusst, dass ich viel Glück hatte.» Der Freitag, der 13. sei schon einmal ein Glückstag für ihn gewesen: «Auch die Abfahrt an der Junioren-WM, wo ich Dritter geworden war, fand an einem Freitag, dem 13. statt. Und dort trug ich sogar noch die Nummer 13.»

Aber das Jahr hat noch 364 andere Tage. Der 21-jährige Flachländer steht auf dem Prüfstand, ob er will oder nicht. Seine Leistungen werden künftig an diesem Sieg gemessen, nicht an seinem momentanen Entwicklungsstand. Einzelne Sensationssieger zerbrachen daran, die meisten fühlten sich beflügelt. «Mein Ziel werden weiterhin Klassierungen in den Top 30 sein», dämpft Hintermann allfällige Euphorie. Und fügt an: «Oder im besten Fall Top 20».

Den spektakulärsten Aussenseitersieg feierte der Amerikaner Billy Johnson 1984 ebenfalls am Lauberhorn. Ein Nobody, obwohl er die Nummer 21 trug. In einem wilden Ritt düpierte er bei garstigen Verhältnissen die gesamte Weltelite. Der verärgerte Franz Klammer versah Johnson mit dem legendären Attribut «Nasenbohrer». Grossmaul Johnson konterte und kündigte an: «Jetzt werde ich auch Olympiasieger». Einen Monat später war er Olympiasieger!

Hintermann hat auch zahlreiche Schweizer Vorgänger und Vorgängerinnen. Die prominenteste ist Doris de Agostini, die Begründerin des Tessiner Skimärchens. Eben 17 geworden, bestritt sie 1976 in Bad Gastein ihr allererstes Weltcuprennen. Es war ein nebliger, windiger Tag mit dichtem Schneefall. Lange war die Jury unschlüssig und liess dann doch starten. Eine Stunde später hiess die sensationelle Siegerin – Doris de Agostini (mit Nummer 26). Die Konkurrentinnen schimpften. Die haushohe Favoritin Rosi Mittermaier, drei Wochen später Doppel-Olympiasiegerin, verlor 30 Sekunden!

Doris de Agostini weinte im Ziel und klagte: «Ich kann doch nichts dafür, dass ich gewonnen habe.» Als sie nach dem Rennen nach Airolo zurückkehrte, spielte die Musik, Feuerwerke wurden abgebrannt. «Jetzt spinnen die total», schoss es de Agostini durch den Kopf. Sie täuschte sich: Airolo feierte 100 Jahre Gotthard-Durchstich. Doris de Agostini bestätigte später den Sensationssieg, gewann sieben weitere Rennen und den Disziplinen-Weltcup.

Berthods Ritt von 27 auf 1
Den wichtigsten Aussenseitersieg, nicht nur für sich, sondern für den ganzen Verband, feierte Marc Berthod 2007 im Slalom von Adelboden. Das Männer-Team lag am Boden. Mit Ach und Krach qualifizierte sich Berthod mit der Nr. 60 als 27. für den zweiten Durchgang. In diesem legte er eine fabelhafte Bestzeit hin, die Piste wurde immer langsamer. Und am Ende des Tages stand der erste Schweizer Sieg nach einer Durststrecke von 103 Rennen und 1073 Tagen fest. Das bildete den Wendepunkt für Swiss Ski. Nach der WM-Nullnummer 2005 in Bormio errangen die Schweizer einen Monat später in Are sechs Medaillen.

Auch Steve Locher, langjähriger Schweizer Slalomtrainer und einst Teil der «vier Musketiere» (mit Mike von Grünigen, Urs Kälin und Paul Accola), lancierte seine Karriere über einen krassen Aussenseitersieg. Mit der Nummer 46 stellte er im Super-G von Val d’Isère das Klassement auf den Kopf, gewann später weitere Rennen und war 1992 in Albertville einziger Schweizer Olympiamedaillengewinner.

Selbst Lise-Marie Morerod, die erste Schweizer Weltcup-Gesamtsiegerin, brauchte die Gunst der Stunde, um erstmals ins Rampenlicht zu treten. Bei der WM 1974 in St. Moritz, wo die Olympia-Helden von Sapporo total versagten, rettete sie am drittletzten Tag die Schweiz vor einem Fiasko. In jedem Slalom des Winters schied sie aus, aber im WM-Rennen gewann sie mit der Nummer 39 sensationell Bronze – und später 26 Weltcuprennen, fünf kleine und eine grosse Kristallkugel.

Einige lancierten ihre Weltkarrieren via Aussenseitersiege. Der legendäre Ivica Kostelic brach in Aspen mit einem Slalomsieg mit der Startnummer 64 ins Weltcup-Establishment ein. Und gewann nachher weitere 25 Rennen und holte 2011 den Weltcup-Gesamtsieg. Oder Renate Götschl machte – in ihrem zweiten Weltcuprennen – mit einem Slalomsieg mit Nummer 42 auf sich aufmerksam. Sie wurde daraufhin eine der besten Abfahrerinnen aller Zeiten und errang 46 Weltcupsiege.

Russis Katapultstart
Sogar der Schweizer Ski-Star Bernhard Russi nutzte 1970 die günstigen Umstände am Lauberhorn für einen Katapultstart: Mit der Startnummer 73 wurde er Zehnter, eine Woche später in Garmisch-Partenkirchen Vierter, holte damit die WM-Qualifikation. Einen Monat später war er bereits Weltmeister.

Erstaunlich: Kaum ein Sensationssieger verschwand später komplett in der Versenkung. Fast alle setzten sich – einige mit leichter zeitlicher Verzögerung – zumindest temporär in der erweiterten Weltklasse fest. Niels Hintermann darf mit Optimismus in die Zukunft blicken.

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