Herr Vogel, was für Karrierepläne haben Sie eigentlich?
Heiko Vogel: Die habe ich nicht.

Echt?
Die eigene Karriere ist mir relativ wurst. Oder soll ich sagen, dass ich mal Trainer von Barcelona werden will?

Aber Sie haben Ziele?
Klar. Meine eigene Karriere ist damit verbunden, dass andere, also meine Spieler, auch Karriere machen. Und das ist mir viel wichtiger als mit aller Akribie meine eigene Karriere voranzutreiben. Jeder Tag ist so intensiv, dass es irrelevant ist, mir Gedanken über meine eigene Karriere zu machen.

Das heisst, Sie müssen sich nicht verkaufen.
Ich will mich nicht verkaufen. Ein Stück weit muss ich es aber, weil die Medien ja auch gewisse Ansprüche haben.

Was machen Sie denn nicht mit?
In Freiburg hab ich mir das Spiel gegen München angeschaut. In der Pause hat mich ein Reporter von Sky nach meiner Einschätzung gefragt. Ich habe das als völlig unangebracht empfunden, weil Bayern München unser nächster Gegner war.

Der Journalist machte nur seinen Job.
Natürlich. Und ich bin auch nicht so borniert, zu glauben, dass es die Journalisten nicht braucht. Ich kann mit meinem Beruf doch nur Geld verdienen, weil es Leute gibt, die sich für Fussball interessieren und dieses Interesse für ein Publikum publik machen. Andernfalls brauchte ich neben meinem Traumjob einen Brotjob, um mein Leben zu finanzieren. Jetzt habe ich meinen Traumjob, mit dem ich sogar mein Leben finanzieren kann.

Woher kommt diese Faszination für den Fussball?
Mit der ersten Berührung. So gehts uns allen. Die Faszination Ball wird wohl schon im Mutterleib implantiert. Und dann kommt man raus und sieht erstmals diese Kugel da liegen und man will nichts anderes als diese Kugel wegkicken. Ich glaube nicht, dass man die Faszination anerziehen kann. Es ist ein Spieltrieb, der befriedigt werden will.

Es gibt noch andere Ballspiele als Fussball. Trotzdem ist kein anderes so populär wie Fussball.
Warum mehr Leute Fussball als Handball spielen, hat einen simplen Grund: Der Ball liegt schon am Boden und viele sind zu faul, um sich zu bücken.

Wann war für Sie klar, dass Sie der Trainerjob mehr reizt, als selber zu kicken?
Der Reiz, selbst zu kicken, ist fast immer noch grösser, weil es unglaublich Spass macht. Ich bin kein Typ, der pausenlos durch den Wald rennt, nur um sich sportlich betätigt zu haben. Da leg ich mich lieber mit einer Tüte Chips auf die Couch. Fussball hat mich seit je fasziniert. Nachdem es nicht geklappt hat, mich als Fussballer durchzusetzen, habe ich nun die Chance, es als Trainer zu versuchen. Fantastisch.

Sie haben einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Vor sechs Monaten kannte Sie kaum einer. Heute wird darüber spekuliert, ob Sie dereinst bei Bayern München landen werden.
Das tangiert mich überhaupt nicht. Wenn Sie vom kometenhaften Aufstieg reden, dann rede ich davon, dass dieser so weit an mir vorbeigeht wie der Halleysche Komet an der Erde. Mir ist durchaus bewusst, dass nicht ich allein, sondern dass wir zusammen erfolgreich sind. Ich hasse es, wenn Spiele auf Personen reduziert werden. Wie Vogel gegen Bayern oder so ein Quatsch. Es ist de facto der FCBasel gegen den FCBayern München.

Es gibt Exponenten, die diesen Personenkult aktiv mitmachen.
Ich nicht.

Schauen Sie sich hinterher jeweils im Fernsehen an?
Nein. Ich mache das mit dem Fernsehen gern, und es macht mir auch Spass. Aber sich selbst zu sehen, ist ein komisches Gefühl.

Überlegen Sie vor öffentlichen Auftritten, wie Sie wirken wollen?
Ich bin so, wie ich bin. Ich lache gerne, das haben Sie ja mitbekommen. Humor ist für mich ein ganz wichtiger Bestandteil des Lebens. Mit einem Lachen geht vieles einfacher. Sie lernen mich so kennen, wie ich bin.

Dass Sie auf Fragen hin und wieder mit einem lockeren Spruch antworten . . .
. . . hat damit zu tun, dass ich gerne lache. Wenn ich jetzt sage, ich nehme das Leben nicht allzu ernst, wird das schnell falsch interpretiert. Aber im Grunde genommen, wenn jeder überlegt, was im Leben wirklich ernst ist – dann verliert vieles seine Relevanz. Ernst sind einschneidende Ereignisse wie Fukushima. Es gab Tote, Krankheiten, die Gegend ist für Jahre unbewohnbar. Das ist ernst. Und dann reg ich mich über eine Frage oder den Schiedsrichter auf. Im Prinzip ist das lächerlich.

Sie realisieren, dass Sie sich über Banalitäten aufregen?
Das hört sich ja alles super an, was ich eben gesagt habe. Aber es gibt ja auch noch mich. Und den Augenblick. Ich stehe nicht ans Spielfeld und denke an Fukushima. In diesem Augenblick spielt meine gegen eine andere Mannschaft. In diesem Augenblick entscheidet der Schiedsrichter über Foul oder nicht. Und ich rege mich vielleicht darüber auf. Wenn man das mit Distanz betrachten würde, sähe man das gelassener. Ich sage nicht, dass ich das kann. Aber ich kann damit anfangen, es so zu sehen.

Man weiss nur wenig über Ihr Privatleben. Warum?
Es gibt den Heiko Vogel in der Öffentlichkeit – und den Privatmenschen. Und wenn dieser nicht mehr privat ist, dann gibt es ihn nicht mehr. Meine Intimsphäre möchte ich geschützt wissen, diese Rückzugsmöglichkeit muss ich immer haben.

Worin ähneln sich der private und der öffentliche Heiko Vogel?
Was glauben Sie?

Wir denken, die beiden sind sich sehr nahe.
Würde ich jetzt auch sagen. Man kann den Schalter vom Trainer zum Menschen nicht sofort umlegen. Viel vom Trainer ist auch im Privatmann Heiko Vogel. Ich brauche Zeit, um abzuschalten, Dinge aus dem Job zu verarbeiten.

Wie lange können Sie den Privatmenschen Heiko Vogel noch im Verborgenen halten, jetzt, wo Sie so stark im Fokus stehen?
Das liegt an mir.

Nicht, wenn sich die deutschen Journalisten auf Sie stürzen.
Es wird so sein, dass die Ereignisse immer mehr auf mich hereinprasseln. Das kann ich nicht ändern. Das Einzige, was in meiner Entscheidungsmacht liegt, ist, mich zurückzuziehen. Auch als Fussballtrainer.

Auf Facebook hat sich eine Person als «Heiko Vogel» ausgegeben.
Meine Lebensgefährtin fragte mich, ob ich ein Facebook-Profil hätte. Ich fragte zurück, ob sie bekloppt sei. Ich habe ein grundsätzliches Problem mit Facebook, weil man da die Privatsphäre nur bedingt schützen kann. Nichts, was im Netz landet, stirbt aus. Dieser Gedanke erschreckt mich. Sich als jemand anderes auszugeben, ist mir suspekt. Zum Glück ist es relativ gut verlaufen. Was wäre passiert, wenn wir eine Durststrecke gehabt hätten? Oder er in meinem Namen geschrieben hätte, «Hitler war kein so Schlimmer»? Er hat sich entschuldigt und alles gelöscht. So haben wir beide etwas gelernt.

Facebook gehört zur heutigen Zeit.
Natürlich. Aber ich lehne das ab. Die Kinder sitzen dauernd vor Facebook. In meinen Augen wird Kommunikation so gegenstandsloser, weil man das Gegenüber nicht vor sich hat. Darum führe ich praktisch keine Interviews am Telefon, ich will den Journalisten vor mir haben. Kommunikation findet nicht nur verbal statt.

Was denken Sie über das Fernsehen, Sendungen wie «Dschungelcamp»?
Sie werden mich niemals im «Dschungelcamp» erleben. Ohne den Teilnehmenden zu nahe zu treten, finde ich es traurig und beschämend, sich so zu präsentieren. Die Menschheit wird so für dumm verkauft. Mit Sendungen, in denen asoziales Verhalten gezeigt wird. Die Kinder und Jugendlichen denken, dies sei der Normalzustand. Das ist das Problem an der Geschichte. Aber: Auch ich bin ein Fernsehfreak.

Was schauen Sie denn?
Zu Hause läuft der Fernseher «toujours», NTV. Dafür höre ich kein Radio. So kriege ich die Nachrichten mit. Zwischendurch schaue ich mir Dokumentationen oder einen guten Film an.

Und Fussball.
Ich bin keiner, der sich jedes noch so poplige Spiel ansieht.

Europa League am Donnerstag haben sie nicht geschaut?
Nein. Diese Woche stand nur Barcelona gegen Leverkusen auf dem Programm. Ich schaue nur Mannschaften, die mich interessieren. Würde ich jedes Spiel verfolgen, wäre ich völlig abgesondert.

Beim FC Barcelona wirkt es so, als seien die Spieler immer stressfrei. Auch, wenn sie in Ballbesitz sind.
Diese Mannschaft steht über den Dingen. Die kennt keinen Stress. Umgekehrt glaube ich, dass sie ungemein kooperativ spielen, mit viel Harmonie. Das Eindrücklichste neben dem Sportlichen erfahre ich, wenn ich in die Gesichter der Spieler schaue. Da wird gelacht, auch wenn etwas nur fast gelingt. Da spüre ich in jeder Sekunde der 90 Minuten, dass jeder Einzelne eine unglaubliche Freude am Fussball hat.

Was haben Sie in den Gesichtern der Bayern-Profis während der Partie in Basel gesehen?
Wirklich befassen mit Gesichtsausdrücken kann man sich nur als neutraler Zuschauer. Es blieb mir aber nicht verborgen, dass mit zunehmender Spieldauer Unzufriedenheit aufkam. Da wurde ein ungenauer Pass kommentiert, was in meinen Augen nichts auf dem Platz zu suchen hat. Ich finde das sehr despektierlich. Genauso wie ich es völlig übertrieben finde, wenn ein völlig verunglücktes Zuspiel vom Mitspieler mit Applaus bedacht wird. In solchen Fällen krieg ich einen Hals.

Wie nahe an der Perfektion war die Leistung Ihrer Mannschaft gegen Bayern München?
Es ist sehr gefährlich für Sie, so eine Frage zu formulieren, und für mich, darauf zu antworten. Menschheit und Perfektion, diese Dinge schliessen sich komplett aus.

Die Schwächephase der Bayern wird von vielen am Fehlen von Bastian Schweinsteiger festgemacht. Zu Recht?
Nein. «Basti» gehört zweifellos auf der zentralen Mittelfeldposition zu den besten der Welt. Er ist, egal ob für Bayern oder die deutsche Nationalmannschaft, eine Bereicherung. Aber ein Spieler allein verändert nicht das Gesicht einer Mannschaft. Zu wissen, dass er wieder da ist, tut vielleicht gut. Aber es kann auch negative Auswirkungen haben.

Wie meinen Sie das?
Dass die Last für ihn zu gross wird, dass die anderen meinen, sich wieder ein Stück zurücknehmen zu können. Es bringt ja auch nichts, wenn «Basti» 100 Prozent leistet, der Rest aber nur noch die Hälfte.

Haben Sie den Druck, immer gewinnen zu müssen, auch in Ihrer Tätigkeit als Jugendtrainer in München gespürt?
Das Gewinnen stand für mich nie im Vordergrund, ich habe auch nie Druck auf meine Spieler ausgeübt. Mir ging es um die Entwicklung. Es lässt sich natürlich leichter entwickeln, wenn man erfolgreich ist.

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