VON JÖRG ALLMEROTH AUS MELBOURNE

Macht es einfach nur Spass, die Nummer 1 der Welt zu sein, oder ist es auch eine Last?
Caroline Wozniacki: Jede Spielerin träumt davon, die Nummer 1 zu sein. Also war es auch ein grosses Glücksgefühl, als ich es geschafft hatte. Den Druck, den man zu spüren bekommt, nehme ich sehr gerne hin. Denn wie Billie Jean King einmal gesagt hat: Druck ist ein Privileg. Druck ist nur da, wenn man im Rampenlicht steht und zu den Besten zählt. Auf Platz 50 oder 100 ginge es mir längst nicht so gut wie jetzt.

Man sieht Sie nie schlecht gelaunt oder bekümmert.
Ich geniesse mein Leben, so wie es ist. Ich bin ein optimistischer Typ. Selbst wenn ich Matches verliere, erschüttert mich das nicht lange. Das sehe ich als Teil des Jobs, als eine Lernerfahrung.

Kritiker beklagen, dass Sie auf Platz 1 vorrückten, ohne ein Grand-Slam-Turnier gewonnen zu haben.
Ich bin selbst enttäuscht, dass es noch nicht geklappt hat. Aber Nummer 1 wird man trotzdem nicht durch einen Zufall. Das ist kein Geschenk, das einem in die Hände fällt. Ich habe das letzte Jahr unwahrscheinlich konstant gespielt, sechs Turniere gewonnen, immer wieder die anderen Topspielerinnen besiegt. Ich habe Geduld. Und ich habe mit 20 Jahren noch genug Zeit, um den grossen Sieg zu schaffen.

Was fehlte Ihnen denn bisher zu diesem ganz grossen Coup?
An der Spitze herrscht im Moment eine grosse Ausgeglichenheit, es geht unglaublich eng zu zwischen den Spielerinnen, die Titelambitionen haben. Vielleicht habe ich zuletzt selbst ein wenig überdreht im Ehrgeiz, einen Major-Pokal zu holen.

Spielen Sie nicht zu viel Tennis? 2010 waren es sage und schreibe 22 Turniere.
Ich liebe den Wettkampf. Wenn ich Turniere spiele, kann ich meinen Ehrgeiz besser ausleben. Das hält mein Niveau stabil. Ich bin überhaupt nicht ausgebrannt oder müde.

Sie hätten keinen Killerschlag, der die Gegnerinnen in Angst und Schrecken versetzt, hat zuletzt ein amerikanisches Tennismagazin festgestellt.
Braucht man so was? Ich sehe mich eher als Schachspielerin auf dem Platz, die mit Geduld, Ausdauer und Köpfchen die Punkte macht. Ich schlage hart auf den Ball, aber ich spiele kein Haudrauf-Tennis. Ich setze mein Gehirn ein. Auch keine schlechte Waffe, finde ich.

Ihr Vater ist auch Ihr Trainer. Gibt es da nie Konflikte?
Nichts Tragisches. Es klingt jetzt wie eine Floskel: Aber wir verstehen uns wirklich gut, sind ein eingespieltes Team. Es ist eher so, dass mein Vater mich manchmal bremst.

Sie trainieren oft auch im Boxring.
Das gehört zu meinem Fitnessprogramm, stimmt. Und ist sehr strapaziös. Boxer brauchen eine mörderische Kondition. Mir geht da oft die Puste aus.

Was haben Sie eigentlich an Ihren Tennisidolen Steffi Graf und Martina Hingis bewundert?
Steffi war einfach superfit. Beweglich, geschmeidig, flink. Sie tänzelte regelrecht über den Court. Und dann ihre Vorhand, ein Genuss. Sie hatte diese Zähigkeit, diese Ausdauer, diese eisernen Nerven, um die grossen Matches zu gewinnen.

Und was imponierte Ihnen an Hingis, der ewigen Graf-Rivalin?
Die Intelligenz, mit der sie sich gegen die Stärkeren und Grösseren durchsetzte. Bei ihr wusste man nie, was im nächsten Moment für ein Schlag kam. Sie hatte alle Tricks drauf.

Rafael Nadal hat einmal gesagt, er habe sich für Tennis und gegen Fussball entschieden, weil er ganz allein die Dinge auf dem Platz entscheiden wollte.
Das kann ich hundertprozentig unterschreiben. Ich habe ja auch Fussball gespielt, kein Wunder bei einem Vater, der selbst mal Profi war. Und bei einem Bruder, der auch fussballverrückt ist. Aber das Spannende ist, alles selbst in der Hand zu haben, der eigene Chef zu sein – total unabhängig, vollkommen frei. Im Guten wie im Schlechten. Und deshalb bin ich froh, Tennisspielerin zu sein.

Als Kind wurden Sie von Kronprinz Frederik gefördert, zusammen mit anderen dänischen Sporttalenten.
Die finanzielle Unterstützung konnte ich gut gebrauchen auf dem langen Weg ins Erwachsenentennis. Prinz Frederik ist wohl einer meiner grössten Fans heute. Ich habe sogar schon mal Mixed mit ihm gespielt. Er kommt auch gern zu Turnieren, wenn er Zeit hat.

Sie sind Dänemarks erfolgreichster Exportschlager im Sport geworden. Wie lebt es sich daheim als Berühmtheit?
Ich kann jedenfalls nicht mehr unerkannt über die Strasse gehen. Die Zeiten sind vorbei. Aber ich freue mich, dass die Leute mich unterstützen. Und mit mir mitfiebern, wenn grosse Spiele stattfinden. Dann sitzen inzwischen Millionen vor dem Fernseher.

Aber auch in den Boulevardblättern sind Sie ein Hit, mit Klatsch- und Tratschgeschichten.
Da werden mir allerlei Affären angedichtet. Das ignoriere ich. Wenn es nach der Presse ginge, hätte ich jeden Tag einen neuen Freund.

Zittern einem eigentlich noch die Knie, wenn man abends in Melbourne oder in New York in ein Stadion mit 25000 Menschen marschiert?
Wenn mich das kalt liesse, müsste ich wohl aufhören, Tennis zu spielen. Dann wäre ich sicher nicht mehr mit vollem Herzen bei der Sache. Man kommt sich vor, als wäre man in einem Hollywood-Film drin. Die Kulisse, die Atmosphäre, der Glamour und Glanz um den Court, Stars wie Dustin Hoffmann oder Nicole Kidman, die einem zuschauen. Ich bin dankbar, dass ich das erleben darf.

Sie machen nicht den Eindruck, als ob Ihnen dieses Leben im Rampenlicht unangenehm wäre.
Ist es auch nicht. Im Gegenteil: Es ist eine Freude, diese Aufmerksamkeit zu kriegen. Bekannt zu sein, ist für mich ein Vergnügen. Kann sein, dass ich in ein paar Jahren anders darüber denke. Aber im Moment fühle ich mehr sehr wohl.

Als Kind wollten Sie ja eher Schauspielerin als Tennisprofi werden.
Vielleicht schaffe ich das noch nach meiner Karriere. Vorstellen könnte ich mir das schon. In einem Harry-Potter-Film hätte ich gerne mal mitgespielt. Die Bücher habe ich immer verschlungen.

Im Frauentennis hat man oft den Eindruck, dass es sich mehr ums Image oder das Outfit der Stars dreht als um ihre Leistung.
Viele Spielerinnen tragen gerne diese schönen Outfits. Das ist Teil des Geschäfts, das macht den Sport auch populär. Aber am Ende muss die Leistung stimmen. Nur die zählt. Niemand interessiert sich für spektakuläre Mode, wenn du die Matches verlierst. Image ist eben nicht alles.

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