Kevin Schläpfer, die Schweiz ist gerade am Deutschland-Cup engagiert. Sie hätten den Posten als Nationaltrainer im kommenden Sommer übernehmen können, dürfen aber nicht. Haben Sie das «Nein» des EHC Biel verdaut?
Kevin Schläpfer: Ja, sicher. Ich kann das. Der Alltag holt einen ein. Es bringt nichts, wenn die Gedanken hängen bleiben. Ich habe keinen Grund zum Verzagen. Schliesslich wollten mich ja Biel und der Verband unbedingt. Das ist ein schönes Kompliment. Ich hoffe einfach, es war nicht meine letzte Chance, den Job zu bekommen.

Schauen Sie dem Nationalteam am TV zu? Und kommt dabei Wehmut auf?
Ich schaue sicher zu. Aber Wehmut? Nein, wahrscheinlich nicht. Zumindest noch nicht. An der WM dann schon. Wenn ich daran denken muss, dass ich dieses Team hätte coachen können. Ich habe eine besondere Beziehung zu Weltmeisterschaften, war häufig als Fan vor Ort. Das war schon als junger Mann immer ein Traum von mir.

Aber Hand aufs Herz: Nationaltrainer wäre für Sie doch viel zu langweilig. Zehn Monate Beschäftigungs-Therapie für drei Wochen Ernstkampf im Mai an einer WM, bei der nicht einmal die Besten der Welt spielen – das wäre nichts für Kevin Schläpfer!
Ich sehe das anders! Es kommt eben darauf an, wie man den Job als Nationaltrainer ausübt. Das ist Charaktersache.

Wie würden Sie den Job ausüben?
Es wäre schon einmal eine Riesensache, alle Leute kennen zu lernen, das ganze Umfeld, den Staff. Überhaupt den Apparat zu erforschen. Ab August kämen dann Besuche bei den Mannschaften dazu. Während der Meisterschaft würde ich sowieso jede Runde ein Spiel anschauen. Ich würde viele Gespräche führen mit Spielern und Trainerkollegen, auch in Trainings gehen. Der Nati-Trainer hat das Privileg, überall reinzuschauen. Oder ich würde eben auch einmal Junioren-Teams besuchen, das wäre doch das Grösste für sie! Der Nationaltrainer ist das Gesicht unserer Sportart. Man entscheidet selbst, wie viel von dieser Luft man einatmen will. Es wäre ein sehr erfüllender Job für mich.

Der Verband hätte Sie auch im Nebenamt gewollt. Das kam für Sie aber nicht infrage – warum nicht?
Ich kann nur für mich reden. Ich coache mit Energie. Wenn ich wüsste, dass ich ein Trainer bin, der immer in die Playoffs kommt, dann wäre es etwas anderes. Aber wenn du weisst, du musst in die Playouts, in diese Schlachten, und dann vielleicht sogar noch in einen Abstiegskampf – und nebenbei solltest du noch positive Emotionen für die Nationalmannschaft aufbringen – das geht nicht auf.

Was macht es so schwierig?
Jeder Trainer, der das erlebt hat, kann das nachvollziehen. Ich sage es immer wieder, obwohl mich einige Trainer für diesen Satz kritisieren: Zwei Stunden nach einem verlorenen Playoff-Final haben gleichwohl alle eine Zigarre im Gesicht. Und alle feiern und stossen auf die gelungene Saison an. Aber im Abstiegskampf? Wer absteigt, der raucht keine Zigarre. Der vergiesst unermesslich viele Tränen. Und es gibt Leute, die keinen Job mehr haben. Dann ist es nicht mehr lustig.

Sie haben aus Ihren Gefühlen und Ihrer Meinung zum Thema Nationalmannschaft kein Geheimnis gemacht.
Ich habe Biel gesagt: Wenn ihr mir absagt, müsst ihr damit leben, dass ich an der Medienkonferenz sage, dass es mein Traum war. Biel nahm mir den Traum. Mit dem Risiko, das es birgt.

Gehen wir vom Worst Case aus: Der EHC Biel verpasst die Playoffs. Dann liegt der Schluss nahe, dass es dann heisst: «War ja klar, der Schläpfer hatte sowieso noch die Nationalmannschaft im Hinterkopf!»
Genau das ist das Risiko. Wenn es so weit kommt, wird es diese Stimmen geben. Und damit muss der Verein umgehen können. Durch seine Entscheidung hat er das provoziert.

Aber an Ihrer Arbeitseinstellung ändert die Entscheidung ja nichts, oder?
Nein. Nur: Ich kann jetzt noch lange sagen, dass ich die Geschichte verarbeitet und abgehakt habe. Aber vielleicht kommt irgendwann Mike Shiva und teilt mir mit, dass sich im Unterbewusstsein etwas eingenistet hat. Ich weiss es nicht. (lacht)

Weshalb waren Ihnen eigentlich Ihre Tränen, die Sie bei der Pressekonferenz vergossen haben, peinlich?
Versetzen Sie sich doch einmal in meine Situation. Ich blicke in eine Fernsehkamera, habe ein Bündel Mikrofone vor der Nase – und dann kommen mir die Tränen. Auch ich will ja trotz allem der starke Mann sein in so einem Moment (lacht). Darum war mir das peinlich.

Ein Vertrag ist heute nicht mehr als ein Papier. Wenn Sie es darauf angelegt hätten, wären Sie im kommenden Sommer Nationaltrainer. Warum haben Sie eben gerade nicht eine Trennung erwirkt?
Ich weiss auch, dass ich die Vertragsauflösung hätte erzwingen können. Rein vom Hockey her sind wir uns auch nichts mehr schuldig. Ich muss nicht mehr sagen: «Danke, EHC Biel, für die Chance, die ihr mir gegeben habt.» Ich habe auch ziemlich viel für Biel gemacht. Aber es gibt eben noch einen anderen Aspekt – jenen der Menschlichkeit. Der Verein hat mir in einer privaten Situation, die unheimlich schwierig war für mich, sehr viel geholfen.

Erzählen Sie.
Ich bin seit acht Jahren geschieden und führe seither einen Rosenkrieg mit meiner Ex-Frau. Es geht um Besuchszeiten für meine Kinder. Darum habe ich dem Verband gesagt: Ich werde nie mit Ärger oder unter der Gürtellinie aus dem Vertrag drängen oder etwas provozieren. Ich erwähne das extra, damit die Leute erfahren, dass es eben einen tieferen Grund gibt.

Wie konnte der Verein Sie unterstützen?
Gewisse Kindertage wurden gestrichen oder plötzlich konnte ich die Kinder länger haben. In diesen Momenten hat mir der Verein immer sämtliche Freiheiten gegeben. Meine Kinder waren damals 3, 5 und 9 Jahre alt. Während der Spiele waren sie in der Garderobe. Die kleinen zwei haben einen Disney-Film geschaut. Und ich war draussen am coachen. Der EHC Biel hat mir später extra drei Sitzplätze gleich hinter der Trainerbank reserviert, damit ich meine Kinder und sie mich immer im Blickfeld hatten. Das war sehr wichtig für mich. Weil ich kein Mami mehr hatte auf der Tribüne. Die Mannschaft hat das auch miterlebt. Ohne diese Unterstützung hätte ich x-mal sagen müssen: «Geht nicht!» Und hätte meine Kinder nicht sehen können.

Hätten Sie Ihre Trainer-Karriere aufgegeben, wenn es sich nicht hätte arrangieren lassen?
Das ist eine schwierige Frage, die sich mir zum Glück nie gestellt hat.

Ist man bei einer Scheidung als Mann immer der Dumme?
Man hat es sehr schwierig. Am Ende des Tages sind wir Männer schon am Anschlag. Wenn wir jeweils von Gleichberechtigung reden – phuu – das sind Diskussionen, die schwierig zu verstehen sind für einen geschiedenen Mann mit drei Kindern. Wir reden die ganze Zeit übers Materielle. Aber bei Dingen wie Besuchszeiten haben wir Männer keine Gleichberechtigung, null. Da mache ich mir schon meine Gedanken.

Welche Rolle spielten die Behörden?
In meinem Fall hat mir die Kesb (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde; die Red.) sehr geholfen. Als Eishockeyspieler und -Trainer ist es sehr schwierig, einen geordneten Besuchsplan zu erstellen. Du kannst nicht sagen: «Ich nehme die Kinder alle 14 Tage.» Das geht nicht, wenn ein Spiel in Davos oder Lugano ist. Wir müssen die Monatspläne immer an meinen Spielplan anpassen – und da ist meine Ex-Frau nicht begeistert. Darum brauchen wir einen Beistand, einen Schiedsrichter. Die Kesb hat immer dafür geschaut, dass ich meine Kinder zweimal sah pro Woche. Ohne die Kesb ginge es mir viel schlechter. Ich hätte die Kinder viel weniger – oder gar nicht – gesehen. Aber eben: Ich brauchte einen Arbeitgeber, der das ganze Theater mitmachte.

Gibt es Sachen, die Sie sich vorwerfen?
Nein. Im Gegenteil. Es ist wichtig für alle Väter, dass wir um jede Sekunde kämpfen, die wir die Kinder sehen können. Mir ist nur die Zeit mit den Kindern wichtig. Ich zahle die Alimente und alles. Aber das ist zweitrangig.

Leiden die Kinder unter der Situation?
Sie bekommen natürlich alles mit. Aber ich denke, dass die Freude, den Vater zu sehen, grösser ist, als das Leiden, wenn es einmal ein bisschen Krach gibt. Sie würden mehr leiden, wenn sie den Vater nicht sähen. Grundsätzlich ist es nicht einfach. Wenn zwei sich streiten und die Kinder dazwischen sind, dann ist es schlimm. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir Männer die Arschkarte gezogen haben. Deshalb müssen wir kämpfen, das ist wichtig. Zum Glück hat sich die Gesellschaft ein bisschen geändert. Männer haben heute mehr Möglichkeiten als vor zwanzig Jahren. Ich glaube schon, dass wir auf einem besseren Weg sind.

Wie ist der Kontakt heute mit der Ex-Frau?
Immer noch gleich. Ohne den Beistand könnten wir die Planung unmöglich machen. Warum auch immer, den Grund kenne ich nicht.

Ist das auch schwierig für Ihre neue Partnerin?
Ja, schon. Für jemanden, der das nicht kennt, ist so eine Situation erschreckend. Wie sich zwei Erwachsene so aufführen können wie meine Ex-Frau und ich, das ist wirklich peinlich. Aber ich kann es nicht ändern. Und ich höre nicht auf, um Zeit für meine Kinder zu kämpfen.

Zurück zum Thema Nationalmannschaft: Ist der Stellenwert der Schweizer Auswahl an einem kritischen Punkt angekommen?
Das glaube ich nicht. Gerade jetzt, wo es diese Tumulte um die Nationalmannschaft gibt, merkt man doch, dass ihre Bedeutung immer noch recht gross ist. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass diese Diskussion nun entstanden ist.

Aber es ist doch eine Tatsache, dass einige der besten Spieler überhaupt nicht mehr in der Nati spielen wollen.
Das ist ein Problem. Als Nationaltrainer hätte ich als eine der ersten Amtshandlungen sicher Roman Wick oder Beat Forster angerufen und versucht, sie wieder für die Nationalmannschaft zu erwärmen. Die Besten wieder zurückzuholen, das wäre eine meiner Herausforderungen gewesen.

Aber wieso ist die Nati nicht mehr sexy für solche Spieler?
Ich kann es auch nicht begreifen. Mich hätte wirklich interessiert, ihre Antworten zu hören.

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