VON MARCEL KUCHTA UND SEBASTIAN WENDEL

Die bewegenden Bilder des EM-Triumphs unserer Eiskunstlauf-Prinzessin Sarah Meier sind immer noch präsent. Es ist der Traum vieler Eltern, dass aus ihren Kindern einmal erfolgreiche und populäre Spitzensportler werden. Die grossen Siege von Topstars wie Roger Federer, Simon Ammann, Carlo Janka, Dario Cologna oder Fabian Cancellara sind fast tagtäglich in den Medien präsent. Sie alle haben sich dank ihres ausserordentlichen Talents einen Platz in der absoluten Weltelite erkämpft.

Doch Begabung allein reicht bei weiten nicht. Wer sich entscheidet, seinem Kind eine Leistungssport-Karriere zu ermöglichen, der nimmt viele Entbehrungen in Kauf. Das Familienleben wird auf den Kopf gestellt: Trainings, Wettkämpfe und Reisen bestimmen den Ablauf des Alltags und der Ferien. Die Schule und die berufliche Ausbildung sind nur noch in den wenigsten Fällen mit der sportlichen Laufbahn vereinbar. Schliesslich ist der Weg an die Spitze vor allem eines: ungemein kostspielig. Und ganz am Ende steht dann – aller Investitionen zum Trotz – noch die Ungewissheit:

Nur ein kleiner Bruchteil schafft den Sprung auf die grosse Bühne des Weltsports. Dort, wo der finanzielle Aufwand dank hohen Salären, dicken Preisgeldern und vor allem lukrativen Sponsorenverträgen doch noch eine Rendite abwirft.

Wenig überraschend ist dabei die Tatsache, dass Aufwand und Ertrag bei einem Fussballer in einem meilenweit günstigeren Verhältnis stehen als bei einem Einzelsportler in einer Randsportart. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kicker, in dessen (Junioren-)Karriere jährlich 10 000 Franken investiert wurde, später einmal einen gut dotierten Profivertrag unterschreibt, ist um ein Vielfaches grösser als die Chance, dass beispielsweise eine Eiskunstläuferin oder ein Töfffahrer die enormen Ausbildungskosten nur schon amortisieren, geschweige denn überhaupt einmal in die «Gewinnzone» kommen.

Daniel und Yvonne Bühler begleiten die Eiskunstlauf-Karriere ihrer Tochter Romy (16) seit über zehn Jahren mit hoher Intensität. «Die ganze Familie musste zu diesem Projekt Ja sagen. Gegenseitige Rücksichtnahme ist unabdingbar», erzählt Mutter Yvonne. Der Entscheid, die Tochter bei ihrer Sportlerkarriere über das normale Mass hinaus zu begleiten, kam «langsam und schleichend». Das ausserordentliche Talent und die sich daraus ergebenden Erfolge führten zu einer ungeahnten Dynamik, die selbst die Eltern in ihrer anstrengenden Rolle motiviert: «Man wird ganz einfach mitgezogen», erklärt Yvonne Bühler.

«Romy ist so fokussiert. Sie lebt für diesen Sport. Für uns stellte sich daher noch nie die Frage: ‹Lohnt sich das?›». Man habe sie nie zwingen müssen aufs Eis zu gehen. Dabei steht Romy sechsmal pro Woche morgens um sieben zum Training auf dem Eis. Sechsmal pro Woche transportiert die Mutter ihre Tochter in aller Herrgottsfrüh vom Wohnort Gockhausen nach Küsnacht. Yvonne Bühler betont aber: «Die Motivation und die Initiative kamen immer von ihr aus.»

So wichtig der moralische und praktische Support aus dem Elternhaus auch ist: Ohne beträchtlichen monetären Support ist ein gezieltes Vorantreiben der Sportlerkarriere eine Illusion. Konkrete Zahlen, wie viel Geld man in das «Projekt Romy» investiert hat, will Yvonne Bühler keine nennen, sagt aber: «Jeder, der Eiskunstlauf betreibt, weiss, wie kostenintensiv es ist.»

Gemäss Ex-Profi Oliver Höner muss man als Eiskunstlauf-Spitzensportler mit einem jährlichen Aufwand zwischen 40 000 und 50 000 Franken rechnen. Romy Bühler, die derzeit ein (Schul-)Jahr lang als Profi voll auf die Karte Sport setzt, weilte beispielsweise für längere Zeit in einem Trainingslager in Kanada. Bezahlt haben es die Eltern grösstenteils aus dem eigenen Portemonnaie, erhielten allerdings einen Beitrag von Art on Ice, in dessen «Talentteam» Romy dabei ist. Externe, finanzielle Unterstützung bekommen die Bühlers ansonsten kaum. Der nationale Eislaufverband deckt immerhin die Kosten der internationalen Anlässe.

An der EM in Bern klassierte sich Romy vor Wochenfrist auf dem 16. Schlussrang und bestätigte ihr grosses Potenzial auf internationaler Ebene. Doch so gross ihr Talent ist und so gross die Investitionen der Eltern auch sind: Dass sie dereinst wie Sarah Meier ganz oben stehen wird, ist alles andere als sicher. Das wissen auch Daniel und Yvonne Bühler. Doch die Mutter sagt: «Wir wurden so oder so belohnt: mit ihren Leistungen und ihrer Entwicklung.»

«Wenn man A sagt, muss man auch B sagen.» Das sagt Beatrice Aegerter, die Mutter des Rohrbacher Töffpiloten Dominique Aegerter. Durchhaltewillen und bedingungsloser Einsatz für den Sohn waren in diesem Fall fast noch extremer gefragt als bei Romy Bühler. Denn: In der Schweiz eine Töffkarriere zu lancieren ist äusserst aufwändig und schwierig. Fördergelder gibt es keine. Die fehlende Unterstützung von Institutionen wie Swiss Olympic prangern die Eltern denn auch heftigst an.

2002 entschieden sich Beatrice und ihr Mann Ferdinand, zusammen mit ihrem Sohn voll auf die Karte «Töffprofi» zu setzen. Bis 2007 hatten sie jeden Rappen für Dominiques Karriere aus dem eigenen Sack bezahlt. Seit dem ersten WM-Jahr übernimmt mit «Metro Technomag» ein Sponsor den grössten Teil der Kosten – laut Mutter Aegerter ein jährlicher Betrag von gegen einer Million Franken: «Ohne Sponsor könnte Dominique nicht in der WM fahren. Das könnten wir uns nicht leisten».

Dominiques ehemaliges Hobby – er fuhr bereits als Vierjähriger erste Rennen auf einer Motocross-Maschine – und heutiger Beruf, bedeuten für die Familie allerdings eine grosse zeitliche und psychische Belastung. Die Eltern haben immer voll gearbeitet und ihren Sohn in ihrer Freizeit und am Wochenende zu unzähligen Rennen und Trainings begleitet. Ferien sind ein Fremdwort.

Doch das Ehepaar bereut es keinesfalls, so viel Zeit und Geld in die Leidenschaft des Sohnemanns gesteckt zu haben. Mit dem Geld, dass sie für Dominiques Karriere ausgegeben haben und immer noch ausgeben, hätten die Aegerters «ein grosses Einfamilienhaus mit grossem Grundstück» kaufen können.

Dass neben diesen massiven Investitionen kaum mehr Spielraum für eigene, ausserordentliche Bedürfnisse bleibt, ist logisch. «Als wir uns aus dem Nichts selbstständig machten, mussten wir auch auf jeglichen Luxus verzichten. Von daher kennen wir die Situation», relativiert Mutter Beatrice die Auswirkungen und sagt: «Wenn das eigene Kind etwas gerne macht und auch noch gut darin ist, will man es unterstützen. Schliesslich belasten andere Kinder das Portemonnaie ihrer Eltern bis 35 als ewige Studenten.

Wir finanzieren unseren Sohn auf diese Weise». Und sie fügt an: «Unser Ziel ist erst erreicht, wenn Dominique mit dem Töfffahren Geld verdient und wir nicht mehr zahlen müssen.» Am Horizont steht der Traum vom WM-Titel: Ferdinand und Beatrice Aegerter hoffen, ihren Sohn dereinst «Weltmeister» nennen zu können. So wie Tom Lüthi, der vor fünf Jahren triumphierte und damit den Durchbruch schaffte.

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