VON RICHARD HEGGLIN

Es tönt paradox, aber der Sieg des Österreichers Klaus Kröll ist ein Glücksfall für die Schweiz. «Wenn ich gewonnen hätte, wäre ich im nächsten Jahr wahrscheinlich wieder gekommen – aber in Jeans», flachste Didier Cuche. Jetzt wird er nach seinem dritten 2. Platz in Wengen im nächsten Jahr wohl nochmals einen Anlauf nehmen, um einen seiner letzten weissen Flecken auf der Weltcup-Karte zu tilgen.

«Wengen», so Cuche, «zehrt zwar extrem an den Kräften, aber es ist einfach ein wunderschönes Rennen». Und Silvan Zurbriggen, der als 13. sein persönliches Plansoll halbwegs erfüllte, meinte: «Man wird schon am Start von den Emotionen gepackt und vom Publikum förmlich über die Piste getragen.»

Cuche findet diesen 2. Platz wertvoller als jene beiden in den Jahren 2007 und 2008, als er Bode Miller den Vortritt lassen musste – zweimal mit genau 0,65 Sekunden Rückstand: «Diesmal war die Zahl der Siegesanwärter grösser und der Rückstand kleiner.» Nur 14 Hundertstel trennten ihn von Kröll. Ein Verschneider vor Langentrejen, dem flachsten Teil der 4,43 Kilometer langen Strecke, dürfte die entscheidenden Sekundenbruchteile gekostet haben.

Auch Kröll beging auf seiner Siegesfahrt einen Fehler (im Ziel-S), weshalb er, in der Leader-Box stehend, glaubte: «Cuche und Janka werden das ausnützen. Doch nach dem Verschneider von Cuche bin ich mir meiner Sache sicherer gewesen.» Trotzdem schloss Cuche nach einem zwischenzeitlichen Rückstand von sieben Zehnteln noch beinahe zu Kröll auf. Doch schliesslich musste er sich erneut mit einem 2. Rang begnügen – zum 25. Mal im Weltcup. 14 Siegen stehen in Cuches Palmarès 43 Ehrenplätze gegenüber – ein krasses Missverhältnis. Vom Wettkampfglück war er selten begünstigt. Immerhin profitierte er diesmal davon, dass die Temperatur tiefer war als befürchtet und er auch mit der Nummer 21 noch eine realistische Siegeschance besass. Am Freitag zeigte das Thermometer 7 Grad an, am Samstag 0.

Wie Cuche wurde Janka eine einzige Passage zum Verhängnis, ausgerechnet beim Brüggli, wo er sonst der Konkurrenz eine Lektion erteilt: «Ich habe die Kurve zu früh angesetzt und nachher gebüsst.» Trotzdem verlor er nur 39 Hundertstel auf Kröll und holte in seinem 6. Lauberhornrennen (inklusive Super-Kombination) den 5. Podestplatz. «Es war ein Rennen auf dem letzten Zacken», meinte Janka, «nicht viel hätte gefehlt, und ich wäre im Ziel-S wie Beat Feuz gestürzt. Ich hatte schon vor dem Start schwere Beine und bin umso glücklicher, dass es dennoch zu einem Podestplatz gereicht hat.» Er müsse nun mit den Kräften haushälterisch umgehen. Die Virus-Erkrankung hinterlässt ihre Spuren, auch wenn Janka nicht gerne davon spricht.

Nichts zu deuteln gibt es am Sieg von Klaus Kröll, auch wenn dieser mit 14 Hundertsteln oder umgerechnet 11,39 Meter Vorsprung sehr knapp ausfiel. «Nachdem die Schweizer in den letzten zwei Jahren alle Klassiker gewonnen haben, darf wieder mal ein Österreicher an der Reihe sein», flachste der 30-jährige Rotschopf.

Klaus Kröll ist eigenartigerweise immer dann am stärksten, wenn er vorher in einem Rennen gestürzt ist. Bernhard Russi sagte mal: «Stürze machen krank.» Aber Kröll scheinen sie quicklebendig zu machen. Vor zwei Jahren zog er sich am Lauberhorn bei einem Sturz eine Fraktur an der Hand zu – und gewann das nächste Rennen in Kitzbühel. In diesem Winter stürzte er bei der Silvester-Abfahrt in Bormio (Kröll: «auf dem Weg zu einem Podestplatz, vielleicht zum Sieg») schwer und zog sich eine schmerzhafte Quetschung am Scheinbeinkopf zu und musste Medikamente nehmen: «Sie bekamen mir aber nicht gut. Deshalb habe ich sie am Renntag abgesetzt und auf die Zähne gebissen.» Ein Kröll kennt keinen Schmerz.

Nach zwei schweren Schlappen in Wengen mit einem 9. (Kröll 2010) und 18. Platz (Streitberger 2009) als Bestresultate sind die Österreicher in Wengen wieder zum Siegen zurückgekehrt. Der neue Chef Mathias Berthold hatte den Auszug aus dem Hotel Silberhorn angeordnet, in dem die Athleten jeweils in den Hotelgängen schliefen, weil der Krach vom benachbarten «Weltcup-
Dörfli» so laut war. Nun logieren sie in einem Appartementhaus und haben einen eigenen Koch. Sieger Kröll ass aber auswärts.

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