Peter Sauber, welcher Pokal bedeutet Ihnen mehr: Die Trophäe vom Kanada-Premierensieg 2008 oder der Pokal für den zweiten Platz von Sergio Pérez beim GP von Malaysia 2012?
Peter Sauber: Das ist nicht ganz einfach zu werten: Das eine ist ein Sieg – und der ist sicher höher einzuschätzen als ein zweiter Platz. Andererseits war es für das Team nach dem Rückkauf von BMW schwierig, in der Königsklasse wieder Fuss zu fassen. Nun haben wir die Bestätigung, dass unser Auto gut ist. Entsprechend bedeutet uns der Podestplatz von Pérez sehr viel.

Sie hatten vor 14 Tagen nach der Zieldurchfahrt Tränen in den Augen. Tränen des Glücks oder der Genugtuung für schwierige letzte drei Jahre als Privatteam?
Der Druck ist enorm gross, in jeder Hinsicht. Und zwar für alle, nicht nur für mich. Nach so einem Resultat fällt natürlich Druck weg. Dann können auch mal Tränen fliessen. Ich war aber weder ob der Tränen überrascht, noch vom zweiten Platz.

Wie bitte?
(lacht) Ja, wir hatten ja fast 45 Runden Zeit, um uns damit zu befassen …

Es war ein verfrühtes Ostergeschenk. Nach zwei Rennen liegen 30 Punkte im Sauber-Nest.
Ja, damit konnten wir tatsächlich nicht rechnen. Erträumen darf man sich so etwas. Und darauf hoffen auch. Aber nicht mehr.

Werden nun die Saisonziele nach oben korrigiert?
Die Ziele nicht, aber die Erwartungshaltung wird automatisch höher. Sowohl aufgrund des Drucks von aussen via Medien als auch intern. Für uns ist das gut. Die Mannschaft ist hungrig, weiterhin auf einem so hohen Level zu bleiben. Das ist für alle positiv.

Können solche Exploits auch gefährlich sein, weil der Erfolg im Übermut endet?
Das glaube ich nicht, nein. Das Team steht mit beiden Beinen auf dem Boden – und unsere beiden Piloten auch.

2010 schafften Sie mit 44 Zählern Rang 8 in der Konstrukteurs-Wertung. 2011 landeten Sie mit 44 Punkten auf Platz 7. Zurzeit liegen Sie hinter McLaren, Red Bull und Ferrari auf Platz 4 …
Ich bin da immer vorsichtig mit Prognosen. Wir haben eine Zielsetzung und die gilt nach wie vor: Wir müssen versuchen, im Qualifying in die Top Ten zu kommen und im Rennen regelmässig zu punkten. Am liebsten mit beiden Autos. Dann ist mit einem so guten Rennwagen, wie wir ihn derzeit haben, alles möglich.

Auch der 4. Platz in der Konstrukteurs-WM?
Sie können noch lange bohren, Sie kriegen aus mir keine Zahl raus. Fakt ist, dass die Konkurrenz hinter Ferrari, McLaren und Red Bull auch mit Mercedes und Lotus sehr gross ist.

Aber dass Sie deutlich konkurrenzfähiger sind als alle erwartet haben, sehen Sie auch so.
Ja, für Australien und Malaysia stimmt das. In Melbourne hätten wir ohne schlechte Startposition und den Frontflügel-Schaden am Pérez-Auto sogar noch mehr Punkte holen können. Aber trotzdem: Das waren zwei nicht ganz repräsentative Rennen. Und auch unterschiedliche Strecken. Man muss vorsichtig sein, zu glauben, das gehe nun die ganze Saison über so weiter.

Malaysia war teilweise chaotisch. Pérez hatte auch viel Glück …
Natürlich. Er lag nach der Safetycar-Phase auf Position 3. Wäre er beim Re-Start im Mittelfeld gewesen, hätte er anschliessend im Verkehr viel Zeit verloren. Deshalb sage ich: Alles ist mit Vorsicht zu geniessen. Es gilt, die Euphorie in Grenzen zu halten.

30 Kilometer vor dem Ziel war Pérez bis auf eine halbe Sekunde am Führenden Fernando Alonso im Ferrari dran. Was war da am Sauber-Kommandostand los?
Das war nicht schwierig. Ganz ehrlich. Grundsätzlich redet am Kommandostand nur der Renningenieur mit dem Fahrer. Da dürfen nicht zu viele rumfunken. Der Schlüssel zum Erfolg war aber, dass Pérez in der zweiten Runde als Erster zum Reifenwechsel kam. Das war der perfekte Schachzug.

Aber die spätere Jagd auf Alonso zerrte doch an den Nerven? Es ging um alles oder nichts. Auch eine Kollision wäre möglich gewesen.
Nun, ich war überrascht, dass Pérez im Regen überhaupt vorne mitfährt, Alonso einholt und gleichzeitig den Abstand auf Hamilton vergrössert. Da sagte ich zu seinem Renningenieur Marco Schüpbach: Melde ihm, dass er vorsichtig fahren soll. Platz 2 ist für uns sehr wichtig.

… dann kam der Ausrutscher – und der Sieg war weg. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Da muss man nicht viel studieren, nicht viel denken. Das Herz blieb nicht stehen. Er konnte ja glücklicherweise weiterfahren und verlor nur sechs Sekunden. Am Schluss zählte der grossartige zweite Platz. In der Formel 1 bringt es nichts, verpassten Siegen nachzutrauern.

Mexiko stand Kopf: Sogar Staatspräsident Felipe Calderón hat seinem jungen Landsmann via Twitter gratuliert. Wie viele Gratulationen erhielten Sie und wann hat Sie Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo angerufen?
Ich erhielt 66 oder 67 SMS – so viele wie noch nie! Das weiss ich so genau, weil ich immer alle SMS persönlich beantworte. Montezemolo rief mich aber nicht an.

Auch nicht, um nach Pérez zu fragen? Er ist ja Mitglied der Ferrari Driver Academy – und auf der roten Wunschliste ganz oben …
Nein, ich erhielt keinen Anruf. Dass Pérez bald Ferrari fahren soll, schreibt die Presse. Ferrari und wir hatten diesbezüglich bisher keinen Kontakt. Auch mit Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali sprach ich noch nie über Pérez.

Wir spekulieren mal: Lassen Sie Pérez aus dem gültigen Vertrag ziehen, fliessen Millionen nach Hinwil. Wie damals bei Kimi Räikkönen 2001. Unterschreibt Pérez aber bei Ferrari erst für 2013, wird er für die Scuderia zum Schnäppchen.
Ich äussere mich nicht zu Verträgen – auch nicht zu Vertragsinhalten. Und wenn es ums Geld geht, sage ich ohnehin nichts.

Warum verlängern Sie mit Pérez nicht jetzt um ein weiteres Jahr?
Wie gesagt: Kein Kommentar.

Heute in einer Woche steigt der GP von China. Statt mit zwei Boliden und je 750 PS stehen Sie mit einer lumpigen Pferdestärke in Zürich hoch zu Ross. Warum ist das Sechseläuten für Sie wichtiger als ein Formel-1-GP?
Das kann man so nicht sagen: Wenn es ums Geschäft geht, bin ich jederzeit voll in der Verantwortung. Aber ich hatte auch schon in den Jahren zuvor das eine oder andere Rennen ausgelassen. 2010 war ich nicht in Suzuka, weil ich bei der Hochzeit von unserem Sponsor Carlos Slim Domit in Mexiko weilte. Den GP von Japan hat dann die halbe Hochzeitsgesellschaft im TV mitverfolgt.

2010 reichte es Ihnen zum ersten Mal seit 50 Jahren nicht ans Sechseläuten, weil Sie nach dem China-GP wegen der Asche von Eyjafjallajökull am Boden blieben. Diesmal gehen Sie also auf Nummer sicher.
Das ist so, ja. Nach einem langen Rennwochenende auf den Nachtflug nach Zürich zu hetzen, um dann am Montag direkt ans Zürcher Sechseläuten zu gehen – ganz ehrlich: einen solchen Stress tue ich mir nicht mehr an. (lacht)

Sie werden in einem halben Jahr 69 Jahre alt. Und stehen dann beim Qualifying zum GP von Korea noch immer an der Boxenmauer. Ist Ende 2012 Schluss?
Ich sagte immer: Ich möchte mit 70 nicht mehr an der Boxenmauer stehen.

Formel-1-Chef Bernie Ecclestone ist 81 und immer noch dick im Geschäft.
Offensichtlich möchte er das so …

Trotzdem: Wer übernimmt nach Ihnen im Kommandostand? Ihre Geschäftsführerin in Hinwil, Monisha Kaltenborn, oder Teammanager Beat Zehnder?
Meine Nachfolge ist geregelt. Monisha Kaltenborn wird unsere neue Teamchefin. Das ist fix. Wann es so weit sein wird, ist noch offen.

Das wäre eine kleine Revolution im von Männer dominierten Formel-1-Zirkus.
Ja, das ist so. Monisha Kaltenborn wird die erste Teamchefin der Formel-1-Geschichte. Sie ist seit 13 Jahren bei uns, von jeher in führenden Rollen. Ich bin überzeugt, dass sie auch diese Aufgabe sehr gut machen wird.

Wenn Sie Ende 2012 aufhören, dürfte das Ihre Frau freuen.
Ach, wissen Sie: Ich mache seit 42 Jahren Motorsport. Sie hat sich längst daran gewöhnt, dass ich immer unterwegs bin. Aber wenn ich pensioniert bin, werde ich mehr Golf spielen. Und hoffe, nach erlangter Platzreife etwa Handicap 36 zu erreichen …

Haben Sie noch andere Pläne für Ihre «zweite» Pensionierung?
Wir werden sicher auch reisen gehen.

Achten Sie etwas mehr auf die Gesundheit?
Nun, wenn Sie so fragen, ich habe kürzlich mit dem Zigarren-Rauchen aufgehört. Früher hatte ich sogar Villiger-Stümpen geraucht. Jetzt ist auch mit den Zigarren Schluss. Aber auf meinen geliebten Apfelkuchen mit Kaffee verzichte ich nicht. (lacht)

20 Jahre Formel 1 als Schweizer Team. Damit sind Sie nach Ferrari, McLaren und Williams am längsten dabei. Da darf man stolz sein.
Ja, vor allem wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit zwei Dutzend Teams in die Formel 1 kamen – und alle wieder verschwanden.

Sie beschäftigen in Hinwil 300 Mitarbeiter. Ist der Standort gesichert?
Garantien gibt es nie. Aber Hinwil ist unser Standort, mit einigen Vorzügen. Alles, was hier steht, Windkanal inklusive, kann man nicht zügeln.

Verkaufen Sie das Team an einen grossen Hersteller, wenn Sie aufhören?
Das werde ich mir nach der Enttäuschung mit BMW, das sich nach ein paar Jahren wieder zurückzog, sicher zweimal überlegen. Ich habe aus der Geschichte mit BMW gelernt. Ein zweites Mal könnte ich nicht in die Bresche springen.

Ihr Budget, geschätzte 120 Millionen Franken, ist im Vergleich zu den Topteams mit Budgets jenseits der 300-Millionen-Grenze klein. Plädieren Sie für ein Kostendach für alle?
Ja, es ist gut, über eine solche Regulierung zu diskutieren und dahingehend zu arbeiten. Ich unterstütze diesen Weg.

Andererseits werden Sie von Carlos Slim Jr. gesponsert, dem Sohn des reichsten Mannes der Welt. Er ist nun nach dem zweiten Platz von Pérez bestimmt auf den Geschmack gekommen und investiert bald noch mehr.
Wie gesagt: Ich äussere mich nicht über Geld und Zahlen.

Aber die Währungskrise hat auch Ihnen zugesetzt?
Natürlich. In der Formel 1 wird fast alles in Dollar abgerechnet. Der starke Franken hat unseren Umsatz deshalb nachhaltig belastet. Wir verzeichneten Umsatz- und Gewinneinbussen von bis zu 25 Prozent. Sparen ist angesagt, auf allen Stufen.

Ihnen fehlt noch immer ein Hauptsponsor. Vermissen Sie die Unterstützung aus der Schweizer Wirtschaft?
Was ist Schweizer Wirtschaft? Nun, die UBS ist als Global Sponsor in der Formel 1 ja dabei, obwohl der ehemalige Chef Oswald Grübel eigentlich zuerst unser Team sponsern wollte, im UBS-Verwaltungsrat aber damals nicht durchkam.

Dennoch: Nestlé, Swatch, ABB, Novartis – die Schweiz hätte mehr als genügend potente Grosskonzerne.
Natürlich wünscht man sich als Schweizer Team mehr Unterstützung aus dem eigenen Land. Eine gewisse Enttäuschung gibt es bei jeder Absage, aber nicht nur, wenn sie von einer Schweizer Firma kommt. Aber ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass wir durchaus Schweizer Partner haben: Auf dem Auto sichtbar sind Certina, Emil Frey AG, Oerlikon und Nabholz. Zudem haben wir eine ganze Reihe weiterer Partner aus der Schweiz. Aber Motorsport ist nicht jedermanns Sache. Wir suchen immer nach Sponsoren – und stehen auch mit verschiedenen Firmen in Kontakt. Ein zweiter Platz wie in Malaysia hilft da sicher. Aber deswegen klingelt nicht gleich ständig das Telefon.

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