Von Marcel Kuchta und Kristian Kapp

Treffpunkt ist der Bahnhof Landquart. Reto von Arx kommt direkt vom HCD-Training, Mathias Seger reist aus Oerlikon mit dem Zug an. Im Kinderwagen mit dabei hat er seine neun Monate alte Tochter Elisa. Während des Gesprächs bereitet Seger kurzerhand einen Früchtebrei zu. Reto von Arx, selber Vater von zwei Kindern, schäkert immer wieder mit dem kleinen Zaungast, der gute Stimmung verbreitet. Kaum vorstellbar, dass sich diese Männer auf dem Eis nichts schenken, wenn sie gegeneinander spielen.

Sie beide gehören zu den erfahrensten Spielern der NLA und haben schon manche Schlacht auf dem Eisfeld erlebt. Ist das Kribbeln vor den Playoffs immer noch da?
Mathias Seger: Du bist älter Arxie, Du darfst anfangen (lacht).
Reto von Arx: Ja, es kribbelt noch. Vor allem ist es Zeit, dass es endlich losgeht. Mit 50 Qualifikationsspielen wird die Geduld der Spieler strapaziert. Die Zürcher sind glaub ich seit 25 Runden für die Playoffs qualifiziert. Für die war das Warten vermutlich noch viel schwieriger. Da ist es eine Herausforderung, den Fokus zu behalten und immer ready zu sein.
Seger: Wir sind sehr froh, dass es jetzt endlich anfängt. Die Playoff-Spiele haben auch in unserem Alter immer noch den grössten Reiz.

Was macht für euch diesen Reiz aus?
Seger: Der Reiz ist sicher, dass alle acht Mannschaften die Chance haben, Meister zu werden. Es sind die Partien, in denen es um alles oder nichts geht. Man bestreitet maximal sieben Spiele gegen denselben Gegner. Man lernt sich besser kennen, die Begegnungen sind intensiv.

Die Begegnung Davos gegen Kloten gab es in den letzten paar Saisons gefühlte 100-mal. Gibt es da überhaupt noch Geheimnisse?
von Arx: Nein. Natürlich wissen wir, was die anderen machen. Das ist nicht nur zwischen Davos und Kloten so. Dafür ist unsere Liga zu überschaubar. Aber eben: Die Playoffs sind nochmals etwas ganz anderes. Hier gelten eigene Gesetze. Es gibt so viele kleine Faktoren, die eine Serie entscheiden können. Und das Schöne ist: Letztlich setzt sich über sieben Spiele immer die bessere Mannschaft durch.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Playoff-Serie?
von Arx: Komm Segi, sag du, das ist noch nicht so lange her bei dir.
Seger: Ich habe deine ersten Playoffs sogar gesehen! Da warst du mit Langnau in Uzwil und hast gegen Wil die Aufstiegsspiele bestritten. Ich weiss noch, dass damals ein Zuschauerrekord aufgestellt wurde, obwohl Uzwil selber gar nicht gespielt hat.
von Arx: Ich war aber verletzt und bin nur an der Bande gestanden.
Seger: Ich hatte meine erste NLA-Serie mit Rappi. Das war 1997 gegen Ambri, oder?
von Arx: Ich versuche gerade, mich an meine erste Playoff-Serie mit dem HCD zu erinnern, aber ich kann es bei Gott nicht sagen.
Seger: Wahrscheinlich habt ihr verloren. Das vergisst man sowieso möglichst schnell (lacht).

Man sagt ja immer, dass es die grosse Kunst ist, während der Playoffs die Spiele möglichst schnell abzuhaken und sich auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren.
von Arx: Ich weiss nicht mal, ob das wirklich eine Kunst ist. Es geht in der Regel Schlag auf Schlag, man hat gar keine Zeit, gross herum zu studieren. Ich mag mich an die Finalserie 1998 gegen den EV Zug erinnern. Dort haben wir ein Spiel 2:11 verloren. Das sieht gegen aussen blöd aus, zählt aber letztlich gleich viel wie eine 1:2-Niederlage nach Verlängerung. Damals haben wir zwei Tage später wieder gewonnen. Unsere Liga ist inzwischen so ausgeglichen, dass man mit Rückschlägen umgehen können muss.

Apropos Ausgeglichenheit. Wie können Sie sich den Absturz des SC Bern erklären?
Seger: Das hat sicher mit der Ausgeglichenheit zu tun. Wenn man als Mannschaft in ein Tief gerät und einige Spiele hintereinander verliert, dann ist die Playoff-Teilnahme plötzlich in Gefahr. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen für unsere Liga.
von Arx: Natürlich ist es nicht schön für die Berner. Aber sie werden nicht absteigen. Und ob Du die Playoffs verpasst oder fünf Spiele später in den Viertelfinals ausscheidest, ist letztlich einerlei. Alle Mannschaften wollen in den Final oder zumindest in den Halbfinal. Da sind wir wieder beim schnell Abhaken. Ich bin mir sicher, dass der SCB nächste Saison wieder ein gefährlicher Gegner sein wird.

Während der Playoffs sind die Spieler in der Regel voll auf den Sport fokussiert. Wie gehen Sie als Familienväter damit um?
von Arx: Ich habe schon oft von Vätern gehört, die während der Playoffs nichts mehr mit ihren Familien unternehmen.
Seger: Die haben in dem Fall alle eine Top-Frau daheim (lacht).
von Arx: (lacht) Ich bin immer froh, wenn ich heim zur Familie kann und dort wegkomme vom Eishockey-Alltag. Meine Kinder interessiert es zum Glück nicht, ob wir 10:1 gewonnen oder verloren haben. Das gibt mir immer eine gute Distanz. Ich wollte das Eishockey auch nie gross thematisieren daheim.
Seger: Das geht mir genauso. Wenn man nach einem Spiel am nächsten Tag von seinem Kind geweckt wird, kann man automatisch besser abschalten.

Spüren die Kinder, wenn es dem Papa auf dem Eis nicht gut läuft?
von Arx: Das Gute ist, dass die Kinder jeden Morgen mit dem gleich sonnigen Gemüt erwachen und sich nicht darum kümmern, was auf dem Eis passiert. Da wird man sehr schnell abgelenkt. Aber wenn man dann zum Eisstadion läuft, wird man bald wieder von der Realität eingeholt.

Ist es in dem Fall von Vorteil, wenn man während der Playoffs nicht 24 Stunden an Eishockey denkt?
von Arx: Ich behaupte nicht, dass unser Weg der richtige ist. Aber wir haben beide unsere Erfahrungen gemacht und unseren Weg schnell gefunden. Ich persönlich bin froh, wenn sich nicht alles ums Eishockey dreht. Natürlich achtet man mehr auf die Erholung und die Ernährung.
Seger: Man muss aber schon sagen, dass man die Unterstützung der Familie braucht. Man ist schliesslich jeden zweiten Abend unterwegs.

Also muss man beispielsweise den Staubsauger nicht in die Hände nehmen?
von Arx: Musst du überhaupt staubsaugen, Segi? (lacht)
Seger: Diese Frage möchte ich nicht beantworten. Ich ziehe den Joker (lacht).
von Arx: Ich denke, wir haben durchs Band Familien, die in dieser stressigen Phase helfen. Unsere Frauen haben es während der Playoffs sicher auch strenger als sonst. Immerhin: Wir hatten in den letzten beiden Jahren in Davos ja auch nicht mehr so lange Playoffs (lacht). Hoffentlich ändert sich das diesmal wieder.

Ihr gehört beide zu den Führungsspielern eurer Mannschaften. Wie äussert sich für euch Leadership?
Seger: Grundsätzlich muss jeder Spieler in einer Mannschaft eine gewisse Leaderfunktion übernehmen, damit ein Team funktioniert. Ein Leader ist für mich letztlich der, der in den entscheidenden Phasen, wie jetzt in den Playoffs, seine beste Leistung abrufen kann und mit seinem vorbildlichen Auftreten die Mannschaft mitreisst.
von Arx: Ich denke auch, dass sich ein Leader primär über die Leistung definiert. Damit meine ich nicht, dass jemand tausend Tore schiessen und tausend Assists machen muss, sondern das kann auch ein geblockter Schuss in einem wichtigen Moment sein.

Wieso waren Sie beim HCD nie Captain?
von Arx: Ich hatte nie das Bedürfnis, dieses Amt zu übernehmen. Ausserdem hatten wir in Davos immer gute Captains – Equilino, Gianola und jetzt Rizzi. Wenn man den richtigen Captain hat, dann muss man nichts ändern. Das ist ja mit Segi in Zürich dasselbe.

Hätten Sie eigentlich gerne mal unter Arno Del Curto gespielt, Herr Seger?
Seger: Ich habe in der U20-Nationalmannschaft mal unter ihm gespielt. Klar: Ich hätte auch gerne mal in Davos gespielt, aber ich war in Zürich immer sehr glücklich.
von Arx: Wir wollten ihn immer wieder nach Davos holen, aber wir konnten ihn einfach nicht zahlen (lacht).
Seger: Nein nein, das war es nicht (lacht).
von Arx: Ich weiss, dass Du es Dir mal überlegt hast, dann aber einen langen Vertrag in Zürich unterschrieben hast.

Und Sie Herr von Arx, können Sie sich überhaupt noch vorstellen, unter einem anderen Trainer als Del Curto zu spielen?
von Arx: Natürlich könnte ich das, aber es würde schon ein paar Umstellungen brauchen. In den vielen gemeinsamen Jahren haben sich viele Automatismen eingestellt. Ich bin auf jeden Fall froh, muss ich mich dieser Herausforderung nicht mehr stellen in meiner Karriere.

Sie beide sind hier im Umgang miteinander kollegial und lustig, auf dem Eis schenkt man sich dann aber nichts. Merken Sie während eines Spiels überhaupt, mit wem Sie sich anlegen?
Seger: Das Schöne am Eishockey ist, dass wenn so etwas passiert, man sich nach einem Spiel aber trotzdem gut versteht.
von Arx: Das finde ich auch. Jeder von uns ist Profi genug, um mit solchen Situationen umgehen zu können. Ich glaube nicht, dass man einen Gegenspieler extra schont oder darauf schaut, wo jetzt der andere gerade auf dem Eis steht. Jeder schaut für sich und tut alles dafür, um zu gewinnen. Nach dem Spiel gibt man sich dann wieder die Hand.

Sie sind in Ihren Teams jeweils die ältesten Spieler. Merken Sie das in irgendeiner Art und Weise?
von Arx: Die Jungen können heute zwei Minuten nach dem Match auf ihrem Handy schon den Matchbericht lesen. Ich weiss immer noch nicht, wie das funktioniert. Man hört hie und da, dass man der Älteste ist, aber das ist gut so. Ich habe mich auf jeden Fall noch nie alt gefühlt und musste sagen, «was mache ich hier noch?».
Seger: Die Jungen halten einen selber einigermassen jung. Aber ich staune schon manchmal, wie sie mit den Neuen Medien umgehen. Ich habe weder von Twitter noch von Facebook eine Ahnung.
von Arx: Ich denke, wir hatten es früher in diesem Alter einfacher. Wir mussten vielleicht alle zwei Wochen ein Interview geben und hatten dann wieder Ruhe. Heute stehen die Jungs viel öfter im Fokus der Öffentlichkeit.
Seger: Die Anforderungen an die Jungen sind generell gestiegen. Sie müssen nicht nur gut Eishockey spielen, sondern auch noch gut aussehen, ein tolles Facebook-Profil haben. Sie müssen sich überall bestätigen und durchsetzen. Darum werden sie auch ein wenig zu Einzelkämpfern. Heute gibt es 45 verschiedene Techno-Stile, die man kennen muss.
von Arx: Und bei uns hat früher am Morgen einer eine Kassette mit ins Training gebracht. (Gelächter)

Hat das Alter Auswirkungen auf Ihren körperlichen Zustand? Brauchen Sie mehr Erholung?
von Arx: Mehr Erholung wäre schön (lacht). Ich werde das oft gefragt. Aber ich kann nicht sagen, dass ich mich anders fühle als vor zehn Jahren. Wenn, dann waren es schleichende Veränderungen, die ich aber nicht bewusst wahrgenommen habe.
Seger: Der Körper braucht sicher länger, sich zu erholen bei gewissen Verletzungen. Damit muss man leben.

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