Brasilien ist in diesem Moment weit weg. Es ist Donnerstagmorgen, Ottmar Hitzfeld sitzt in Wald im Zürcher Oberland am Lehrerpult. Bevor er am Nachmittag das Aufgebot für die ersten WM-Qualifikationsspiele bekannt gibt, besucht er die Klasse A2a, referiert, stellt und beantwortet Fragen. Der Schulbesuch ist Teil des Preises, den die 14-jährigen Mädchen der Klasse mit dem Sieg beim Credit-Suisse-Cup gewannen.

Bald aber rückt Brasilien näher. Zumindest in Gedanken. Am nächsten Freitag beginnt für die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft mit dem Auswärtsspiel in Slowenien die Qualifikation. Vier Tage später empfängt sie in Luzern Albanien. Die Frage an Trainer Hitzfeld heisst deshalb: Empfangen Sie die Spieler beim Zusammenzug mit Samba-Musik? Hitzfeld lacht. «Wir werden sicher etwas machen zur Einstimmung, wahrscheinlich ein paar Bilder Brasiliens zeigen, um das Team auf unser Ziel einzustimmen.»

Es lockt die Weltmeisterschaft am Zuckerhut. «Es kann für jeden Spieler ein Traum in Erfüllung gehen», sagt Hitzfeld, «weil der Fussball in Brasilien stets im Mittelpunkt steht, weil der Fussball für Brasilianer wie Luft zum Atmen ist.» Allerdings gibt es tatsächlich Dinge, die sind für Brasilianer noch wichtiger als Fussball: der Karneval und – Telenovelas. Schon manche Anspielzeit eines Fussballspiels musste wegen der Liebesgeschichten am TV nach hinten verschoben werden.

Schöne, tragische, teilweise auch kitschige Geschichten hat die Nationalmannschaft in letzter Zeit einige geschrieben. Im letzten Mai der erste Sieg gegen Deutschland seit 56 Jahren. Das 1:0 an der WM 2010 in Südafrika gegen den späteren Weltmeister Spanien. Die magischen Momente an der WM 2006 in Deutschland, die Siege gegen Togo – in Dortmund mit 65 000 Schweizern in der Stadt – und Südkorea, dann die Penalty-Schlappe im Achtelfinal gegen die Ukraine und damit das Aus, ohne im ganzen Turnier ein Gegentor erhalten zu haben.

Und nun, schafft es die Schweiz tatsächlich, sich zum dritten Mal hintereinander für eine WM zu qualifizieren? Und damit für ein Novum in ihrer 107-jährigen Verbandsgeschichte zu sorgen? Es spricht vieles dafür. Der erste Dank geht an die Glücksgöttin. Sie hiess für einmal nicht Fortuna, sondern Ronaldo. Der WM-Rekordtorschütze aus Brasilien loste die Schweiz in eine Gruppe mit Norwegen, Slowenien, Albanien, Island und Zypern. Die Gegner hätten auch Spanien und Frankreich heissen können.

Unter diesen Voraussetzungen kann es nur ein Ziel geben: den Gruppensieg und damit die direkte Qualifikation für die WM. «Ich freue mich über die Favoritenrolle», sagt Hitzfeld. Er weiss, dass dies nicht alle Tage vorkommt. Gleichzeitig warnt er aber auch: «Es ist vieles möglich, wir können alles gewinnen – aber wir können auch alles verlieren.» Die entscheidende Niederlage in der letzten EM-Qualifikation in Wales ist ihm noch immer präsent. Hitzfeld und die Schweiz mussten zuschauen, wie die anderen an der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine spielen durften. «Das ist unglaublich bitter – und soll nicht wieder vorkommen.»

Als vor gut zwei Jahren die EM-Qualifikation begann, musste Hitzfeld wieder und wieder über fehlende Treffer sprechen. 10 Spiele, 4 Tore lautete damals die Bilanz. Jetzt ist es umgekehrt, in 4 Testspielen im Jahr 2012 hat die Schweiz 10 Tore erzielt. Es gibt Anzeichen, dass diese neue Mannschaft, die wegen der Rücktritte von Frei, Streller, aber auch Huggel einen Umbruch erlitten hat, spielfreudiger, kreativer – und eben torgefährlicher ist als frühere Auswahlen.

Sorgen machen muss sich Hitzfeld dafür anderswo. In der Innenverteidigung an erster Stelle. Das einstige Prunkstück des Schweizer Teams ist zur Gefahrenzone Nummer 1 verkommen. Der designierte Abwehrchef, Philippe Senderos, ist verletzt. Sein Ersatz, Johan Djourou, darf bei Arsenal kaum einen Ernstkampf bestreiten. Hitzfeld behauptet trotzdem: «Ich mache mir keine Sorgen, weil ich meinen Spielern vertraue.»

Morgen rücken die Nationalspieler in Feusisberg ins Camp ein. Dann hat Hitzfeld vier Tage Zeit, um Feintuning zu betreiben. Auf dass es zwischen Brasilien und der Schweiz zu einer Liebesgeschichte kommt.

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