VON MICHELE COVIELLO AUS PARMA

Ist das der Bahnhof? Wer in Parma mit dem Zug ankommt, fragt sich, ob er überhaupt aussteigen kann. Die Plattform ist mit Spanplatten abgesperrt. Was bleibt, ist ein Pfad von einem Meter Breite. Bauarbeiter verwandeln auch den Vorplatz. Für über 200 Millionen Euro entsteht hier Parmas neuer Bahnhof.

Eine Baustelle gibt es auch zehn Autominuten weiter südlich, in Collecchio. Hier sind es grüne Hecken, die den Werkplatz absperren, auf dem nicht Bauarbeiter Betonböden aufbrechen, sondern Fussballer über Rasenplätze rennen. Der FC Parma baut hier seine neue Identität auf. Das Trainingscenter stammt aus den Zeiten, in denen er sich noch AC nannte und zwischen 1992 und 2002 drei italienische Cups, zwei Uefa-Cups und einen Pokal der Cupsieger in die Provinzstadt brachte.

Der Komplex mit sechs Rasenplätzen und einem Kunstrasenfeld entstand unter dem ehemaligen Besitzer Calisto Tanzi. Als sein Konzern Parmalat 2003 zur «grössten Schuldenfabrik des europäischen Kapitalismus» geworden war, wie die Richter urteilten, geriet auch der Klub in Schwierigkeiten. Er stieg 2008 ab, ist aber seit anderthalb Jahren wieder in der Serie A und wurde letzte Saison Achter.

Mit dabei war auch der Schweizer Blerim Dzemaili. «Das letzte Jahr war sehr gut», sagt er in einem kleinen Raum des Centro Sportivo. Die Klimaanlage surrt, Dzemaili stützt die Hände auf den Tisch mit weisser Hochglanzoberfläche und sagt: «Das zweite Jahr ist schwierig. Du musst dich bestätigen – und manchmal kommt es nicht gut.»

Nur ein Punkt trennt die Norditaliener von einem Abstiegsplatz. Heute wird Dzemaili in Genua ein weiteres Duell um den Ligaerhalt erleben, gegen die Sampdoria des Schweizer Verteidigers Reto Ziegler. Dzemaili zählt in den Augen der heimischen Presse zu den Besten im Team mit Namen wie Crespo, Zaccardo, Giovinco und Palladino. Seit der Trainer Pasquale Marino vom 4-3-3 auf ein Vierer- oder Fünfermittelfeld umgestellt hat, verlor die Mannschaft von den letzten vier Partien nur eine. «Das neue System gibt uns mehr Sicherheit», sagt Dzemaili, «aber wir haben einige Spiele wegen der Einstellung verloren – nicht wegen der Aufstellung.»

Die neue Formation bringt dem bald 25-Jährigen dennoch Vorteile. Er spiele zwar gerne auch als Nummer 6 alleine vor der Verteidigung. «Mit einem Partner an der Seite kann ich aber mehr in den Abschluss gehen und den letzten Pass versuchen.»

Diese Stärke könnte am kommenden Samstag in Bulgarien im vorentscheidenden Spiel um die EM-Qualifikation auch der Schweizer Nationalmannschaft dienlich sein. Denn gerade das zentrale Mittelfeld ist noch eine Baustelle, aus der kaum Impulse für die Offensive kommen. Hitzfeld hat ihn am Freitag für den Ernstkampf in Sofia aufgeboten.

«Er ist ein interessanter Spieler für uns», sagt Hitzfeld, «auch auf Malta hat er nach seiner Einwechslung Akzente setzen können.» Heute werde er ihn gegen Sampdoria nochmals beobachten. «Die Chancen, zu spielen, sind für ihn da.»

Dzemaili könnte die solide, aber flache Spielweise des gesetzten Gökhan Inler mit seinen Ideen gut ergänzen – wohl besser als Pirmin Schwegler oder Gelson Fernandes. Dzemaili stellt sich aber nicht in den Vordergrund. «Wir sind vier Spieler auf gleicher Höhe», sagt er. Im Vorfeld des Testspiels von Februar auf Malta hatte ein Artikel über ihn den Nationaltrainer verärgert.

«Ich bin besser als Inler oder Schwegler», wurde Dzemaili darin zitiert. «Nie würde ich so etwas über einen Mitspieler sagen», dementiert er jenen Bericht. Er sei nicht schlechter als die besagten Kollegen, so hätte seine eigentliche Aussage gelautet. Dzemaili hat daraus gelernt. Er diktiert seine Mailadresse und möchte seine Zitate vor der Publikation lesen. Er verlangt dies nicht fordernd, nicht misstrauisch, eher beiläufig.

Denn Dzemaili strahlt Sicherheit aus. Vielleicht war es auch diese Eigenschaft, die seinen ersten Trainer im FCZ, Lucien Favre, überzeugte. Er beförderte den Junior im Alter von 16 Jahren in die erste Mannschaft. Mit ihm gewann Dzemaili zweimal die Meisterschaft, einmal den Cup. «Ich hatte mit 21 alles erreicht», sagt er, «also wollte ich mich im Ausland durchsetzen.»

2007 wechselte er zu Bolton in die Premier League, hatte aber zuvor im FCZ die Kreuzbänder gerissen. Spielen, das konnte er erst in Italien wieder, bei der AC Torino ab September 2008. Mit 30 Einsätzen, mit Kampfgeist und Klasse eroberte er die Herzen der heissblütigen Fans, musste aber absteigen.

Der Aufsteiger FC Parma sah in ihm seine neue Nummer 10. Im Februar vor einem Jahr riss sich Dzemaili ein Innenband im Knie an. Nati und WM entwichen erneut. «Diese zweite Verletzung war fast schlimmer, weil ich bestens in Form war», erinnert er sich, «doch dank der guten Unterstützung des Teams kam ich zurück – stärker als zuvor.»

Dzemaili lehnt sich ab und zu im Bürostuhl zurück, schwenkt nach links und rechts. «Ich möchte in Italien zu einem Grossklub», sagt er, auf seine Zukunft angesprochen. Als Sohn von Albanern aus Mazedonien könne er sich mit der mediterranen Kultur identifizieren.

Doch sein zweiter Traum spielt sich in der Schweiz, in der Nati ab: «Ich will zu dem werden, was ich bereits für die U21 gewesen bin – zu einem wichtigen Spieler.» Plätze auf der Baustelle sind jedenfalls noch zu vergeben.

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