Bernhard Heusler erzählt, als wäre es gestern gewesen. «Granit Xhaka wird an diesem Tag 19 Jahre alt. Doch er spielt mit einer Lockerheit wie früher mit seinen Kumpels auf dem Rankhof. Wir liegen zur Pause 0:2 hinten, sind aber auf Augenhöhe. Und dann drehen wir in einer Selbstverständlichkeit das Spiel, dass es mir beim Gedanken daran noch heute kalt den Rücken runterläuft.» Der FCB kassiert in der letzten Minute zwar noch den Ausgleichstreffer. Doch dieses 3:3 am 27. September 2011 im Fussballtempel Old Trafford gegen Manchester United hat sich eingebrannt in Heuslers Hirn. Als Meilenstein. Der FCB-Präsident nennt es einen «positiven Schock, ein prägendes Erlebnis». Dieses Spiel steht stellvertretend für eine wunderbare Serie des FC Basel auf der Insel. Und es hat dem Klub neue Türen geöffnet.

Mitte der Nullerjahre steigt Bernhard Heusler beim FCB als Verwaltungsrat ein. Rot-Blau ist damals weit weg von der Champions League, das höchste der Gefühle ist der Uefa-Cup, in diesem trifft man immer wieder auf englische Mittelklasseklubs wie Fulham oder die Blackburn Rovers. Und geht auf der Insel meistens als Verlierer vom Platz. Heusler: «Damals galt: Der FCB kann in England nichts holen.»

Im Frühling 2009 übernimmt der Wirtschaftsjurist Heusler als Vizepräsident die operative Führung des FCB und leitet die Wende ein: Er vollzieht die Trennung von Christian Gross, dem langjährigen Erfolgstrainer mit riesiger Hausmacht, und implementiert eine neue, vom Trainer unabhängige Klubphilosophie. Die Folge: wachsende Dominanz in der Super League und regelmässige Exploits auf der internationalen Bühne. Dabei sticht vor allem eine Bilanz ins Auge: die Gastspiele bei englischen Topklubs. 3:3 gegen Manchester United. 2:2 gegen Tottenham. 2:1 gegen Chelsea. 1:1 gegen Liverpool. Und dazwischen nur eine Niederlage, 1:3 im Rückspiel der Europa-League-Halbfinals gegen Chelsea. Bereits bei Basels erster Champions-League-Teilnahme in der Saison 2002/03 lassen die Spiele in England aufhorchen: 1:1 in Liverpool. 1:1 in Manchester.

Von solchen Resultaten in den grössten Stadien auf der Insel können vergleichbare Vereine in Europa nur träumen. Nimmt man die Heimspiele gegen die genannten Vereine dazu, wird die Bilanz sogar positiv. Mittlerweile löst ein Duell des FCB gegen einen englischen Topklub automatisch den Reflex aus, zu sagen: Die Engländer liegen dem FCB.

Preise dank Meilensteinen
Viel mehr als ein «tja» und ein Schmunzeln löst diese Weisheit bei Heusler nicht aus. Die Interpretationen über das Wie und Warum überlässt er Medien und Fans, für Heusler ist die Bilanz eine Aneinanderreihung von Einzelereignissen, in denen viel für den FCB lief. Einen roten Faden darin erkennen, etwa jenen, dass der FCB auf der Insel wegen seiner Herkunft unterschätzt wird? Will und kann er nicht: «Auf diesem Niveau wird niemand unterschätzt.» Heusler freut sich einfach über das Prestige. Und die Folgen dieser aussergewöhnlichen Bilanz: Rot-Blau profitiert in vielfacher Hinsicht von der Erfolgsstory gegen englische Topvereine.

Im Herbst 2013 gewinnt der FC Basel in der Champions League sowohl auswärts als auch zu Hause gegen Chelsea. Das 2:1 an der Londoner Stamford Bridge ist der Auslöser des bis dahin grössten Transfergeschäfts in der Geschichte des FCB und des Schweizer Klubfussballs: Mohamed Salah trifft, dasselbe tut er im Rückspiel, José Mourinho ist «very impressed» – im darauffolgenden Winter legt Chelsea 20 Millionen für den Ägypter auf den Tisch. Heusler: «So ticken alle, die Engländer aber im Speziellen. Wer gegen sie besteht, der kriegt sofort höhere Anerkennung.»

2013 besiegt der FCB nicht nur zweimal Chelsea, im gleichen Jahr wirft er auch Tottenham Hotspur aus der Europa League. Nach dem 2:2 in London sagt Tottenham-Coach André Villas-Boas: «Basel ist das beste Team, das hier an der White Hart Lane gespielt hat.» Seit diesen Erfolgen hat sich die Präsenz von Spielerbeobachtern aus der Premier League an FCB-Spielen deutlich erhöht. Wenn im Bieterkreis für FCB-Profis die steinreichen englischen Klubs vertreten sind, treibt das die Ablösesumme automatisch in die Höhe.

Auswirkungen spürt Heusler auch bei der Akquirierung von Talenten aus anderen Kontinenten, die beim Wort «Basel» nur Bahnhof verstehen: «Wenn ein Spieler in Paraguay finanziell ähnliche Angebote von Genua, von Anderlecht und vom FCB vor sich liegen hat, können Bilder von unseren Spielen gegen Manchester oder Chelsea emotional wirken und die Entscheidung zu unseren Gunsten beeinflussen.»

Die rot-blauen Spuren in Englands Fussballtempeln sind in weiterer Hinsicht spürbar: Im Kreis der ECA, der Interessenvereinigung der europäischen Fussballklubs, sei die Wertschätzung gegenüber dem FC Basel mit jedem Erfolg gestiegen, sagt Heusler. Der Einfluss des FCB-Präsidenten in dieser illustren Versammlung ist um ein Vielfaches grösser, als es die Grösse des FCB im internationalen Vergleich vermuten lässt.

Oder: Vergangene Woche wird der FC Basel vom «Weltforum für Ethik und Business» mit dem Award für «herausragende Zusammenarbeit in der Führungsabteilung» ausgezeichnet. Ein weltweit begehrter Preis, der ohne die Meilensteine in England kaum den Weg in die kleine Schweiz gefunden hätte.

Mehr als eine lästige Fliege
Auch die Spieler profitieren. Kay Voser, heute beim FC Zürich unter Vertrag, nimmt im April 2013 beim 2:2 gegen Tottenham Gareth Bale aus dem Spiel. Jenen Bale, der wenige Wochen später für 91 Millionen Franken zu Real Madrid wechselt. Vosers Husarenstück öffnet ihm die Türen nach England, dem Land, nach dem er sich seit Kindsbeinen sehnt: 2014 wechselt er zu Fulham. «Als ich nach London kam, wollten die Leute alles wissen über die Spiele mit dem FCB gegen Tottenham und Chelsea. Und für die Klubverantwortlichen war nach diesen Spielen klar, dass ich in England bestehen kann», so Voser. Das Abenteuer London verläuft wegen Verletzungen zwar ernüchternd; doch vergessen hat man den Aargauer nicht, immer mal wieder gibt es Interesse von der Insel, herrührend von seinen Gastspielen mit dem FCB.

Im Dezember 2014 holt Basel ein 1:1 in Liverpool und qualifiziert sich für die Champions-League-Achtelfinals, die «Reds» scheiden aus. Phasenweise spielt Rot-Blau das Heimteam an der Anfield Road an die Wand – «Staunen über den stilsicheren Auftritt der Schweizer», schreibt der «Guardian». Fussballreporter David Hytner: «Dieses Spiel hat die Menschen endgültig aufhorchen lassen. Basel kommt nach Liverpool und versteckt sich nicht, nein, sie spielen einfach nach vorne. Das machen sonst nur die ganz Grossen, das war sehr beeindruckend.» 2011, nach dem 3:3 in Manchester, gilt der FCB auf der Insel noch als lästige Fliege. Mittlerweile, so Hytner, sei der Respekt gross. «Es war ein grosses Thema, als Arsenal in eine Gruppe mit Basel gelost wurde.»

Arsenal, am Mittwoch Basels Gastgeber in der Champions League. Für Heusler einer dieser fünf, sechs Vereine, die er seit Kindsbeinen kennt. «Dass wir nun nach allen anderen Topklubs auch gegen Arsenal spielen dürfen, ist ein Geschenk.» So, wie jeder Besuch des FCB im Schlaraffenland des Fussballs ein Geschenk ist: Die Anhäufung von Topklubs und Topstars, die einzigartige Vermarktung und die Ausgeglichenheit an der Spitze heben die Premier League ab von den anderen Topligen. Nicht nur in Sachen Unterhaltung, auch finanziell bewegt sich England längst in eigenen Sphären.

Was das für das Gastspiel des FC Basel am Mittwoch im Emirates Stadium heisst? «Die Chancen auf einen erneuten Exploit sind sicher nicht grösser geworden», sagt Heusler. Und fügt an: «Aber auf dem Platz regiert zum Glück nicht immer die Logik.»

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