Dario Cologna lässt hoffen, dass es noch Rettung gibt für den Langlauf-Sport. Nach seinem gestrigen Prologsieg bei der Tour de Ski stand der dreifache Olympiasieger bereits zum zweiten Mal in diesem Winter auf dem Podium. Als Schweizer gehört er dort allerdings zu den Exoten – wie auch alle anderen Nicht-Norweger. 47 von 60 Podestplätzen in der laufenden Weltcupsaison hat das norwegische Team bisher für sich beansprucht.

Dass das Mutterland des Langlaufsports an der Weltspitze führend ist, erstaunt kaum. Die Dominanz, welche das Team Norge an den Tag legt, ist dennoch bemerkenswert – und scheint in dieser Saison nochmals eine neue Stufe erreicht zu haben. Der durchschlagende Erfolg der eigenen Langläufer wird mittlerweile selbst den Norwegern ungeheuer. «Interessieren sich die Leute in anderen Ländern überhaupt noch für Langlauf, wenn wir sie nie gewinnen lassen?», fragte die auflagenstarke Boulevard-Zeitung «VG» kürzlich.

Der ehemalige Schweizer Nationaltrainer Fredrik Aukland, der heute unter anderem als Langlauf-Experte für das norwegische Fernsehen arbeitet, stösst ins gleiche Horn. «Es ist nie gut für eine Sportart, wenn eine Nation zu sehr dominiert», sagt Aukland. «Ich hoffe, dass die Konkurrenz bis zu den Weltmeisterschaften aufholt.» Die Befürchtungen bestehen darin, dass der Langlauf international mittelfristig an Bedeutung verlieren könnte – wenn Zuschauer und Sponsoren ausserhalb Norwegens sich von der Sportart abwenden. Dann hätte auch der Internationale Skiverband (FIS) ein Problem mit der Vermarktung der Langlauf-Sparte.

«Ich mache mir da keine Sorgen», sagt der Schweizer Jürg Capol, der bei der FIS Marketing AG für die nordischen Disziplinen zuständig ist. «Wir schliessen langfristige Verträge ab. Deshalb müsste eine Nation schon über Jahre dominieren, damit ein solches Szenario eintreffen könnte.» Der frühere Langlauf-Internationale und spätere FIS-Renndirektor kennt die Szene seit Jahren. «Es gibt immer wieder Wellenbewegungen in einzelnen Ländern.» Hinzu komme, dass das öffentliche Interesse in vielen Nationen stark von einzelnen Ausnahmeathleten abhänge.

So hat Dario Cologna die TV-Einschaltquoten in der Schweiz in den letzten Jahren in die Höhe schnellen lassen. Und halb Polen schaut zu, wenn die vierfache Tour-de-Ski- und Gesamtweltcupsiegerin Justyna Kowalczyk sich die Ski an die Füsse schnallt. Im Wellental befindet sich nach den Rücktritten von Stars wie Tobias Angerer und Axel Teichmann dagegen Deutschland, das für die FIS aufgrund von Bevölkerungszahl und wirtschaftlicher Stärke den wichtigsten Markt darstellt. «Ein starkes deutsches Team wäre zwar wünschenswert, aber davon abhängig sind wir nicht», sagt Capol. «Unsere Partner sind international ausgerichtet.»

Ein Ende der norwegischen Vorherrschaft ist indes nicht abzusehen. «Langlauf hat in Norwegen zwar schon lange einen hohen Stellenwert», sagt der frühere Weltmeister Odd-Björn Hjelmeset, der heute als TVExperte tätig ist. «In den letzten Jahren jedoch hat es nochmals einen richtigen Boom erlebt – sowohl bei Führungskräften als auch in der breiten, gesundheitsbewussten Bevölkerung.»

Im Weltcup dürfte die Überlegenheit des norwegischen Teams zumindest bei den Männern nicht im gleichen Mass anhalten wie in den vergangenen Wochen. «Ich erwarte, dass die Konkurrenz an der Tour de Ski und an der WM in Falun aufdrehen wird», sagt Hjelmeset. Dabei könnte das norwegische Team zum Opfer des eigenen Erfolgs werden. Angesichts der grossen internen Konkurrenz müssten die Athleten bereits Ende November in Topform sein, um überhaupt einen Platz in der Weltcup-Mannschaft zu ergattern. Das macht den Formaufbau für Titelkämpfe im Februar schwierig, wie sich zuletzt bei den Olympischen Spielen in Sotschi zeigte, wo Norwegens Langlauf-Männer nur gerade zwei Medaillen holten.

Anders sieht es bei den Frauen aus, wo norwegische Vier- oder Fünffachsiege mittlerweilean der Tagesordnung sind. «Die besten Norwegerinnen trainieren mehr als die meisten Konkurrentinnen», glaubt Odd-Björn Hjelmeset. «In dieser Hinsicht können viele Nationen noch zulegen.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper