Sachte klopft jemand an die Tür zum Trainerbüro. Es ist kurz nach neun Uhr. Murat Yakin ruft: «Herein!» Doch nichts passiert. Ein Lausbubenstreich? Nein. Der Fotograf öffnet. Hakan, der drei Jahre jüngere Bruder von Murat, streckt sachte den Kopf durch die Tür. «Sorry, ich wollte nicht stören. Murat, hast du später noch kurz Zeit für ein persönliches Gespräch?»

«Der FC Luzern wird zum FC Yakin.» «Yakin & Yakin. Glanz & Gloria für den FC Luzern.» «Yakin & Yakin. Von Ibiza direkt ins Training.» «Zoff mit Bruder und Coach Muri? Haki lässts krachen.» Oder die kleinkarierte Sicht von Schreibtischtätern. Natürlich birgt die Konstellation beim FC Luzern mit den Brüdern Yakin oberflächlich betrachtet Konflikt- und Glamourpotenzial. Aber die Realität auf dem Trainingsplatz ist eine andere. «Hatsch! Schneller, Hatsch! Schneller, Hatsch!» Und dann, fast in sich gekehrt und von den Spielern abgewendet, mault er: «Jetzt chum i denn Vögel über!»

Wer dachte, er würde in Luzern über seinen Bruder stolpern, weil er diesen bevorzugt behandelt, kennt Murat schlecht. Einerseits, weil Murat schon immer Hakan den Weg weisen musste. Andererseits, weil sich Murat in den Kopf gesetzt hat, ein erfolgreicher Trainer zu werden. Und wenn sich Murat mal etwas in den Kopf gesetzt hat, gibt es kein Pardon. Da mag er noch so jovial und gelassen erscheinen. Doch tief drinnen ist er mindestens so erfolgsbesessen und ehrgeizig wie Christian Gross oder Alex Frei. Aber mit dem Unterschied, dass Murat nie diesen verbissenen Eindruck hinterlässt, als stünde Leben und Tod auf dem Spiel.

Die Spieler sind bereits beim gemeinsamen Morgenessen. Als Murat Yakin den Raum betritt und jeden Spieler mit Handschlag begrüsst, verändert sich die Stimmung. Es wird ruhiger. Aber es ist nicht diese bedrückende, schwere Ruhe, die mit Angst und Ehrfurcht vermischt ein beklemmendes Gefühl hervorruft. Nein, es ist diese Ruhe, die man spürt, wenn man beispielsweise nach Hause kommt. Es ist diese Ruhe, die eine Redepause nicht zur Qual macht, sondern inspirierend wirkt. «Seine gelassene Art vermittelt Sicherheit», sagt Roland Bättig, Yakins verlängerter Arm in der letzten Saison beim FC Thun. «Seine Aura lässt sich ganz einfach erklären: Mit Murat verbringt man gerne Zeit.»

In Thun schaffte Murat Yakin im ersten Jahr den Aufstieg und im ersten Super-League-Jahr den Sprung in die Europa League. Mit dem FC Luzern hat er in zehn Spielen noch nie verloren und führt souverän die Tabelle an. Kritiker werfen ihm unattraktiven Fussball vor, weil er quasi ohne Stürmer spiele. Das lässt ihn kalt. Roma sei unter Capello auch mal ohne Stürmer Meister geworden. «Wobei ich jetzt nicht vom Meistertitel reden will.»

Dabei hätte er schon Stürmer in seinem Kader. Beispielsweise Cristian Ianu, in der vorletzten Saison immerhin 21-facher Torschütze. Doch Yakin setzt nicht auf den Rumänen, was nur wegen der Erfolgsserie keine grossen Wellen wirft. Denn Ianu ist in Luzern ein kleiner Star. Aber einer mit einem auslaufenden Vertrag. Wie Burim Kukeli. «Ein heikles Thema», so Yakin. «In Thun wurde Scarione kurz vor Vertragsende noch verkauft.

So gesehen bin ich ein gebranntes Kind. Ich kann nicht auf einen Spieler setzen, der in meiner mittel- oder langfristigen Planung keine Rolle spielt.» Bei Kukeli hat sich die Situation entspannt. Ihm hat man beim FC Luzern die Bereitschaft signalisiert, über eine Vertragsverlängerung zu verhandeln. Der Fall Ianu indes ist ungelöst. Yakin legt den Arm um Ianu, während die restlichen Spieler das Training längst aufgenommen haben.

«Natürlich denkt einer wie Ianu, ich hätte etwas gegen ihn, weil er nicht spielt. Aber ich kann doch keinen Stürmer einwechseln, wenn wir das Resultat halten müssen. Deshalb ist es enorm wichtig, dass ich mit ihm rede. Ihm meinen Standpunkt klarmache. Aber ich habe ihm auch gesagt: Wenn du Stunk machst, ist das gleichbedeutend mit einem Eigentor.» Später beobachtet der 37-Jährige mit Genugtuung, wie Ianu versucht, sich im Training aufzudrängen. Wo Yakin dirigiert, ist problemfreie Zone.

Am Anfang stand die Liebe zum Fussball, dann das Talent und später entdeckte er seine Leidenschaft für Strategien. Yakin war schon als Spieler anders. Fehlende Schnelligkeit kompensierte er mit Technik, Übersicht und Antizipationsvermögen. So erstaunt es nicht, wenn er heute sagt: «Fussball ist hauptsächlich Kopfsache.» Nirgends wird das offensichtlicher als im Training. Wenn ein Spieler nicht weiss, was er mit dem Ball anfängt, bevor er den Ball erhält, kann Yakin ungemütlich werden. «Fehlpässe passieren den besten Spielern der Welt. Darüber braucht man sich nicht aufzuregen.

Auch wenn einer Ferrari fährt oder mal im Ausgang ist – stört mich alles nicht. Aber wenn die Spieler nicht mitdenken, mit dem Kopf nicht bei der Sache sind, kann ich ungemütlich werden. Den gleichen Anspruch stelle ich übrigens auch an mich selbst. Ich schlafe mit Fussball im Kopf ein und wache am Morgen auch mit Fussball auf.» Und wann waren Sie letztmals im Ausgang? So richtig, kein öffentlicher Anlass und ohne Fussball im Kopf? «Ich kann mich nicht erinnern. Aber es fehlt mir auch nicht.»

Yakin hat als Spieler Millionen verdient. Trotzdem ist er sich selbst treu geblieben. Respekt und Anstand sind für ihn nicht bloss Floskeln, sondern Werte, die er vorlebt. In Frauenfeld, seiner ersten Station als Cheftrainer, schlug ihm Skepsis entgegen. Aber schon nach wenigen Minuten hingen ihm die Spieler an den Lippen. Egal, ob der Masseur, der Kellner im Restaurant oder das junge türkische Paar auf der Bank, dem er zufällig begegnet und das ein Foto machen will. Yakin hört zu, Yakin spricht, Yakin lächelt und Yakin wirkt nie gehetzt. Er vermittelt allen das Gefühl, bei ihm willkommen zu sein. Authentizität, Sensibilität, Empathie und Ausstrahlung sind wohl die herausragenden Stärken des Trainers Murat Yakin, weil sie in diesem Metier in dieser Qualität Seltenheitswert haben.

Bättig attestiert ihm feine Antennen. Luzerns Assistenztrainer Walter Grütter eine «brutale Sozialkompetenz». Giorgio Contini, der andere Assistent, sagt, dass der Transfer zu den Spielern nie trocken sei, und lobt seine Beharrlichkeit. Und was sagt Yakin? «Ich habe es mit Menschen und nicht mit Nummern zu tun. Und wenn ich diese Menschen mit Respekt behandle, klar und offen kommuniziere und ich nicht falsch spiele, kommen die guten Resultate automatisch.»

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