Als wollte Mario Gomez seinem Trainer Joachim Löw diktieren, was dieser zu unterlassen hatte. Auf der Uhr tickte die 72. Minute, als sich Miroslav Klose an der Seitenlinie sein Trikot in die Hose stopfte. Beim nächsten Unterbruch sollte er für Gomez ins Spiel kommen. «Einen kriegst du noch», hat sich der Bayern-Stürmer in diesem Moment gedacht, und positionierte sich ein letztes Mal vor dem Tor der Portugiesen. In der Hoffnung, es möge ihm doch endlich etwas Brauchbares serviert werden.

Das Schicksal meinte es an diesem Abend gut mit Mario Gomez. Es sorgte dafür, dass Khediras Flankenball von einem Portugiesen abgefälscht wurde und den Weg zu Gomez fand. Dieser verstand den Wink und erzielte mit einem lehrbuchreifen Kopfball das entscheidende 1:0. Auch Joachim Löw verstand und wies Klose an, sich wieder auf die Bank zu setzen.

Dass Klose sich bereits zu Beginn des Spiels dorthin begab, waren zwei überraschende Personalentscheide von Löw vorangegangen. Entgegen der Erwartungen vieler schenkte er in der Innenverteidigung dem Dortmunder Mats Hummels anstelle von Per Mertesacker und im Sturm Gomez anstelle von Klose sein Vertrauen. Nach dem Schlusspfiff durfte sich Löw selber gratulieren. Er hatte – wieder mal – alles richtig gemacht. Gomez avancierte mit seinem goldenen Tor zum Matchwinner. Und Hummels zeigte gegen Portugal sein bestes Spiel im Trikot der Deutschen, seit er 2010 gegen Malta sein Debüt feierte. Er gewann gefühlt jeden Zweikampf und löste immer wieder mit gekonnten Pässen Angriffe aus.

Der dritte herausragende Akteur stand im Tor. Manuel Neuer rettete während der Schlussoffensive der Portugiesen zwei Mal gegen Nani. Von dessen Teamkollegen Ronaldo war wie so oft, wenn der Superstar von Real Madrid im Nationaltrikot aufläuft, wenig bis gar nichts zu sehen. Der Druck des portugiesischen Volkes, die Spiele im Alleingang gewinnen zu müssen, wiegt auch für einen im Selbstbewusstsein Getränkten zu schwer.

Trotz der Freude über den Auftaktsieg dürfen die Deutschen nicht darüber hinwegsehen, dass sie gegen die Portugiesen weit weg von der Klasse eines künftigen Europameisters spielten. Zwar dürfte Löw zufrieden zur Kenntnis genommen haben, dass sein Sorgenkind – die Abwehr – einen soliden Job machte. Doch ausgerechnet die Offensive, das Prunkstück der letzten Jahre, enttäuschte. Schweinsteiger, Özil, Müller und Podolski mühten sich meist erfolglos.

Ein Grund für diese Schwerfälligkeit ist die Art und Weise, wie die Gegner heute gegen Deutschland spielen. An der WM 2010 wollten England und Argentinien gegen Löws Team den Ton angeben und wurden dafür bitter bestraft. Gegen beide Nationen schnappte die deutsche Konterfalle vier Mal zu. Seither hüten sich alle, Deutschland dominieren zu wollen. Was wiederum Löw dazu zwang, seinem Team das Agieren beizubringen. Ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen scheint. «Natürlich hat mir vieles nicht gefallen. Aber es war das erste Spiel, und das ist immer eine Unbekannte», sagte Löw nach dem Spiel.

Mit dem Sieg hat sich der Mitfavorit in eine hervorragende Ausgangslage gespielt. Als einziger der drei Gruppenfavoriten hat Deutschland gewonnen. Am Mittwoch geht es gegen das angeschlagene Holland als Favorit in die Partie.

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