Die St. Moritzer machen aus ihrem Bedauern keinen Hehl. Warum nur musste Lindsey Vonn in Cortina d’Ampezzo ihren 63. Sieg feiern? Die ausgelassene Rekordfeier hätte besser ins St. Moritzer Champagner-Klima gepasst – und Tiger Woods hätten sie sicher keinen Zahn ausgeschlagen. Ihn hätten sie vermutlich nicht einmal zu Lindsey Vonn vorgelassen ...

Vier Prozent der St. Moritzer Gäste stammen aus den USA. Der Gratis-Werbespot mit «Vonn&Woods» hätte in Amerika gigantische Resonanz ausgelöst. Aber die Engadiner Tourismus-Chefin Ariane Ehrat merkte schon vor dem Rennen an: «Bei uns hätte Lindsey wahrscheinlich gar nicht gewonnen, weil eine Schweizerin schneller gefahren wäre.»

Die ehemalige Weltklasse-Skirennfahrerin und WM-Zweite von Bormio 1985 scheint über einen siebten Sinn zu verfügen: In der Tat waren sogar drei Schweizerinnen schneller als Lindsey Vonn, die sich nach einem groben Fehler mit dem 23. Rang begnügen musste. Und den Sieg trug jene Schweizerin davon, für die Ariane Ehrat ebenfalls eine Überraschung vorgesehen hatte: Als Ehrengast hatte sie das einstige Tessiner Ski-Model Doris de Agostini (8 Weltcupsiege) eingeladen, die erstmals seit über 20 Jahren wieder einmal ein Skirennen besuchte. Und von einem übereifrigen Ordnungshüter nicht einmal zu Lara Gut in den Zielraum gelassen wurde, bis Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann persönlich einschritt. Tiger Woods hätte auf Corviglia sein blaues Wunder erlebt.

Am Schluss schaffte es Doris de Agostini dann doch, Lara Gut zu gratulieren und ihr mit auf den Weg zu geben: «Geniesse den Moment. Und nimm den Schwung mit – mindestens bis zur WM in Vail-Beaver Creek.» De Agostini ist mit Vater Pauli Gut in die Schule gegangen. Sie und Lara haben am gleichen Hang, auf der Alpe Pesciüm oberhalb Airolo, Ski fahren gelernt – wie übrigens auch Michela Figini.

«Alte Erinnerungen kommen hoch», sagt Doris de Agostini mit feuchten Augen. «Ich spüre Emotionen, als ob ich selbst gefahren wäre. Das Tessin ist ein so kleiner Kanton und bringt doch immer wieder gute Skirennfahrerinnen hervor.» Zusammen brachte es das Tessiner Trio auf unglaubliche 46 Weltcupsiege, Figini auf 26, de Agostini auf 8 und Gut ist nunmehr bei 12 angelangt. Zum Vergleich: Eine Preisfrage – auf wie viele Weltcupsiege bringen es die Fahrerinnen aus der Skihochburg Graubünden? Die überraschende Antwort: null!

Dafür gilt Graubünden, beziehungsweise St. Moritz, als Geburtsstätte der Skirennfahrerin Lara Gut. Hier bestritt sie ihren ersten FIS-Riesenslalom (39. mit Nr. 128), ihre erste Europacup-Abfahrt (4. mit Nr. 66), ihre erste Weltcup-Abfahrt (3. mit Nr. 32 und dem legendären Sturz ins Ziel) und feierte im Dezember 2008 ihren ersten Weltcupsieg. Danach folgten härtere Zeiten, die auch Vater Pauli Gut in zwiespältiger Erinnerung hat: «Hochs und Tiefs gehören zum Sport. Und wenns nicht läuft, ist immer der Trainer schuld.»

Pauli Gut hat nicht vergessen, wie nach einem 18. Rang von Lara in ihrer letzten St. Moritzer Abfahrt von «Experten» seine technische Kompetenz angezweifelt wurde. Er sagt nur: «Es war nicht immer einfach. Besserwisser gibt es immer.» Auch Lara selbst sind jene Zeiten in guter Erinnerung. «Fasst mich bitte nicht zu hart an», bat sie damals die versammelte Medienschar. Und jetzt? Hat sie sich mit den Journalisten versöhnt? «Es kommt drauf an», sagt sie mit der Souveränität der Siegerin lächelnd-zweideutig: «Einige von euch haben ja noch vor wenigen Tagen von Krise geschrieben.» Deshalb freue sie sich, dass sich gleich drei des Teams unter den ersten sechs klassierten. Nachdem es in den bisherigen Abfahrten der Saison keine aufs Podest geschafft hatte.

Während Fabienne Suter als Fünfte unter Wert geschlagen wurde, verblüffte Nadja Jinglin-Kamer mit ihrem 6. Platz in ihrer zweiten Abfahrt nach langer Verletzungspause (Knorpelschaden im Knie). «Ich ging von einem 30. oder im optimalen Fall von einem 20. Rang aus», meinte die Schwyzerin, die sich schon auf eine WM als TV-Zuschauerin eingerichtet hatte. «Als ich im Hotel die Koffer mit dem WM-Design herumstehen sah, fuhr mir das ziemlich ein.» Jetzt darf sie selber die WM-Kleider beziehen und zusammen mit Gut, Suter und wahrscheinlich Marianne Abderhalden (31. in St. Moritz, aber schon ein 8. Rang) das Abfahrtsteam bilden. Fabienne Suter wurde im flachen Startabschnitt vom Winde verweht und büsste dort über eine Sekunde auf die Besten ein. Das kostete sie einen Podestplatz.

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