Krasser hätte der Szenenwechsel nicht sein können. Vor einer Woche in Wengen nach einem 15. Rang ein Häufchen Elend, erklimmt Didier Cuche in Kitzbühel den Olymp des Skisports und feiert auf der schwersten Abfahrtsstrecke der Welt seinen fünften Sieg – den dritten in Serie.

Schon das Präludium zur Abfahrt empfand Cuche als speziell: «Bei der Hochfahrt zur Besichtigung», erzählt der Neuenburger, «erwischte ich die Gondel von Franz Klammer – aus purem Zufall.» Wie Cuche hatte Klammer bisher die Hahnenkamm-Abfahrt viermal gewonnen. Bei der zweiten Hochfahrt zum Rennen überliess der Neuenburger nichts mehr dem Zufall: «Ich sah von weitem die Nummer 82 und wartete einen Moment, weil ich wusste, dass die Gondel 82 Marco Büchel ‹gehört› und dahinter gleich meine folgt.»

So fuhr Cuche standesgemäss mit der eigenen Gondel zum Abschiedsrennen am Hahnenkamm rauf. Der Gedanke, dass es sein letztes sein würde, war omnipräsent: «Ich hatte ihn unmittelbar nach dem Aufstehen im Kopf und auch wieder kurz vor dem Abstossen am Start. Das half mir, mich in die richtige Stimmung zu bringen.» Vor zwei Tagen hatte er ja unmissverständlich angekündigt, dass er – jetzt mit «befreitem Kopf» – weiterhin siegeshungrig sei, aber nicht mehr Siegen müsse, sondern dürfe ...

Den Jury-Entscheid, wegen schlechter Witterung das Rennen um fast die Hälfte zu verkürzen und den Start herabzusetzen, nahm er mit der Abgeklärtheit des Routiniers zur Kenntnis: «Wir Athleten haben mehr Mühe damit, wenn wir von den Medien unentwegt mit Fragen über ‹Wenn-wie-was-wäre› gelöchert werden. Bei einem solchen Entscheid fokussiert sich ein Athlet auf das Rennen von dort aus, wo es eben gestartet wird.»

Das war wieder einmal die alte Schneise, wie damals, als er 1998 seine erste Hahnenkamm-Abfahrt gewann. So spielte es für ihn keine wesentliche Rolle, dass der Hausberg, eine Schlüsselstelle, die ihm besonders gut liegt, dadurch eine übergeordnete Bedeutung bekommen sollte. Der Kitz-König, oder mittlerweile Kitz-Kaiser, hat die «Streif»-Piste derart im Griff, das es gar keine Rolle spielt, wo gefahren wird.

Zweimal gewann Cuche hier Sprint-Abfahrten, was Franz Klammer bewog, ihn in SVP-Manier spasseshalber nur als «halben Hahnenkammsieger» zu bezeichnen, einmal ein verkürztes Rennen und nur 2010 und 2011 den lupenreinen Klassiker. In Anlehnung an Gary Lineckers berühmten Spruch «Fussball ist, wenn man 90 Minuten spielt und am Schluss immer Deutschland gewinnt», drängt sich der Kalauer auf: Hahnenkammrennen sind, wenn bei Wind, Sonne, Schnee oder Nebel gefahren wird und der Sieger immer Didier Cuche heisst. Egal, von wo gestartet wird. Wahrscheinlich würde er auch gewinnen, wenn man von unten nach oben rennen müsste. «Das wahrscheinlich kaum», lachte Cuche, «da gäbe es definitiv Schnellere.» So aber siegte Cuche bei seinem 18. Start am Hahnenkamm zum fünften Mal und ist alleiniger Rekordhalter vor Klammer, der zwischen 1973 und 1984 viermal gewann. Vierfacher Sieger wäre auch Karl Schranz, doch fiel der aus dem Raster, weil er einen seiner vier Siege schon vor Beginn des Weltcups errungen hat und einmal eine Doppelabfahrt gewann, die nach Hahnenkamm-Praxis ebenfalls nicht gewertet wird. «Mr. Streif» Didier Cuche setzte am 21. Januar 2012 höchstpersönlich sein eigenes Denkmal.

In der Zielarena gratulierte ihm einer, der vor 50 Jahren ebenfalls Hahnenkammsieger und deshalb vom OK eingeladen worden war – Willi Forrer. Der 76-jährige Toggenburger, der nun in Klosters lebt, ist der älteste noch lebende Schweizer Hahnenkammsieger. Er gewann 1962, ebenfalls mit einer besonderen Linie am Hausberg. Er hatte bei der Besichtigung einen Bauernbuben beauftragt, dafür zu sorgen, dass die Zuschauer ihm auf dieser «Speziallinie» eine Lücke offen liessen. Absperrungen gab es damals noch keine. Mit diesem Trick liess Forrer alle österreichischen Stars hinter sich. Er musste aber zittern bis zum letzten Fahrer. Zweiter wurde schliesslich ein gewisser Adalbert Leitner mit der Nr. 54. «Auch für mich war es ein ziemlicher Nervenkitzel», bekannte Cuche, «weil meine Fahrt bis zum Hausberg nicht ideal war und zahlreiche Fahrer bessere Zwischenzeiten hatten.»

Im ersten Abschnitt fuhr Cuche nur die 28. Zeit! Am Schluss siegte er aber trotz der kurzen Fahrzeit von 73 Sekunden relativ klar vor den drei Österreichern Romed Baumann (–0,28), Klaus Kröll (–0,30) und Joachim Puchner (–0,36). Einzig Lauberhornsieger Beat Feuz hätte ihm wohl gefährlich werden können. Er verlor als Sechster 0,45. «Man kann nicht in jedem Rennen aufs Podest fahren», meinte der Berner und sprach den sogenannten TV-Break an. Unmittelbar vor ihm war das Rennen für vier Minuten unterbrochen worden – ein enormes Handicap bei diesem Schneefall.

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