VON SIMON STEINER AUS OSLO

Eigentlich ist das Rennen heute nach 50 Kilometern noch nicht zu Ende. 52,86 km ganz genau misst die Strecke, auf der die Langläufer ihren wahren Meister suchen. Und mit der Distanz allein ist es noch getan: Rund 1500 Höhenmeter sind auf den sechs Runden am Holmenkollen zu bewältigen. In ihrer Königsdisziplin legen die Athleten damit ein Pensum zurück, das der Strecke zwischen Erstfeld und dem Gotthardpass entspricht – mit dem Unterschied, dass Start und Ziel auf gleicher Höhe liegen.

«Das wird ein sehr hartes Rennen», weiss Petter Northug. Der bereits vierfache Medaillengewinner von Oslo gewann vor einem Jahr die WM-Hauptprobe auf dem gleichen Parcours und zeigte damals, dass er auch auf selektiven Loipen bis zum Schluss an der Spitze mitlaufen und den Wettkampf dann mit seinem berüchtigten Endspurt für sich entscheiden kann. Einen Zufallssieger wird es heute nicht geben.

Northugs Auftritt im letzten Winter versöhnte die Norweger auch ein wenig mit dem Umstand, dass der Internationale Skiverband (FIS) auch in Oslo an ihrer Strategie festhielt, den 50-km-Lauf an Titelkämpfen wie immer seit 2005 als Massenstartrennen durchzuführen. In den Augen der Traditionalisten war das ein Sakrileg: Der legendäre Holmenkollen-Fünfziger, die Männlichkeits-Prüfung auf Ski schlechthin, war schliesslich seit Menschengedenken ein Einzelstart-Rennen gewesen. Bis 1998 absolvierten die Athleten in Oslos Nordmarka zwei Schlaufen à 25 km, im vergangenen Jahrzehnt dann drei Runden à 16,7 km. Wer diese Aufgabe am schnellsten erledigte, erreichte die höchsten Weihen im Langlauf-Universum.

Doch die Zeiten, in denen die Läufer in der Loipe einen einsamen Kampf gegen sich selber führten, nach anderthalb Stunden einmal am Ziel vorbeikamen, um wieder im Wald zu verschwinden, sind vorbei. Im Fernsehzeitalter angekommen, sind kompakte Anlagen mit bestmöglicher Kamera-Abdeckung sowie die direkte Auseinandersetzung Mann gegen Mann gefragt.

Auch Dario Cologna wies dem Fünfziger im Vorfeld der Weltmeisterschaften eine besondere Bedeutung zu. Vor einem Jahr stürzte er an den Olympischen Spielen im 50-km-Rennen, das damals in klassischer Technik ausgetragen wurde, in der letzten Kurve und gab so eine fast sichere Medaille aus der Hand. Diesmal ist die Ausgangslage aber eine andere: Hatte Cologna in Vancouver als Olympiasieger über 15 km bereits eine Goldmedaille geholt, ist das heutige Rennen für ihn diesmal die letzte Chance, die missglückten Titelkämpfe noch zu retten.

Die kräfteraubende Strecke wird so auch zum ultimativen Test für Colognas Form. Der 24-Jährige konnte bei seinen bisherigen Einsätzen in Oslo den Eindruck nicht widerlegen, er sei beim Saisonhöhepunkt nicht mehr in gleich guter Verfassung wie Anfang Jahr an der Tour de Ski. Viel vorgenommen haben sich auch Curdin Perl und Remo Fischer. Perl, vor einem Jahr Elfter bei der WM-Hauptprobe, kann nach seinem Leistenbruch wieder schmerzfrei laufen.

Wie sehr sich die verletzungsbedingte Beeinträchtigung der WM-Vorbereitung auswirkt, wird sich heute zeigen. «Ich bin froh, dass ich nicht um die Medaillen mitkämpfen musste», gab Perl nach der Staffel zu, seinem ersten rennmässigen Einsatz seit der Verletzung. Remo Fischer ist mit guten Erinnerungen an den Holmenkollen gereist: Auf der alten Weltcup-Strecke mit Einzelstart erreichte der Zürcher Oberländer 2008 als Dritter den bisher einzigen Podestplatz seiner Karriere.

Einem versöhnlichen WM-Abschluss der Schweizer Langläufer entgegenkommen dürfte das Wetter. Durch die Sonneneinstrahlung von gestern und heute sollte der mehlige Schnee, der das Serviceteam bisher vor Probleme gestellt hatte, weicher werden und für Verhältnisse sorgen, die bei der Materialwahl in der Regel einfacher zu bewältigen sind. Zudem haben die Athleten die Möglichkeit, die Ski bei vier der fünf Passagen im Stadion zu wechseln. Auch das eine Neuerung der letzten Jahre, die es noch nicht gab, als der Fünfziger am Holmenkollen noch in zwei 25-km-Schlaufen gelaufen wurde.

Für die Liebhaber des klassischen Formats gibt es dafür Hoffnung, dass der 50-km-Lauf ab nächster Saison, wenn er wieder im Rahmen des Weltcups durchgeführt wird, zum Einzelstart zurückkehrt. Vegard Ulvang, dreimaliger Sieger des Holmenkollen-Fünfziger und heutiger Vorsitzender des Langlauf-Exektutivrats des Weltverbandes FIS, hat vorgeschlagen, den Klassiker ins Kulturerbe aufzunehmen: «Vor hundert Jahren haben wir in Norwegen die Stabkirchen unter Schutz gestellt. Jetzt ist es Zeit für den Fünfziger.»

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