VON PHILIPP BÄRTSCH AUS WHISTLER MOUNTAIN


Walter Steiner war der Vogelmensch. Was gibt es für seinen Toggenburger Nachfolger für eine Steigerungsform? Königsadler? Simon Ammann hat es geschafft, das Double von Salt Lake City zu wiederholen und nach dem Wettkampf auf der kleinen auch jenen auf der grossen Schanze zu gewinnen. Er, der die Schweizer Olympia-Mission mit Gold in der allerersten Entscheidung der 21. Winterspiele perfekt lanciert hatte, sorgte nun nach einer Reihe von Enttäuschungen für das nächste Highlight. Ammann schwebt auf einer Wolke, sein olympischer Flugrausch wird wohl noch einige Tage nachwirken.

Manches erinnerte im Whistler Olympic Park an das erste Springen. Erneut setzte Ammann schon im Probedurchgang einen Pflasterstein auf seinem Weg zu Gold. Der 28-Jährige sprang trotz zwei Luken weniger Anlauf fünfeinhalb Meter weiter als alle anderen und bewog die Jury wieder dazu, den Anlauf um eine weitere Luke zu verkürzen. Ammann hatte auch so noch Mühe, seinen ersten Wettkampfsprung auf 144 m zu stehen. Hätte er mit dem Gesäss den Schnee berührt, wäre das als Sturz gewertet worden. Wegen der «Notlandung» trat Ammann nur mit 6,6 Punkten Reserve auf Adam Malysz zum Final an. Dabei war der Pole unter eher besseren Umständen gleich sieben Meter weniger weit gesprungen. «Zum Glück hatte Simon nicht die besten Bedingungen», entfuhr es Disziplinenchef Gary Furrer.

In der Tat waren die Windverhältnisse um einiges wechselhafter als vor Wochenfrist. Davon profitierte vor allem Matti Hautamäki, der nach einem Hüpfer im zweiten Durchgang aber vom 3. Zwischen- in den 26. Schlussrang zurückfiel. Ammann dagegen stellte eine weitere Bestweite auf – als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Mit seinem Satz auf 138 m konnte er den Vorsprung auf Malysz mehr als verdoppeln -- auf 14,2 Punkte. Ammann vor Malysz und Gregor Schlierenzauer: Genau so hatte sich das Podest schon nach dem Springen auf der Normalschanze präsentiert. Die glanzvolle Karriere des Polen wird unvollendet bleiben, Schlierenzauer muss sich damit trösten, dass sich ihm weitere Gelegenheiten bieten werden, in den Olymp zu springen. Dort hat Simon Ammann seit gestern einen Logenplatz direkt neben Göttervater Zeus.

Von den vier Goldmedaillen, die Ammann an Olympischen Spielen nun gewonnen hat, ist diese wohl am höchsten einzustufen. Wie sich Ammann von der Bindungsposse nicht aus dem Konzept bringen liess, sondern ganz im Gegenteil aus der Situation ein Spiel zu machen schien, verdient allerhöchsten Respekt. Ammann tat, was ihm in den wichtigsten Momenten seiner Karriere immer gelang: Er schaute nur auf sich und verlor das goldene Ziel nie aus seinem Blick. Die Lockerheit, die Ammann gegen aussen in jedem Moment ausstrahlte, sowie die psychologisch wirkungsvollen Anlaufverkürzungen in den Trainingsdurchgängen schufen eine Aura, die seine Gegner unbewusst wohl schon vor dem Wettkampf kapitulieren liess. Für sie ging es nur noch um Silber und Bronze.

Die Frage, ob die Olympiasiege von Whistler wegen des neuen Bindungssystems von einem schalen Beigeschmack begleitet werden, ist schnell beantwortet. Nein! Das kleine, aber feine Schweizer Team hat den immer kleiner werdenden Innovationsspielraum im Materialsektor schlitzohrig genutzt. Dafür gebührt den Verantwortlichen, speziell auch Servicemann Gerhard Hofer, höchste Anerkennung. Dass sich ausgerechnet die Österreicher übertölpelt fühlen, entbehrt nicht der Ironie. Über Jahre fanden sie im Materialbereich jedes Schlupfloch und gaben in der Entwicklung die Geschwindigkeit vor. Jetzt sind die Schweizer so weit, dass sie agieren statt reagieren.

Der gekrümmte Bindungsstab war bestimmt ein Vorteil, sonst hätte Ammann die Umstellung vor seiner Olympia-Hauptprobe in Klingenthal nicht gewagt. Wenn die Österreicher über fünf bis zehn Meter Weitengewinn spekulieren, beweisen sie vor allem fehlendes Augenmass. Zum besten Simon Ammann aller Tage gehört, dass er rechtzeitig die perfekte Abstimmung gefunden hat. Das schmälert seine sportliche Leistung um kein Prozent. Wer rüttelt am Thron von Abfahrtsolympiasieger Didier Défago, weil der einen besonders schnellen Ski an den Füssen hatte? Was kann Dario Cologna dafür, dass auch seine Servicemänner einen tadellosen Job machten? Auf dem Materialsektor à jour oder besser einen Schritt voraus zu sein, ist Voraussetzung, damit Ausnahmeskisportler auch grosse Titel einheimsen können.

Er schaute nur auf sich und verlor das goldene Ziel nie aus seinem Blick.

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