Fabian Cancellara, Sie haben eine lange Saisonvorbereitung hinter sich. Wie oft haben Sie Ihre Familie in den letzten Monaten gesehen?
Fabian Cancellara: Wenn ich das mit den letzten drei, vier Jahren vergleiche, muss ich sagen: Ich habe meine Familie diesen Winter ziemlich viel gesehen. Sehr viel sogar.

Was war diesen Winter anders?
Die grössere meiner beiden Töchter geht seit dem Sommer zur Schule. Für sie war das ein grosser Wechsel, und es ist uns als Eltern ein Anliegen, sie bei diesem Schritt möglichst gut zu begleiten. Dazu gehört, dass sie bei den Eltern das Herz ausschütten kann – egal, was passiert ist. Ich habe deshalb die Saisonvorbereitung so geplant, dass ich mehr zu Hause sein kann als in anderen Jahren. Früher hätte ich zum Beispiel zwischen den Renneinsätzen im Februar im Oman und jetzt in Italien noch eine Woche in Mallorca trainiert. Diesmal bin ich daheim geblieben.

In der Vergangenheit hatten Sie Ihre Familie in den Trainingslagern manchmal mit dabei.
Das geht jetzt nicht mehr so einfach. Es ist uns wichtig, dass unsere Tochter möglichst normal zur Schule gehen kann. Sie soll den Stoff nicht verpassen, aber auch sozial integriert sein – und nicht ein spezielles Kind, das man immer aus dem Unterricht und überall hin mitnimmt. Sie soll nicht anders sein als andere Kinder, nur weil ich nicht den gleichen Job habe wie andere Papis. Ich bin vielleicht einmal mehr in der Zeitung oder im Fernsehen oder bringe mal einen Blumenstrauss heim, weil ich ein Rennen gewonnen habe. Aber ich sage meiner Tochter immer: Denk dran, wir sind alle gleich, es ist niemand besser und niemand schlechter.

Welche Kompromisse müssen Sie als Radprofi und Familienvater eingehen?
Es gibt schon Entscheide, die nicht einfach zu fällen sind. Ich habe eine Verantwortung meiner Tochter gegenüber, eine Vaterrolle. Gleichzeitig habe ich eine Verantwortung gegenüber meinem Arbeitgeber, dem Team, in dem ich eine Leaderrolle habe. Ich habe einen Vertrag für drei Jahre, aber ich kann auch nicht sagen, ich verzichte während dieser Zeit auf die Familie. Ich will, dass die Familie noch da ist, wenn ich aufhöre. Es braucht einen Mittelweg, und bis zum jetzigen Zeitpunkt kann ich sagen, dass ich einen guten Weg gefunden habe.

Als Radprofi müssen Sie einen enormen Trainingsaufwand betreiben . . .
Das Wichtigste ist zu akzeptieren, dass es mit einer Familie halt anders ist, als wenn du allein lebst. Und die Ruhe zu bewahren, wenn du im Januar im Trainingslager mit dem Team immer der Letzte bist. Aber es ist halt so: Tage wie Weihnachten oder Silvester/Neujahr sind für mich heilig. Diese Tage brauche ich wie manch anderer Schweizer auch. Dann kommt mir nicht in den Sinn, vier oder fünf Stunden aufs Velo zu sitzen – die Familie ist einfach wichtiger. Nachher kommen vielleicht wie in diesem Winter noch eine Grippe und ein Sturz hinzu, die einige Trainingstage kosten. Und über die Weihnachtstage hast du etwas mehr gegessen und zwei, drei Kilo zugelegt. Da könntest du schon in Panik geraten, nicht rechtzeitig im Form zu kommen.

Sie haben also die Ruhe bewahrt?
Ich habe mir gesagt: Okay, ich kann nicht mehr machen als das, was ich mache. Gleichzeitig konnte ich immer wieder über längere Zeit am Alltagsleben der Familie teilhaben. Und das hat mir sehr viel gegeben. Ich bin froh um diese Zeit. Ich habe sicher auch Glück, dass ich in meiner Karriere schon viel erreicht habe. Deshalb kann ich es mir eher erlauben, einen etwas anderen Weg zu gehen. Inzwischen kann ich sagen, dass ich übers Ganze gesehen trotzdem gut trainiert habe.

Mitte Februar ist der belgische Profi Kristof Goddaert im Training tödlich verunglückt. Er ist nicht der einzige Radrennfahrer, der in den letzten Monaten auf der Strasse gestorben ist. Was macht man sich als Radprofi und Familienvater da für Gedanken?
Natürlich ist das beängstigend. Andererseits darf man gar nicht darüber nachdenken, was sonst noch alles gefährlich ist auf der Strasse. Ich bremse im Training sicher zwei-, dreimal mehr als früher, und im Rennen vielleicht einmal mehr. Das sind Dinge, die einfach aufkommen mit den Jahren, gerade wenn man eine Familie hat. Im Winter, als es draussen gefroren war, habe ich mehrmals gedacht: Was mache ich da eigentlich. Das ist doch viel zu gefährlich. Als Kristof Goddaert starb, war ich an der Oman-Rundfahrt. Am Tag danach fühlt man sich einfach nur schlecht, und dann beginnt man daran zu denken, dass es weitergeht. Aber man muss seinen Gedanken auch Zeit geben und das bildlich verarbeiten.

Sie wollen Ihre Kinder möglichst normal aufwachsen lassen. Aber wie erklärt man seinem Kind, warum immer wieder diese Leute kommen, die Ihnen Blut abzapfen und beim Pinkeln zusehen wollen?
Ich habe das mit meiner Tochter noch gar nicht gross thematisiert. Die Dopingkontrollen sind ein Teil meiner Arbeit, und die möchte ich trennen von meiner Familie. Meine Kinder sollen gar nicht mitbekommen, dass mir jemand Blut nehmen kommt. Dafür sind sie noch zu klein. Meine Frau hat natürlich nicht immer Freude an den Kontrollen, das ist klar. Ich auch nicht, weil es doch ein Einschnitt in dein Familienleben ist. Du willst ja nicht unbedingt wildfremde Leute in deinen Haushalt lassen.

Aber es gelingt Ihnen trotzdem, die Kinder da rauszuhalten?
Ja, bisher war das kein Problem. Ich gehe mit den Dopingkontrolleuren jeweils in ein Zimmer oder hinüber ins Coiffeurgeschäft meiner Frau, wenn ich sie nicht zu Hause haben will. Das hängt teilweise vom gegenseitigen Respekt und Anstand ab. Da gibt es Unterschiede zwischen den Kontrolleuren.

Wie lange dauert eine Kontrolle?
In der Regel ist das in 15 bis 20 Minuten erledigt. Man kann schon ein Problem daraus machen, aber ich versuche jeweils, die Kontrollen möglichst schnell über die Bühne zu bringen. Aber ich muss auch sagen, dass sie in letzter Zeit relativ selten geworden sind.

Was heisst das konkret?
Dieses Jahr wurde ich Anfang März zum ersten Mal getestet. Wann zuvor die letzte Kontrolle stattgefunden hat, wüsste ich nicht einmal mehr genau. Da müsste ich in meinen Unterlagen nachsehen. Vermutlich war das an den Weltmeisterschaften im September.

Wie erklären Sie sich das?
Ich weiss auch nicht, woran das liegt. An meinen Leistungen sollte es nicht liegen. Die sind noch gleich gut wie vor ein paar Jahren – und das ist ja schon mal eine erfreuliche Nachricht. Mir kann es ja gleich sein. Ich beklage mich nicht, wenn ich zu Hause ruhig schlafen kann und mich am frühen Morgen oder am Abend niemand ärgern kommt. Ich kann nur sagen: Ich bin da, sie können kommen. Aber …

Aber?
Ich verstehe es trotzdem nicht, weder vom Rad-Weltverband noch von Antidoping Schweiz her. Ich bin in meiner Sportart schliesslich einer der Besten. Und Antidoping Schweiz konnte mich eine Zeitlang nicht oft genug kontrollieren. In einem Jahr hatte ich gesamthaft um die 50 Kontrollen, im nächsten waren es etwa 40. Da finde ich es schon seltsam, dass jetzt plötzlich niemand mehr kommt. Möglicherweise hat Antidoping Schweiz das ganze Geld für unsere Delegation an den Olympischen Winterspiele gebraucht.

Sie waren schon mehrmals mit Dopingvorwürfen konfrontiert. Auch das wird für die Familie nicht einfach sein.
Das ist nie schön für die Familie, die Eltern, das Umfeld. Sie werden natürlich bis zu einem gewissen Grad damit konfrontiert. Mit dieser Situation müssen wir leben. Ich bin halt eine öffentliche Person. Aber es ist auch für mich nicht einfach, an den Pranger gestellt zu werden. Da habe ich manchmal auch Mühe mit der Medienwelt, wenn aus leerer Luft Storys gemacht werden. Dann heisst es schnell: Der ist schon so lange dabei, der hat doch, der macht doch . . .

Jetzt sind Sie in der letzten Vorbereitung auf die Frühjahrs-Klassiker, die Ihnen besonders gut liegen. Letztes Jahr haben Sie die Pflasterstein-Rennen Flandern-Rundfahrt und Paris– Roubaix gewonnen . . .
. . . dann müsste ich diese Rennen eigentlich wieder gewinnen (lacht).

Das Motto wird lauten: Alle gegen Fabian Cancellara.
Die Ausgangslage ist interessant. Man kann sich ein grosses, breites Brett vorstellen mit vielen starken Rennfahrern. Letztes Jahr ist es mir gelungen, besser zu sein als alle anderen. Wenn wieder alles nach Wunsch verläuft, kann es mit dem Sieg wieder aufgehen. Aber es ist nochmals schwieriger geworden. Der zweite Sieg hintereinander ist viel härter, als einfach aus dem Nichts etwas zu gewinnen.

Sie sprechen aus Erfahrung.
In der gleichen Situation war ich 2011 schon einmal, als ich im Jahr zuvor in den Pflasterstein-Klassikern ebenfalls das Double geholt hatte. Damals habe ich Fehler gemacht, als alle gegen mich fuhren. Aber daraus habe ich gelernt: Wenn das wieder passiert, stelle ich mein Rennen eben um.

2006 haben Sie zum ersten Mal in Roubaix gewonnen. Was unterscheidet den Fabian Cancellara von damals vom heutigen?
Damals war ich noch ein Underdog. Ich habe weniger überlegt und fuhr einfach los. Heute stehe ich unter ganz anderer Beobachtung. Wenn ich nur einen Fuss bewege, schaut die Hälfte des Feldes zu mir. Das bringt grossen Druck mit sich. Aber die Situation ist für mich nicht mehr neu. Ich kann damit umgehen.

Wie haben Sie selber sich verändert?
Da gibt es sicher viele Punkte. Vor allem kann ich die Dinge etwas cooler betrachten. Letztlich ist Paris–Roubaix ein Rennen wie jedes andere. Es hat sich sicher viel verändert, aber das Bauchgefühl spielt immer noch eine wichtige Rolle. Damit habe ich viele Rennen gewonnen.

In Ihrem sportlichen Umfeld sollten die Voraussetzungen für den Erfolg stimmen. Ihr neues Team Trek wurde praktisch um Sie herum aufgebaut.
In den letzten Jahren gab es stets viel Unruhe in meinen Teams. Jetzt haben wir ein Projekt über mindestens drei Jahre. Es ist aber auch eine Herausforderung für mich, mit diesem Team das Beste herauszuholen. Auch wenn ich mit einigen Leuten schon länger zusammenarbeite, ist doch vieles neu.

Ist Ihre Verantwortung im Team noch grösser geworden?
Ja und nein. Ich habe zwar eine Leaderrolle, aber es ist nicht nur mein Team. Ich will mich nicht um alles kümmern müssen. Wenn einer kommt und fragt, warum dies oder jenes nicht funktioniert, dann sage ich: Ich bin nur ein Rennfahrer, ich bin nicht der Chef. Wenn ich Chef wäre, würde ich nicht auf dem Velo sitzen, sondern kommandieren. Ich will nicht, dass der sportliche Leiter fragen kommt: Wie viele Stunden machen wir heute? Wann möchtest du trainieren?

Eines Ihrer Projekte ist der Stundenweltrekord auf der Bahn. Was reizt Sie daran?
Der Rekord ist eine neue Challenge. Sich zu messen mit Rennfahrern von früher mit fast gleichem Material. Ich habe dieses Projekt irgendwo im Kopf, weil ich denke, dass es eine schöne Sache für mein Palmarès sein könnte. Allerdings ist um diese Geschichte ein Wirbel entstanden, der mir die Freude fast etwas verdirbt. Einige Medien glaubten schon zu wissen, wann ich einen Rekordversuch unternehme, dabei weiss ich es selber noch nicht. Der Kopf muss dafür bereit sein, und im Moment ist er das nicht.

Aber Sie könnten es in diesem Jahr noch versuchen.
Das ist überhaupt nicht sicher. Vielleicht auch erst im nächsten Jahr. Und vielleicht kommt es nochmals anders.

Welche Voraussetzungen braucht es, damit der Versuch gelingen kann?
Es braucht eine grosse Vorbereitung und dann eine Stunde, die funktioniert. Radfahren auf der Bahn ist eine Wissenschaft für sich, die man nicht unterschätzen darf. Es ist nicht einfach, den Rekord zu brechen. Zudem habe ich noch andere Ziele, ich war zum Beispiel noch nie Weltmeister im Strassenrennen. In den letzten Wochen ist das Projekt Stundenweltrekord für mich eher fremder geworden als aktueller. Aber nach den Frühlingsferien sieht das vielleicht wieder anders aus. Im Moment beschäftige ich mich vor allem damit.

Mit den Ferien?
Es mag lustig klingen, aber ich studiere zurzeit mehr daran herum, wo wir mit der Familie die Frühlingsferien verbringe, als zum Beispiel an Paris–Roubaix. Wie man dieses Rennen gewinnen kann, weiss ich schon, und ich freue mich auf die Zeit danach. Das gibt mir Freiraum im Kopf. Und vielleicht neue Energie. Aber das kann ich wohl erst nach den kommenden Rennen beurteilen.

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