VON MARKUS BRÜTSCH AUS MÜNCHEN

Mainz wie es singt und lacht. Oder Karneval im September. Völlig losgelöst feiern die «Meenzer» in der Allianz Arena das Ende einer grossartigen Fussballwoche. Am Dienstag hat ihr FSV den 1. FC Köln 2:0 geschlagen und die Tabellenführung souverän verteidigt. «So gut wie in der ersten Halbzeit haben wir noch nie gespielt, seit ich hier Trainer bin», hat Thomas Tuchel gesagt. «Wir haben wie ein Verein der englischen Premier League ausgesehen.»

Am Donnerstag dann haben die Mainzer Billard gespielt. «Wir machen manchmal andere Dinge, als die Konkurrenz», sagt Martin Schmidt, der zweite Assistent von Tuchel. Erst am Samstag sind die Mainzer schliesslich nach München geflogen, sie haben auf die sonst übliche Anreise am Vortag verzichtet. «Wir gehen bisweilen andere Wege in der Vorbereitung», sagt Aufbauer Eugen Polanski.

Ein paar Stunden nach der Ankunft in München und 13 Minuten vor Spielende hat dann der Ungar Adam Szalai den Ball wunderbar aus der Drehung zum 2:1 ins Netz gedroschen und seiner Mannschaft den sechsten Sieg beschert. Sie jagt nun den Startrekord der Bayern aus der Saison 1995/96 mit sieben Siegen am Stück. «Das ist kein Zufall», hat der Torschütze hinterher gesagt. «Die Taktik des Trainers ist aufgegangen, wir haben den Bayern alle Räume zugeschlossen.» Dann ist Tuchel zur Pressekonferenz erschienen und hat gesagt: «Mir fehlen die Worte.»

Der 37-Jährige hat sie dann aber doch noch gefunden: «Wir haben sehr mutig verteidigt und in der zweiten Halbzeit dank vielen Balleroberungen immer wieder die Zeit gefunden, uns zu erholen.» Am Schluss hat er gesagt: «Jetzt sind es doch viele Worte geworden, angesichts dessen, dass sie mir ja gefehlt hatten.»

Danach hat Bayerns Trainer Louis van Gaal das Wort ergriffen: «Wir haben schlecht gespielt. Wir haben genau gewusst, wie Mainz spielen wird, und trotzdem sind wir mit dem Pressing des Gegners nicht zurechtgekommen.» Van Gaal sagte auch, dass es schon am Dienstag in der Champions League gegen den FC Basel ein ganz anderes Spiel gebe.» Hoffe er zumindest.

Doch dies interessierte an diesem Samstag, an dem der Rückstand des FC Bayern auf Leader Mainz auf unglaubliche zehn Punkte angewachsen ist und vielen das Oktoberfest verdorben wurde, niemanden. Die Bayern-Vorstandschaft habe sich geschlossen in die Kabine der Mannschaft begeben, meldete das Liga-TV, und dies bedeute für gewöhnlich nichts Gutes. Und dann, ganz am Ende des Abends in der Allianz Arena, liess Van Gaal noch eine kleine Bombe hochgehen: «Mainz kann Meister werden!»

Päng! Das sass! Doch es gab keinen, der glaubte, Van Gaal mache nur Spass. Mainz Meister – so sensationell wie einst mit Ciriaco Sforza als Captain der 1. FC Kaiserslautern, der als Aufsteiger die Schale geholt hatte? Warum nicht?

«Diese Siegesserie ist kein Strohfeuer», sagt Martin Schmidt. Der Walliser ist seit diesem Sommer Trainer der U23-Mannschaft von Mainz, die in der Regionalliga spielt. Der 43-Jährige ist ein enger Vertrauter von Tuchel und erlebt hautnah, was dieser junge Trainer in Mainz zu bewegen vermag. «Tuchels Art zu motivieren ist die Triebfeder des Mainzer Erfolgs», sagt Schmidt. «Er gibt jedem Spieler zu verstehen, wie wichtig er für ihn ist.»

Der Unterschied zu anderen: Er tut es nicht nur mit Worten, sondern er handelt. Fast nicht zu glauben: Nach dem «besten Spiel unter meiner Leitung» gegen Köln hatte Tuchel den Mut, gegen Bayern sein Team auf nicht weniger als fünf Positionen neu zu besetzen. Sami Allagui, im Sommer von Greuther Fürth gekommen und beispielhaft für die unspektakulären, aber umso überlegteren Transfers der Mainzer, zahlte dem Trainer das Vertrauen prompt zurück.

Mit der Hacke verwerte er ein Zuspiel von Lewis Holtby nach einer Viertelstunde zum 1:0. Wie die Mainzer dann das unglückliche Eigentor ihres Verteidigers Bo Svensson zum 1:1 unmittelbar vor der Pause wegsteckten, spricht für ihre psychische Robustheit. «Tuchel ist eben ein grossartiger Psychologe», sagt Schmidt über seinen Chef, der es als Spieler einst auf acht Zweitbundesligaspiele und drei U18-Länderspiele gebracht hatte.

Die Geschichte, wie Schmidt den Weg an den Mainzer Bruchweg gefunden hat, sagt vieles über Tuchel. Im Februar hatte Schmidt aus Mainz ein SMS erhalten: «Sind Sie der Trainer, der uns beim U20-Turnier in Stuttgart mit dem FC Thun geschlagen hat?» Später, als Schmidt nach Mainz zu Verhandlungen fuhr, wurde ihm gesagt, dass Tuchel ihn ganz genau beobachtet hatte und denke, er passe exakt zur Mainzer Philosophie.

Thomas Tuchel. Vor gut einem Jahr hat er noch die Mainzer A-Jugend zum deutschen Meistertitel geführt und als Scout für Jörn Andersen gearbeitet, der die Mainzer zurück in die Bundesliga führte. Fünf Tage vor dem Saisonstart aber war Andersen nach einer Niederlage im Cup entlassen worden und – wie unfassbar mutig – durch Juniorentrainer Tuchel ersetzt worden.

Andersen sagt: «Ich rede nicht gerne über Mainz. Nur so viel: Ich sehe die Erfolgsstory mit einem lachenden und einem weinenden Auge.» In Mainz aber sind es ausschliesslich Tränen der Freude, die vergossen werden.

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