Gut 200 Millionen Brasilianer küssen die Schweiz! Unsere Fussball-Helden schaffen die Sensation. 3:2 im Viertelfinal gegen Argentinien. Gegen den Erzfeind des WM-Gastgebers. Gegen Lionel Messi, den einst besten Fussballer auf dem Planeten. Für diese Helden-Geschichte liebt uns ein ganzes Land.

Als um 19:56 Uhr in der Corinthians-Arena von São Paulo der Schlusspfiff ertönt, kennt der Jubel auf der Schweizer Bank keine Grenzen mehr. Trainer Ottmar Hitzfeld wird von überall geherzt. Matchwinner Josip Drmic muss bald um seinen Atem fürchten, weil ihn die Gratulanten beinahe erdrücken. «Vielleicht kann sich Messi ja als Vorbereitung auf das Fernseh-Vergnügen ‹WM-Viertelfinal› mein Tor nochmals auf Video ansehen», sagt Drmic im Interview.

Es kann gar nicht genügend Wiederholungen von seinem entscheidenden Treffer geben. Wie der 21-Jährige unwiderstehlich losläuft. Wie Shaqiri den Pass im richtigen Moment durch drei argentinische Statisten hindurch spielt. Wie Drmic den Ball mit dem linken Fuss mitnimmt, drei Schritte läuft und ihn dann aus 18 Metern ins linke Lattenkreuz hämmert. So, als wäre er Lionel Messi. Romero im Tor der «Albiceleste» schaut machtlos zu.

85 Minuten sind da gespielt. «Noch nie in meinem Leben sind mir fünf Minuten so lange vorgekommen», sagt Drmic. Der Schiedsrichter erfindet nach der vierten Nachspielminute auch noch eine fünfte und eine sechste. Aber Messi und Co. bleiben planlos. Argentiniens Angriffe sind vom Zufall geprägt. Einmal noch muss Benaglio eingreifen, als er Lavezzis Schuss um den Pfosten lenkt. Mehr nicht. Xherdan Shaqiri sagt nach dem Spiel euphorisiert: «Jetzt setzen wir uns keine Grenzen mehr – der Titel ist das Ziel!» Die nächste Hürde heisst Belgien. Die «roten Teufel» besiegen im zweiten Achtelfinal des Tages die USA 1:0. Schweiz gegen Belgien – es ist das Duell der jungen Wilden Europas.

Trainer Ottmar Hitzfeld hat seiner erfolgreichen Karriere ein weiteres glanzvolles Kapitel hinzugefügt. Er hat sich mindestens ein weiteres Spiel verdient. Auch, weil er nach den zwei schwachen Spielen zu Beginn Mut bewies in Sachen Aufstellung. Weil er es schaffte, sich und sein Team den Begebenheiten des Fussballs von heute anzupassen. Seit dem Honduras-Spiel sehen wir einen Trainer, der viel an der Seitenlinie steht, der Anweisungen gibt, der auch einmal die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, wenn ein Linienrichter wieder etwas Unerklärliches entscheidet. Am Samstag in Brasilia darf Hitzfeld sein fünftes Match-Hemd anziehen. Sieben hat er eingepackt.

Das Spiel ist rasend schnell. Es ist eine Schweiz am Werk, die leidenschaftlich und solidarisch verteidigt. Zweimal gerät sie trotzdem in Rückstand. Aber Fabian Schär nach einem Eckball und Xherdan Shaqiri mit einem wunderbaren Freistoss-Tor gleichen das Spiel nach Toren von Di Maria und Higuain wieder aus.

Argentinien ist über 90 Minuten gesehen zu wenig zwingend. Verteidiger Ricardo Rodriguez hat Messi im Griff. Die befürchteten Stellungsfehler von Johan Djourou gibt es nicht. Er ist wieder der Fels wie gegen Ecuador. Gökhan Inler führt Regie, als wüsste er nicht, was ein Querpass ist. Im Sturm harmonieren Shaqiri und Drmic prächtig. Mit Schnelligkeit, Dribblings und herrlichen Pass-Stafetten säen sie immer wieder Panik in die argentinische Abwehr. Drmics Tor in der 85. Minute ist die logische Krönung. Und versetzt zwei Länder in Ekstase.

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