VON MARKUS BRÜTSCH

Und dann, es war exakt 22.55 Uhr, stemmte der 36-jährige Captain Javier Zanetti nach seinem 81.Champions-League-Spiel die Trophäe in die Höhe. Welch eine Erlösung für Inter Mailand, das zwar diesen Titel schon 1964 und 1965 gewonnen, danach aber während 45 Jahren auf das neuerliche Besteigen des Throns im europäischen Klubfussball gewartet hatte.

In Madrid hatte die Mannschaft damit eine Saison getoppt, die als die erfolgreichste in die 102-jährige Klubgeschichte eingehen wird. Vor zweieinhalb Wochen gegen die Roma zum 6.Mal Cupsieger und zehn Tage später zum 18. Mal italienischer Meister geworden, holte sich das Team nun mit dem Gewinn der Champions League das so seltene Triple und krönte sich zur besten Equipe dieser Saison. Italien hat mit nun fünf Titeln zu Spanien aufgeschlossen.

José Mourinho, die schillernde Trainerfigur, hatte es nach dem Titelgewinn 2004 mit dem FC Porto auf die Ebene von Ernst Happel und Ottmar Hitzfeld geschafft, die bisher als Einzige mit zwei verschiedenen Vereinen die Königsklasse gewonnen hatten. Mourinho war es in jenem Stadion, in dem er in der nächsten Saison vermutlich Real Madrid betreuen wird, gelungen, seinen einstigen Lehrmeister bei Barcelona, Louis van Gaal, auszutricksen und zu verhindern, dass dessen stärkste Waffe Arjen Robben ein weiteres Spiel für die Bayern entscheiden konnte. Inter, gerademal zu 34 Prozent in Ballbesitz, hatte mit seinem Konterfussball auch ausgenützt, dass die Münchner ohne ihren gesperrten Star Franck Ribéry hatten antreten müssen.

28-Mal war Inters Diego Milito in dieser Saison in der Champions League ins Offside gelaufen – ein einsamer Rekord. Gestern aber, im wichtigsten Spiel, war er in einer entscheidenden Szene in der 35. Minute zum optimalen Zeitpunkt in die Tiefe gestartet und hatte Wesley Sneijders exzellenten Steilpass mit der nötigen Coolness alleine vor Keeper Jörg Butt mit seinem 14. Torschuss in dieser Spielzeit zum fünften Treffer und zum 1:0 verwertet. Keeper Julio Cesar hatte die Kugel weit nach vorne gekickt, Milito das Kopfballduell gegen seinen Landsmann Martin Demichelis gewonnen, den Ball zu Sneijder zurückgespielt, um ihn sogleich wieder zu bekommen. Es war Sneijders sechster Assist; kein anderer Spieler hat diesen Wert erreicht. 20 Minuten vor dem Ende machte sich Milito dann endgültig zum Mann des Spiels, als er eine Einzelleistung zum 2:0 abschloss.

Der erstmals an einem Samstag ausgetragene Final der Königsklasse erfüllte die Affiche. Die dem Namen FC Internazionale wieder einmal alle Ehre machenden und ohne einen einzigen Italiener angetretenen Mailänder sowie der mit fünf Deutschen bestückte FC Bayern boten gute Unterhaltung mit einigen hochkarätigen Torchancen auf beiden Seiten. Für die Münchner hatte gleich nach der Pause Thomas Müller, ihr Shooting-Star dieser Spielzeit, die grosse Chance auf den 1:1-Ausgleich gehabt, hatte seinen Schuss aber von Julio Cesar abgewehrt gesehen.

Doch Inter war an diesem Abend die cleverere, die effizientere und damit auch bessere Mannschaft. Und wer Chelsea und Barcelona aus dem Wettbewerb kegelt, ist gewiss auch ein verdienter Champions-League-Sieger. Ganz am Ende des Abends sicherte sich Mourinho den Matchball. Er wird ihn für alle Zeit an einen grossen Abend in seiner grossen Trainerkarriere erinnern.

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