Von Sebastian Wendel und François Schmid-Bechtel

Es gibt Leute, die sagen, man sähe Ihnen den FC Basel an. Teilen Sie den Eindruck, wenn Sie in den Spiegel schauen?
Murat Yakin: (lacht) Ich habe schon länger nicht mehr in den Spiegel geschaut, weil mir die Zeit fehlt. Was sehen denn die Leute?

Mehr graue Haare, Schlafzimmerblick.
Die grauen Haare brauche ich nicht zu kaschieren. Und den müden Blick habe ich immer.

Gibt es Leute in Ihrem Umfeld, die auch schon solche Bemerkungen gemacht haben?
Es ist ein intensiver Job. Aber ich arbeite gerne für den Erfolg. Den FC Basel kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Leidet darunter auch das Privatleben?
Kontakt pflege ich immer noch zu meinen Freunden, mal mehr, mal weniger. Je nachdem, wie intensiv die Phase ist.

In solchen Phasen ist häufig von müden Spielern die Rede. Wie geht es dem Trainer? Wird er auch langsam müde?
Es ist ein Job, der mir sehr viel Freude bereitet. Die Arbeitsstunden spielen da keine Rolle. Und man kriegt für sein Engagement wirklich viel an Emotionen und Glücksgefühlen zurück. Es ist nicht der Zeitpunkt, um von Müdigkeit zu sprechen.

Schlafen Sie nach einem 0:5 in Valencia schlechter als nach einem 1:0 in Sion?
Nein, ich habe genau gleich gut geschlafen. Ich habe meinen Weg gefunden, um selbst Ereignisse wie das 0:5 in Valencia problemlos zu verarbeiten. Nach dem Spiel ist es vorbei. Dann kann niemand mehr korrigierend eingreifen. Deshalb ist es müssig, hinterher zu jammern, was man hätte besser machen können. Das heisst nicht, dass ich Dinge nicht kritisch hinterfrage. Aber ich mache das stets mit etwas Abstand und einem positiven Ansatz.

Kritisch hinterfragen könnte man auch die Häufung der muskulären Verletzungen Ihrer Spieler.
Das tun wir schon. Bei gewissen Spielern wie Diaz, Safari und Streller waren wir nicht überrascht, weil sie anfällig auf Muskelverletzungen sind.

Letztes Jahr waren Sie als Trainer erstmals im Titelrennen involviert. Gibt es Dinge, die Sie dieses Jahr anders machen?
Nein, das greift zu weit. Man kann das gar nicht vergleichen. Was zählt, ist einzig die Momentaufnahme.

Marcelo Diaz ist Ihrer Aufforderung nachgekommen und hat in Sion von der Bank aus tatsächlich die Berge betrachtet. Nehmen Sie seine Aktion mit dem Tweet von den Walliser Bergen persönlich?
Ich habe nie so direkt gesagt, Diaz und Delgado könnten sich in Sion die Berge anschauen. Ich bin mit diesem Satz konfrontiert worden und habe nur ja gesagt. Egal. Irgendwann muss man als Trainer auch mal ein Zeichen setzen und damit eine Reaktion provozieren. Ein 0:5 kann man nicht schönreden.

Wie akzeptieren Sie Diaz’ Konter?
Ach, kein Problem. Ist doch gut, dass ich etwas provoziert habe.

Was genau?
Der eine wird dadurch angestachelt, der andere steckt den Kopf in den Sand.

Worauf führen Sie die Unruhen von der Ersatzbank zurück, die sowohl in Valencia als auch in Sion aufgekommen sind?
Klar war das 0:5 gegen Valencia ein böses Erwachen. Weniger für mich, weil ich wusste, was uns in Valencia erwarten würde. Mehr vielleicht für einige Spieler, die sich nach dem 3:0 im Hinspiel sehr sicher waren, obwohl ich auf die Gefahren hingewiesen habe. Es war okay, dass Einzelne Dampf ablassen konnten. Aber irgendwann ist auch mal gut.

Wie steht es um die Disziplin innerhalb der Mannschaft?
Disziplin muss selbstverständlich sein …

Sind Sie kein Freund von Bussenkatalogen?
Was heisst Busse?

Bekommt David Degen für sein Fehlverhalten auf der Ersatzbank in Valencia eine Geldstrafe?
Wir haben das Verhalten sicher besprochen, aber was wir intern besprechen, ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Wie erklären Sie die fehlende Leidenschaft in Valencia?
Man lernt nur aus Erfahrungen und Erkenntnissen. Selbst wenn ich die Spieler optimal auf die Partie einstelle, jedes Detail plane und in die Aufstellung einfliessen lasse, kann ich damit die fehlende Erfahrung nicht kompensieren. Jetzt wissen die Spieler, wie der spanische Fussball funktioniert. Das nächste Mal werden sie bestimmt anders ins Spiel gehen, selbst nach einer 3:0-Führung.

Es sind immer die gleichen Spieler, die das Team mitreissen: Streller, Stocker, Frei und Sommer. Andere wie Marcelo Diaz oder Matias Delgado, die viel gekostet haben oder viel verdienen, sind keine Leader. Wie beelendend ist das für Sie?
(überlegt lange) Ich muss klare Entscheidungen treffen. Diese treffe ich einzig aufgrund von Leistungskriterien. Ich stelle nicht nach Name, Gehalt oder Transfersumme auf, sondern entscheide mich für jene Spieler, die mir die Resultate liefern. Dass Diaz nicht immer auf seiner bevorzugten Position im defensiven Mittelfeld spielen kann, ist mir bewusst. Aber das hält ihn ja nicht davon ab, zu beweisen, dass er auch auf einer offensiveren Position wertvoll für uns sein kann.

Ist die Verpflichtung von Diaz dem Barcelona-Wahn geschuldet? Eine Zeit lang galt Barcelona mit seinen kleinen, filigranen aber nicht allzu robusten und schnellen Mittelfeldspielern als Nonplusultra.
Das weiss ich nicht. Klar ist aber: Wenn bei Barcelona ein Xavi oder Iniesta ausfällt, ist es nicht mehr die gleiche Mannschaft. Ein Fussball-Team ist ein viel komplexeres System, als viele glauben.

Heisst das im Umkehrschluss, dass Xavi beim FC Basel nicht gleich brillieren könnte wie in Barcelona?
Genau. Ich halte viel von Diaz. Er hat das gewisse Etwas, was er auch immer wieder beweist. Aber ihm fehlt etwas die Konstanz. Ausserdem hat er noch immer Mühe, unseren Fussball zu adaptieren.

Selten ist ein Torhüter eines Spitzenteams derart dominant wie Yann Sommer beim FCB. Selbst im Heimspiel gegen Thun braucht es ihn, um ein 0:0 zu retten. Ist Sommers Einfluss zu gross?
Gegen Chelsea verrichtet jeder Spieler bedingungslos seine defensive Arbeit. In der Super League hingegen überlegt sich der eine oder andere, ob es jetzt tatsächlich nötig ist, den 20-Meter-Sprint in der defensiven Phase zu machen oder nicht. Was Leidenschaft bedeutet, hat uns Valencia im Rückspiel eindrücklich demonstriert.

Muss der FC Basel auf dem Transfermarkt mehr Risiken eingehen, sprich teurere Spieler verpflichten, um das Niveau zu halten?
Entscheidend ist nicht der Preis, sondern die Mentalität des Spielers.

Ist Leidenschaft eine Frage der Mentalität?
Es ist auch eine Frage der Intelligenz und der Erfahrung.

Schweizer zu verpflichten, ist für den FC Basel schwieriger geworden, weil die Ansprüche gestiegen sind.
Nicht zwingend. Wer hätte gedacht, dass Taulant Xhaka nach seiner Rückkehr eine tragende Rolle bei uns spielt?

Trotzdem behaupten wir: In der Super League genügen keine zehn Spieler den Ansprüchen des FCB.
Womit wir wieder bei der Mentalität wären. Ich sehe, wie andere Mannschaften klagen, wenn sie drei Mal in der Saison eine englische Woche haben. Wir haben seit Beginn der Rückrunde praktisch alle drei Tage ein Spiel, wir haben viele Verletzte – aber jammern wir? Qualität ist, wenn ein Spieler den Dreitagesrhythmus mental und physisch verkraftet.

Wir sind erstaunt, wie hartnäckig GC trotz der Abgänge von Zuber, Hajrovic und Vilotic oben dran bleibt. Erstaunt Sie das auch?
Nach wie vor liegt es nicht an mir, in dieser Phase die Arbeit anderer Teams zu beurteilen. GC ist die Mannschaft, die uns im zweiten Jahr in Serie stark unter Druck setzt.

Das ist in Deutschland oder Österreich anders, dort stehen die Ligariesen schon lange als Meister fest.
Bayern und Salzburg haben im Winter nicht wie wir einen offensiven Schlüsselspieler (Salah; d. Red.) verloren. Sie haben auch nicht das Verletzungspech wie wir. Aber wir beklagen uns nicht: Für die Verletzten springen junge Spieler wie Breel Embolo oder Naser Aliji ein und machen das sehr gut.

Wären Sie gerne in der komfortablen Situation eines Heiko Vogel, der vor zwei Jahren fünf Spieltage vor Schluss Meister wurde?
Auf der Rückfahrt von Sion nach Basel habe ich mir überlegt: Muss ich mir die Zusammenfassung von Bayern gegen Dortmund wirklich anschauen? Zweifellos ein Spitzenspiel, aber es interessiert niemanden mehr. Ein spannendes Meisterrennen ist doch toll für den Schweizer Fussball.

Anders als Bayern-Trainer Josep Guardiola haben Sie den Nervenkitzel.
Ja, zum Glück.

Im Cuphalbfinal gegen Luzern kamen nur gut 12 000 Zuschauer in den St. Jakob-Park. Eine Woche vor dem Final ist dieser noch nicht ausverkauft. Der Cup hat offenbar stark an Anziehungskraft verloren.
Der Cup ist für uns kein Trostpreis. In diesen Spielen haben junge oder wenig berücksichtigte Spieler die Gelegenheit, sich zu präsentieren. Wir nehmen die Cup-Spiele sehr ernst. Man hat ja bei YB gesehen, was ein Ausscheiden gegen einen Unterklassigen auslösen kann. Entweder man fliegt in den ersten Runden raus oder zieht es seriös durch. Das Highlight ist der Final, alles andere ist Knochenarbeit.

Das ultimative Highlight, den Cup zu gewinnen, ist Ihnen in den vergangenen zwei Jahren verwehrt geblieben. Sie haben beide Finals verloren …
Halt – beide Male erst im Penaltyschiessen (lacht). Wenn man das Penaltyschiessen als Glückssache betrachtet, stellt sich heraus, dass ich kein Glücksspieler bin.

Gehen Sie darum nie ins Casino?
Ich war auch schon da. Aber in der Atmosphäre eines Casinos empfinde ich keine Freude. Ob ich mit mehr oder weniger Geld herauslaufe, hat für mich keinen Anreiz. Mein Credo ist, nichts dem Zufall zu überlassen.

Und Sportwetten?
Ist mir zu aufwendig, bis ich mich da eingeloggt habe (lacht). Früher habe ich es ab und zu aus Spass gemacht. Um zu testen, ob ich ein gutes Näschen habe.

Was unternehmen Sie, damit der Cupfinal gegen Zürich nicht zum Glücksspiel wird?
Ein bisschen Glück gehört im Fussball dazu. Aber wenn man sich nicht auf die eigenen Stärken verlassen kann, bringt auch Glück nichts. Wenn man sich als Trainer zu oft auf das Glück verlässt, hat man den falschen Job gewählt.

Was halten Sie vom FCZ?
Sie hatten zu Beginn der Rückrunde eine starke Phase mit einem neuen System. Die neuen Impulse, die Trainer Urs Meier der Mannschaft auf den Weg gegeben hat, haben gewirkt.

Urs Meier wechselt während der Saison zur Dreierabwehr, es funktioniert und alle loben ihn. Wenn Sie nur schon das Wort Dreierkette in den Mund nehmen, löst das in Basel eine mittlere Staatskrise aus. Beneiden Sie Urs Meier ?
Man muss bereit sein für Veränderungen und dies bedingt je nach Gegner auch taktische Flexibilität.

In Basel wollen Ihnen vom Journalisten bis zum Fan alle dreinreden ...
Ich habe gehört, man kann am Kiosk Lektüre für die Trainerausbildung kaufen. Während meiner Trainerausbildung wurde mir etwas Interessantes vorgetragen.

Ja?
Als ich aufgehört habe als Spieler, dachte ich auch, alles über Fussball zu wissen. Bei einer Umfrage, in der es um die Fussballkompetenz geht, stufen sich Journalisten und das Publikum auf einer Skala von 1 bis 10 zwischen 7 und 8 ein. Die Trainer bei 4. Mit wem soll ich mich jetzt über Fussball unterhalten? Als Trainer darf ich mich nicht von den vielen Meinungen leiten lassen, sondern muss meinen Weg gehen.

Was Ihnen nicht schwerfallen dürfte …
Nein. Ich weiss, was ich zu tun habe. Mir muss niemand reinreden.

Was Ihnen geholfen haben dürfte, war der Weg, den Sie als Trainer gewählt haben …
Nach dem Karriereende dachte ich, gut genug für die Super League zu sein. Ich musste erst akzeptieren, dass es anders kam. Heute weiss ich, alles richtig gemacht zu haben.

Welchen Einfluss hatten die zwei Jahre beim FC Thun?
Bis dahin war vielleicht nicht alles durchdacht. In Thun hatte ich das erste Mal die Gewissheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Obwohl ich die Möglichkeit hatte, GC im Doppelmandat zu übernehmen. In Thun musste ich viele Dinge, für die ich heute Mitarbeiter habe, selber machen. Ich konnte mich in einem unaufgeregten Umfeld auf eine Art selber finden. Jeden Tag konnte ich eine neue Erfahrung in meinen Rucksack packen.

Ist es schwierig, mit Ihren Spielern über Fussball zu diskutieren?
Es ist amüsant (lacht). Die Ansichten sind sehr verschieden. Ich erinnere mich dann gerne zurück, wie ich damals mit den Trainern diskutiert habe.

Ist also das Klischee, dass gewisse Spieler wie ein Trainer denken, falsch?
Wenn Sie so fragen, ja. Aber es gibt Spieler, die der verlängerte Arm des Trainers sind. Diese Spieler sind intelligent genug, eine Anweisung des Trainers während der Partie umzusetzen. Andere muss man laufen lassen.

Wie viele verlängerte Arme braucht ein Trainer?
Das kann man nicht beziffern. Überall wo ich Trainer war, habe ich mit dem Spielermaterial gearbeitet, das mir zur Verfügung stand. Man lernt in der täglichen Arbeit, mit welchen Spielern man wie umgehen muss. Dabei gibt es immer wieder überraschende Prozesse.

Zum Beispiel bei Fabian Frei?
Seine Führungsqualitäten wurden früher vielleicht unterschätzt. Ich selber wäre zu Beginn in Basel nie auf die Idee gekommen, ihn im defensiven Mittelfeld aufzustellen.

Wie viel Fussballsachverstand hat eigentlich Ihre Frau?
Mit ihr spreche ich nie über Fussball.

Können Sie den Fussball vor der Haustür lassen?
Es ist zwar nicht immer einfach. Schaltet man heute den Fernseher ein, läuft immer auf irgendeinem Kanal Fussball.

Fragt sie nie: Murat, warum hast du diesen Spieler ausgewechselt?
Nein. Aber hin und wieder gibt sie schon einen Kommentar ab. Als sie Mohamed Salah gesehen hat, sagte sie zu mir: Momo ist eine Riesenattraktion.

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