Das Fahrerlager stand kopf. Die Nachricht von Sebastian Vettels Abschied von Red Bull Racing hatte eingeschlagen wie eine Bombe, und nun wartete alles auf die Bestätigung des Wechsels zu Ferrari. Doch der Weltmeister blockte ab, sprach lieber ausführlich und emotional über die Gründe für seinen Abgang vom kriselnden Weltmeister-Team.

«Ich laufe vor nichts davon», stellte der 27-Jährige in Suzuka klar: «Irgendwann verlässt man eben sein Zuhause, und so fühlt es sich für mich an: Als würde ich meine Heimat hinter mir lassen. Aber ich habe das Verlangen und den Hunger etwas Neues zu tun, etwas Neues zu erschaffen.»

Nach 15 gemeinsamen Jahren mit Red Bull, sechs Jahren bei seinem Rennstall und vier WM-Titeln zieht der Deutsche am Ende der Saison einen Schlussstrich. Die neue Herausforderung scheint Ferrari zu sein, die «Sport Bild» und die «Gazzetta dello Sport» melden den Wechsel bereits als perfekt.

Es wäre der grösste Transfer in der jüngeren Formel-1-Geschichte. Bei den Italienern soll Vettel angeblich seinen Langzeitrivalen Fernando Alonso ersetzen – und er würde dort auf den Spuren seines grossen Idols Michael Schumacher wandeln, der von 2000 bis 2004 fünf Fahrertitel nach Maranello holte.

Gestern hielt Vettel jedoch dicht. «Ich kann offiziell noch nichts verkünden, es sollte sehr bald soweit sein. Ich stehe hinter meiner Entscheidung, ich denke, sie wird mich sehr glücklich machen», sagte er nur. Zuvor hatte allerdings sein Noch-Teamchef Christian Horner gesagt, Ferrari habe Vettel «ein sehr attraktives Angebot» gemacht, und Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko sagte im TV: «Ferrari ist für jeden Rennfahrer ein solcher Mythos, das würde ich komplett verstehen.»

Der Wechsel scheint für alle durchaus Sinn zu machen. Auf der einen Seite die lahmende Scuderia, die nach Jahren ohne Titel den Neuanfang sucht, auf der anderen Seite Vettel, der bei Red Bull nichts mehr beweisen muss – sich in Maranello als Aufbauhelfer aber wohl ein Denkmal setzen könnte, so wie es einst Rekordweltmeister Schumacher tat. «Alles wird an Michael Schumacher erinnern», sagte Ex-Pilot David Coulthard: «Wenn Sebastian der nächste deutsche Weltmeister im Ferrari wird, ist er eine Legende.»

Kurz vor Vettels Pressekonferenz waren wenige Meter entfernt die Fragen auf Alonso eingeprasselt, der Spanier wirkte dabei fast trotzig. «Ich wünsche ihm das Beste», sagte der 33-Jährige: «Für mich ändert das nichts. Ich entscheide, was ich mache und wann ich es mache. Vielleicht sind einige Dinge die Konsequenz aus meinem Handeln.» Seit einer Weile schon berichten italienische Medien, dass die Beziehung der Scuderia zu Alonso erkaltet ist.

Vettel wollte sich zu all dem nicht äussern, seine Entscheidung hatte bei ihm selbst spürbar Wirkung hinterlassen. «Vor den Menschen zu stehen, mit denen man so lange gearbeitet hat, und ihnen zu sagen, dass du gehst – das tut weh. Aber damit muss ich leben», sagte er sichtlich gerührt. Erst am Vorabend hatte er der Teamleitung seinen Entschluss mitgeteilt.

«Ich habe mit Seb gegen zehn Uhr abends gesprochen. Er hat sich mit Helmut und mir hingesetzt und uns gesagt, dass er eine neue Herausforderung möchte», sagte Horner. Marko räumte zudem ein, dass Vettel seinen noch für das kommende Jahr gültigen Vertrag per Ausstiegsklausel auflösen durfte – dies, weil das Red-Bull-Team in diesem Jahr nicht auf Touren kommt und Vettel weit zurückliegt.

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