Matthias Sempach, wie lebt es sich als König?
Matthias Sempach: Um dies zu sagen, dafür ist es zu früh. Ich merke, dass ich ein grosses Fest gewonnen habe. Dass ich der Schwingerkönig bin, ist aber noch nicht ganz angekommen. Diesen Titel zu tragen, das ist etwas Spezielles. Man trägt ihn ein Leben lang. Das ist noch nicht in mir drin.

Haben Sie sich vor dem Fest in Burgdorf Gedanken gemacht, wie es sein wird?
Nein, eigentlich nicht. Das wird sich bestimmt ändern, wenn ich alles realisiert habe. Ich habe die Könige immer bewundert. Ich wollte deshalb auch einer werden. Für mich ist das etwas Ehrenvolles.

Feiern, Medientermine – Sie haben verrückte und anstrengende Tage hinter und vor sich. Was war bisher der schönste Moment?
Der Empfang in Alchenstorf. Ich hätte nie gedacht, dass so viele Leute kommen. Das Dorf hatte sich herausgeputzt. Das Wetter war wunderbar. Der Einmarsch mit dem Muni, die Familie, Kollegen, die Bevölkerung. Vom Bundesratspräsidenten über ehemalige Schulfreunde und viele Leute, die ich niemals erwartet hätte – alle waren da. Es war bis in den frühen Morgen ein schönes «Festli».

Die meiste Zeit investierten Sie in dieser Woche für Medientermine. Haben Sie überhaupt noch Lust, über sich zu erzählen?
Es waren schon sehr viele Anfragen. Längst nicht alle, die etwas von mir wollten, konnte ich zufriedenstellen. Dafür fehlte die Zeit. Auch E-Mails und Briefe habe ich noch fast keine angeschaut. Ich nehme es nun einfach, wie es kommt – Tag für Tag. Mittlerweile habe ich mich sogar schon bei den ersten Leuten bedankt, die mir Geschenke vorbeibrachten. Am Freitag kehrte ich zudem zum ersten Mal auf das Festareal in Burgdorf zurück ...

... um allen Helfern einen Apfel vorbeizubringen.
Ich habe die Äpfel verteilt, weil ich mich damit für die Arbeit bedanken wollte. Ich konnte ja nicht jedem einen Kranz vorbeibringen. Ein Apfel ist zwar etwas Kleines, aber etwas Regionales und etwas Saisonales. Als Landwirt ist mir das wichtig, und der Apfel soll ein Zeichen und ein Dank für die sein, die das Fest mit 300 000 Besuchern möglich gemacht haben.

Haben Sie am letzten Wochenende von den Zuschauermassen und dem Festbetrieb ausserhalb der Emmental-Arena überhaupt etwas mitbekommen?
Nicht gross, nein. Am Freitag kam der Berner Verband auf dem Gelände zusammen. Schon da sah ich, dass sehr viele Leute anwesend sind. Ansonsten war ich während des Festes im Betreuerzelt. Es zu verlassen war nicht möglich. Ich bin heute so weit, dass ich während kleinen Festen normalerweise zu meinen Leuten auf die Tribüne gehe. In Burgdorf ging das nicht. Nicht einmal Christian Stucki, der für seine Volksnähe bekannt ist, mischte sich unter die Leute. Das ging nicht. Wir Spitzenschwinger wären nicht vorwärtsgekommen.

Was taten Sie während der acht Gänge im Betreuerzelt?
Jeder machte das ein wenig anders. Fernsehen schauen, miteinander reden, essen, sich frisch anziehen. Es gibt Schwinger, die schlafen nach jedem Gang zehn Minuten. Ich kann das nicht. Ich war mit Kollegen und den Betreuern im Gespräch – und habe zwischendurch sogar ein paar Spässchen gemacht. Wir Berner spornten uns zudem immer wieder gegenseitig an.

Sind Sie einer, der den Kontakt mit den Konkurrenten sucht?
Vor dem Schlussgang habe ich mit Christian Stucki natürlich nicht viel geredet. Wir gingen uns aber auch nicht aus dem Weg. Es war einfach eine gesunde Distanz.

In Burgdorf waren die Berner Schwinger also primär unter sich.
Nicht nur. Ich habe auch Kollegen aus anderen Teilverbänden. Mit ihnen konnte ich offen reden. Das ist schön.

Eine gesunde Rivalität.
Genau. Christoph Bieri kam nach dem siebten Gang zu mir und sagte, dass er sich für mich freut. Oder Remo Stalder, der den Kranz gemacht hat. Er ist wie Bieri ein Nordwestschweizer, hat im letzten Jahr aber mindestens einmal pro Woche mit mir trainiert. Ich trainierte auch oft in der Innerschweiz. Mit diesen Leuten habe man während des Festes natürlich auch gesprochen.

Das Bild, als Sie nach dem Schlussgang neben Christian Stucki im Sägemehl lagen und beide lachten, bestätigt das.
Das hat zum Fest gepasst.

Sind Sie überrascht, dass die Szene, als Stucki Sie umarmte und Ihnen einen Kuss gab, hohe Wellen geworfen hat?
Seine Reaktion hat mich tief beeindruckt. Das gab es in der Schwinger-Geschichte noch nie. Wir hatten zuvor schon viele gute Duelle. Nach dem Kilchbergschwinget 2009 gab es auch eine herzliche Umarmung. Oder im letzten Jahr beim Oberaargauischen in Koppigen, als Stucki gegen mich zum ersten Mal an einem Kranzfest gewonnen hat. Das waren alles spezielle Momente. Jedes Mal war es emotional.

Wird die gelebte Fairness schon den Jungschwingern beigebracht?
Ja, das sind Werte, die im Schwingsport wichtig sind. Die Zuschauer wollen das sehen. Das beginnt vor dem Kampf. Man gibt sich immer die Hand. Es hört nach der Entscheidung auf. Dann gibt man sich wieder die Hand. Auch bei uns im Schwingklub legt man grossen Wert darauf, dass man sich vor dem Training mit der Hand begrüsst. Als Jungschwinger musste mir nur zwei-, dreimal gesagt werden, wie es geht. Danach habe ich die Regeln verstanden und befolgt.

Schwingen ist also auch eine Lebensschule.
Ganz klar, ja.

Sie haben einen Manager und einen eigenen Mental- und Konditionstrainer. Im Gegensatz zu vielen Ihrer Konkurrenten bewegen Sie sich auf einem professionelleren Level.
Das glaube ich nicht unbedingt. Viele Schwinger trainieren schon seit 15 Jahren professionell. Schon damals wurde auch im mentalen Bereich gearbeitet. Was ich mache, ist nicht neu. Ich versuche einfach, möglichst umfassend zu arbeiten. Vor Burgdorf habe ich mich zum Beispiel auf alle Eventualitäten vorbereitet. Ich bin einer, der die Konzentration leicht verliert, wenn etwas Unvorhersehbares passiert. Das war zum Beispiel am Unspunnenfest 2011 der Fall. Damals wechselte im dritten Gang plötzlich mein Gegner, weil sich der ursprünglich vorgesehene verletzt hatte. Danach musste ich lange warten und habe dabei die Energie verloren. Als es weiterging, schaffte ich nur einen «Gestellten».

Das wäre Ihnen in Burgdorf nicht mehr passiert.
Ich denke nicht, nein. Im Vorfeld habe ich alles unternommen, damit ich auf alle Eventualitäten vorbereitet gewesen wäre. Deshalb war ich auch so fokussiert.

Sie setzen die Messlatte hoch. Damit kommen Ihre Konkurrenten zwangsläufig unter Zugzwang.
Ich hatte in diesem Jahr auch Feste, die nicht so gut gelaufen sind. Obwohl ich jetzt das Eidgenössische gewonnen habe, sehe ich mich weiterhin auf Augenhöhe mit Kilian Wenger und Christian Stucki. In Burgdorf war sicherlich auch das Glück auf meiner Seite. Alles ist aufgegangen. Dass ich den andern einen Schritt voraus sein soll, sehe ich überhaupt nicht so.

Am letzten Wochenende waren Sie aber allen Gegnern überlegen.
Meine Leistung kam nicht einfach so. Ich habe darauf drei Jahre hingearbeitet. In Frauenfeld vor drei Jahren war ich auch parat, gehörte ebenfalls zu den Favoriten. Damals hatte mein Bruder während des Festes aber plötzlich einen Schwächeanfall und musste mit Sauerstoff versorgt werden. Das hatte mich damals mitgenommen und Kraft gekostet. Bis heute hat das niemand erfahren. Von aussen sehen die Leute halt nicht, warum es manchmal nicht so läuft, wie man will. Nun hat für einmal alles geklappt. Darüber bin ich sehr glücklich.

Trotzdem: War Ihr professionelles Umfeld letztlich nicht das entscheidende Puzzleteil zum Schwingerkönig?
Ja, natürlich. Persönlich denke ich nicht, dass ich ein frühreifer Typ war. Ich habe zwar mit 20 Jahren schon die ersten Feste gewonnen. Wenn ich meinen Körper damals und heute vergleiche, dann ist schon etwas passiert. Ich habe aber auch viel dafür getan.

Das Schwingen ist in den letzten Jahren immer professioneller geworden. Kann man künftig ohne ein reduziertes Arbeitspensum, wie Sie es haben, an der nationalen Spitze noch mithalten?
Das Schwingtraining ist schon lange Spitzensport. Professionell wird es erst dann, wenn man für Sponsoren und die Medien interessant ist. Dafür braucht man Zeit. Man kann auch nicht das Gefühl haben, man kann nur trainieren. Man muss auch auf die Erholung achten. Das ist ganz wichtig und trägt dazu bei, dass man Erfolg haben kann. Auch in Zukunft werden alle Spitzenschwinger einer geregelten Arbeit nachgehen – mehr oder weniger. Das ist gut und auch wichtig. Ich habe bis zu meinem 22. Arbeitsjahr auch Vollzeit gearbeitet und sogar eine Zusatzlehre abgeschlossen. Ich kenne das. Jeder hat aber die Chance, es sich anders einzurichten.

Wann werden Sie denn das nächste Mal zur Arbeit gehen?
In den kommenden drei Wochen bestimmt nicht. Ich muss jetzt zuerst schauen, was noch alles auf mich zukommt.

Sie müssten auch nicht mehr arbeiten. Als Schwingerkönig lässt sich gutes Geld verdienen.
Die Besten verdienen im Schwingen schon lange Geld. Arnold Forrer und Jörg Abderhalden hatten als Schwingerkönige bereits Sponsoren. Kilian Wenger setzte in den letzten drei Jahren neue Massstäbe. Für die grosse Mehrheit ist das kein Problem. Die Leute sehen, welchen Aufwand ich betreibe. Ich mache mit jedem Interview auch Werbung für den Schwingsport. Am Ende profitiere davon nicht nur ich, sondern wir Schwinger. Auch die Feste, die Schwingklubs – alle haben etwas davon. Schlussendlich haben alle etwas vom Aufschwung meines Sportes.

Was denken Sie, warum ist Schwingen so sexy?
Das hat sicherlich auch mit uns Athleten zu tun. Den Leuten gefällt aber auch der Gedanke «back to the roots». 300 000 Leute am Eidgenössischen ...

... ist gewaltig ...
Ja, das macht Freude. Keine Probleme. Ein richtiges Fest. Die Leute können zusammen sein, es lustig haben. Es sind Gleichgesinnte, egal ob Bundesrat oder Älpler. Diese Zufriedenheit und die Swissness – das macht die Leute stolz.

Sie sind bei den Fans, vor allem den weiblichen, beliebt. Gab es in den letzten Tagen schon Heiratsanträge?
Nein, gab es keine.

Sie haben halt noch nicht alle Briefe geöffnet.
Stimmt, erst etwa 5 Prozent. Bisher war aber nichts solches dabei.

Jeder Erfolg hat auch Schattenseiten. Viel Zeit für Ihre Freundin Heidi haben Sie im Moment nicht.
Darauf schauen wir schon. Es sind auch Ferien geplant. Die Situation ist für uns aber nicht ganz neu. Im Moment ist alles halt ein wenig mehr. Vielleicht ging es von 75 auf 100 Prozent. Seit sechs Jahren gehöre ich schon zu den besten Schwingern, seit zwei Jahren zu den Top 3. Schon in dieser Zeit ist viel auf mich zugekommen. Deshalb kann ich mit dem Rummel ganz gut umgehen, ihn sogar geniessen. Er werden auch wieder ruhigere Zeiten kommen, das Interesse an meiner Person wird nachlassen.

Sie haben im Vorfeld des Eidgenössischen gesagt, dass Ihnen Kilian Wenger manchmal leidtut. Nun haben Sie die gleiche Ausgangslage und wie Ihr Vorgänger drei intensive und anstrengende Jahre vor sich.
Mir ist bewusst, dass es Anlässe geben wird, die ich nicht mehr geniessen kann wie bisher. Ich kann nicht mehr in jede Menschenmenge hineingehen wie noch vor einem Jahr. Es wird aber auch viel Schönes geben. Mehrheitlich wird alles positiv sein – davon bin ich überzeugt. Kilian war sehr jung, als er Schwingerkönig wurde. Bei ihm ging alles innert eines Tages von null auf hundert. Bei mir ist die Ausgangslage nicht gleich.

Sie werden sich auch mit Kritik auseinandersetzen müssen.
Mit Kritik kann ich umgehen. Sie muss aber fair sein. Ich habe zum Beispiel nicht verstanden, dass im Vorfeld des Eidgenössischen immer wieder geschrieben wurde, ich hätte keine Nerven. Nein, das konnte ich nicht nachvollziehen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass es als Schwingerkönig nicht nur Schönes geben wird. Nicht nur Medien warten jetzt schon auf meine erste Niederlage.

Oder besser gesagt, auf Fehler.
Ganz genau. Ich bin aber der Meinung, dass auch der Schwingerkönig Fehler machen darf. Genau das durfte Kilian nicht. Als 20-Jähriger hätte man ihm Fehler zugestehen müssen. Dem war nicht so und das fand ich nicht gut. Das war unfair.

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