Vor einem Jahr qualifizierte sich Daniel Albrecht in Adelboden als 29. just noch für den Final. Heuer, im Jahr 3 nach seinem schweren Unfall, schied er mit der 55. Zwischenzeit sang- und klanglos aus – der Anfang vom Ende? Oder gar schon das Ende?

Daniel Albrecht, von Natur aus ein bedingungsloser Optimist, befindet sich am Scheideweg. Eine nüchterne und sachliche Analyse drängt sich auf. Und die tätigte er, aus der bitteren Enttäuschung heraus, direkt nach dem Rennen – mit schonungslosem Realismus. «Das ist», stellte er mit tristem Blick fest, «die härteste Phase seit meinem Comeback. Es ist ein richtig schwerer Moment – und ein Scheissgefühl. Es fühlt sich an, als ob der Rücktritt bevorsteht».

Er sei nicht einer, der so schnell die Flinte ins Korn werfe. Aber die Entwicklung in diesem Winter, in dem er den Anschluss an die Weltspitze wieder herstellen wollte, läuft komplett gegen ihn. Nachdem er sich in der letzten Saison zweimal für den 2. Durchgang qualifiziert hatte, scheiterte er jetzt fünfmal in Serie. «Ich muss», so Albrecht, «wieder bei null anfangen».

Mike von Grünigen, der Altmeister im Riesenslalom, hat festgestellt, «dass in den letzten zwei Jahren die Entwicklung einen Sprung gemacht hat. Leute wie Hirscher oder Ligety gehen noch mehr ans Limit.» Dadurch ist Albrecht in einen Teufelskreis geraten. Trotz persönlicher Fortschritte entfernte er sich immer weiter von der Spitze.

Diese Tatsache nagt auch an Albrechts sonst unerschütterlichem Selbstvertrauen: «Wenns dir nicht läuft, machst du in kritischen Situationen mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit das Falsche». Die immer stärker drehenden Kurse entsprechen nicht mehr jenen Automatismen, der er aus seinem unbewussten Erinnerungsspeicher abrufen kann. Er muss Bewegungsabläufe neu lernen. Didier Cuche bestätigt: «Als ich vor zehn Jahren in Adelboden den Riesenslalom gewann, war ich elf Sekunden schneller als heute. Nicht weil ich besser war, sondern weil es weniger Tore
hatte.»

«Früher», erzählt Albrecht, «schaute ich darauf, dass ich im Training möglichst viele gute Läufe zustande bringe. Heute achte ich auf möglichst schnelle Kurven, aber es gelingen mir selten mehr als zwei pro Lauf». Albrecht spricht im Bezug auf seine Zukunft von einem «schmalen Grat, von dem ich entweder links oder rechts runterfalle».

Die FIS-Rennen, die Albrecht fahren wollte, sind alle abgesagt worden: «Die hätte ich dringend gebraucht, um das Renngefühl zu bekommen. So kannst du am Abend eine Strategie festlegen, und am andern Morgen ist alles wieder anders – das ist demotivierend». Das braucht endlose Geduld. «Und diese», gesteht Albrecht ein, «ist allmählich erschöpft».

Vorgesehen wäre in der nächsten Woche in Wengen die Teilnahme am Kombinationstraining. Albrecht spielt aber auch mit dem Gedanken, die Saison ein weiteres Mal abzubrechen. «Wenn ich den Kalender anschaue», sinniert Albrecht, «stelle ich fest, dass schon bald Mitte Saison ist, obwohl kaum Rennen stattgefunden haben. Ich habe eine neue Skimarke, noch keine Punkte, und in der nächsten Saison kommt noch ein neues Reglement, in dem Ski mit anderer Taillierung vorgeschrieben sind. Es wäre deshalb nicht die schlechteste Idee, die Saison zu beenden und mich bereits auf nächstes Jahr konzentrieren.»

«Aber», fährt Albrecht fort, «ins B-Kader werde ich in meinem Alter nicht mehr runtergestuft – also wäre ich dann nirgends mehr.» Damit ist der Ball dem Verband und insbesondere Präsident Urs Lehmann zugespielt. Dieser hatte Albrecht einst versprochen, alles für ihn zu tun, um ihm eine Reintegration zu ermöglichen. «An dieses Versprechen halte ich mich», bestätigt Lehmann. Davon müssen aber auch der Chef Leistungssport und der Cheftrainer überzeugt sein. Vor allem im «Fall Tamara Wolf» hat man im letzten Frühling auf dieser Ebene wenig Fingerspitzengefühl bewiesen.

Albrecht hat mit seiner Aussage, wie jeder andere Athlet behandelt werden zu wollen, eine harte Haltung provoziert. Er und der Verband müssen über die Bücher. Eine Strategie mit FIS- und Europacup-Einsätzen wäre wohl am vernünftigsten. Albrecht hat es verdient, selbst entscheiden zu können, wie lange er gegen die Windmühlen des unerbittlichen Spitzensports ankämpfen will. Er weiss selber, dass ihm auch auf dieser Stufe nichts geschenkt wird. Aber dann hätte er definitiv Gewissheit, nichts unversucht gelassen zu haben.

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