Fast wäre es ein Drama geworden. Fast hätte Wendy Holdener die Medaille verloren.

Was ist passiert? Als Zweitschnellste des ersten Durchgangs ist die 23-Jährige als Zweitletzte am Nachmittag gestartet. Somit war klar: Liegt sie im Ziel auf Rang eins oder zwei, hat sie die zweite Medaille nach Gold in der Kombination sicher.

«Dann habe ich in den letzten Toren den Speaker gehört, dass es reichen könnte, und prompt bin ich von der Ideallinie abgekommen», sagt Holdener. Michelle Gisin bekommt das mit und denkt: «Kämpf dich zurück! Du kannst das!» Gisin und Holdener kennen sich schon lange, sehen sich fast als Familie. Gisin hat erlebt, wie ihre Teamkollegin früher oft verunsichert war und nervlich unstabil. Der Wendy von damals wäre die WM-Medaille vom Speaker gestohlen worden.

Gestern fängt sie sich sofort, findet zurück auf die Ideallinie und führt im Ziel. Nur Mikaela Shiffrin ist schneller: Silber! Nach der Goldmedaille in der Kombination nun Rang zwei im Slalom. Gisin hat gewusst, dass ihre Freundin es kann.

Diese Geschichte mit dem Speaker ist wichtig, um die Erfolge der 23-Jährigen zu erklären. Weil es viel über die Entwicklung von Holdener zur Weltklasse-Athletin sagt. Zu einer Frau, die mittlerweile selbst nervliche Belastungen im Extrembereich aushält. Denn dort war sie gestern.

Sie darf gut sein
In sechs von sieben Weltcup-Slaloms des Winters stand sie auf dem Podest. «Ich hörte von allen und immer wieder, dass ich eine Medaille holen werde», sagt Holdener. Früher hätte sie das verunsichert. Weil sie sich lange zu stark selbst hinterfragte. Weil sie oft zweifelte und schnell nervös wurde. Weil sie sich vielleicht fragte: Darf ich überhaupt gut sein?

Dieser letzte Punkt hat viel mit der Geschichte ihres Bruders Kevin zu tun. Ende 2010 erkrankt er an Krebs, und sein Traum vom Leben als Skiprofi endet abrupt. Für Wendy war das eine brutale Zeit. Es dauerte lange, bis sie akzeptieren konnte, dass ihr Weg weitergehen darf. Geholfen hat, dass Kevin heute gesund und ihr Manager ist und dass er sie immer darin bekräftigt hat, den Traum alleine weiterzuleben. Nach Kombi-Gold sagte sie in der «NZZ»: «Ich versuche, mir zu sagen: Du hast etwas erreicht, und du darfst sagen, was du möchtest.»

Das letzte Puzzleteil
Wendy Holdener ist heute selbstsicherer. Und sie glaubt an ihre Stärken. Es war das letzte Puzzleteil auf dem Weg an die Weltspitze. Denn Talent war immer da. Genau wie der Wille, hart zu arbeiten. «Wendy hat sich jährlich verbessert. Sie hat mit viel Fleiss an ihrer Technik und Fitness gearbeitet», sagt Trainer Alois Prenn.

Irgendwie geht dabei fast vergessen, dass sie erst 23 Jahre alt ist. Weil sie das Slalomteam der Frauen von heute quasi allein begründet hat. Als Holdener 2010 in den Weltcup kam, hörte am Ende der Saison eine ganze Generation von Schweizer Technikerinnen auf. Von der jungen Frau wurde also früh sehr viel erwartet.

Trotzdem hat sie schon damals starke Leistungen gezeigt. Nur eben auch oft gezweifelt, weil es für sie keine Athletin gab, hinter der sie sich verstecken konnte. «Man vergisst oft, wie eindrücklich es ist, dass sie sich trotzdem so entwickelt hat», sagt Cheftrainer Hans Flatscher. «Heute ist es viel einfacher, eine zweite Athletin in ihrem Schatten an die Spitze zu führen.» Weil Holdener nun da ist, wo für sie niemand war. «Es gibt noch Momente, in denen ich zweifle. Doch es ist anders als früher. Ich bin besser geworden, meinen Stärken zu vertrauen», sagt sie.

Bewiesen hat sie das gestern. Selbst als der Speaker alte Gefühle kurz heraufbeschwor. «Im Ziel fiel die ganze Anspannung weg. Die vergangenen Tage, die Zeit vor dem Rennen, das war sehr viel Arbeit für meinen Kopf», sagt sie. «Ich bin stolz, dass ich dem enormen Druck standhalten konnte.»

Sie hat die Reifeprüfung mit Bravour bestanden. Und ist mit zwei Medaillen der Schweizer WM-Star. «Ich bin stolz auf mich. Ich freue mich, jetzt einfach zu Hause zu entspannen.» Es sind verdiente Momente des Glücks nach einer langen Zeit des Zweifelns.

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