Was ging Ihnen durch den Kopf, als Xherdan Shaqiri gegen Bulgarien drei Tore schoss?
Bernhard Heusler: In erster Linie empfand ich eine grosse Freude, weil die Schweiz das Spiel noch gedreht hatte. Dazu kam noch ein wenig Stolz, weil Shaqiri ein Spieler ist, der beim FC Basel ausgebildet wurde und sich nun auf internationalem Niveau durchsetzt.

Aber dann packte Sie vermutlich die Sorge, der Shaqiri-Hype könnte dem Spieler nicht gut bekommen.
Nein, diese Sorge hat mich nicht beschlichen. Xherdan Shaqiri ist ein Spezialfall. Der Hype um ihn existiert in der Fussballwelt schon eine ganze Weile. Als wir das allererste Mal mit ihm und seiner Familie zusammensassen, um über einen Vertrag zu verhandeln, war er soeben in England zum besten Spieler des Nike-Finalturniers der U16 gewählt worden. Schon damals lagen Angebote von Bundesligaklubs und von englischen Vereinen vor. Beim FCB sind wir uns also an den Hype um Shaqiri seit ein paar Jahren gewöhnt.

Wie hat es der FCB geschafft, dass Shaqiri noch immer hier spielt?
Am Schluss braucht es immer zwei dazu. Ich habe bei der ersten und zweiten Vertragsunterzeichnung gespürt, dass seine Eltern und sein Bruder Erdin sich bewusst waren, dass Xherdan einen optimalen Weg geht, wenn er sich zuerst in Basel durchsetzt und zum Führungsspieler reift. Allerdings müssen ausserordentliche Leistungen auch entsprechend behandelt werden. Es darf nicht das Ziel des Klubs sein, einen Spieler, nur weil er aus den eigenen Reihen kommt, möglichst lange unter einem Jungprofivertrag spielen zu lassen. Er darf finanziell nicht anders behandelt werden, als ein vergleichbar guter Spieler im Kader. Die damit verbundenen Investitionen gehen in den öffentlich kommentierten «Transfer»-Bilanzen oft vergessen, dabei sind sie entscheidend.

Wann ist bei Shaqiri der ideale Zeitpunkt für einen Transfer?
Das liegt nicht an mir, dies zu beurteilen. Er hat gute Berater, die dies beurteilen müssen. Als Klubverantwortlicher möchte ich ihn natürlich immer hier behalten. Aber wenn alles gepasst hätte, wäre ein Transfer schon in diesem Sommer möglich gewesen.

Was hat nicht gepasst?
Das Gesamtpaket. Sein Umfeld und auch er selber haben klare Vorstellungen. Sie sagen nicht einfach, wir gehen zu jenem Klub, der den Spieler und seinen Berater am meisten mit Geld zuschüttet. Und wir geben den Spieler nicht unter unseren Vorstellungen seines sportlichen und wirtschaftlichen Werts ab. So ist kein Angebot gekommen, das für alle stimmte.

Wie viel soll Shaqiri dem FCB denn dereinst einbringen?
Diese Frage wird uns oft von Agenten gestellt; auch von solchen, die gar nicht seine Berater sind. Aber ich nenne keine Zahlen. Man wird es sehen, wenn ein Klub kommt, der es ernst meint.

Sie sagten mal, die Champions League blase die Bilanz auf und verteuere den Apparat. Ist sie Fluch und Segen?
Ja. Die Gefahr ist, dass man Dinge tut, die nicht gut sind. Man investiert ins Kader, spielt sechs Partien, kassiert die Millionen; aber die Verträge sind auch im Dezember und für längere Zeit noch gültig. Jede Champions-League-Teilnahme lässt den Apparat ein bisschen teurer werden. Aus vier Teilnahmen in zehn Jahren haben wir Erfahrung gewonnen, wie wir mit dem Fluch der Champions League umgehen müssen.

Ist nach dem Rückzug von Frau Oeri die Champions League sogar noch etwas mehr zum Fluch geworden?
Nein, vielleicht ist sie jetzt aber noch etwas mehr Ziel oder Zwang. Die Abhängigkeit vom Erfolg ist extrem beim FCB. Nettogewinne aus Transfers und der Champions League behandeln wir als nicht budgetierte Sondereffekte. Diese Erträge, die zur Defizitdeckung dienen, kann man jedoch nur erreichen, wenn die Mannschaft sehr erfolgreich ist. Sparen bei den Kosten des Teams kann deshalb nicht die Strategie sein. Der Grat ist ohne Oeri noch eine Spur schmaler.

Trauen Sie dem Team gegen ManU, Benfica und Galati den Sprung in die Achtelfinals der Champions League zu?
Ja, wenn die Konstellation stimmt und das Wettkampfglück vorhanden ist. Gruppenzweiter zu werden, muss unser höchstes Ziel sein.

Und für solche Ziele werden die Personalkosten weiter in die Höhe getrieben.
Das ist so nicht richtig. Gemessen am Gesamtumsatz haben sie sich seit zehn Jahren bei 55 bis 58 Prozent eingependelt. Dies ist der Wert, den ich für vertretbar halte bei einem Klub mit unseren Ansprüchen. In England gibt es Klubs mit 78 und sogar einen mit 117 Prozent (Manchester City; die Red.).

Der FCB hat neun Transfers getätigt. Ein ganz grosser Name ist nicht dabei.
Ein Teil der Anhängerschaft wünscht sich immer wieder einen Star. Aber die meisten wissen, was ein grosser Name kosten würde und es ist Verständnis da, wenn wir uns diesen nicht oder nur leisten, wenn wir vom Kosten-Nutzen-Verhältnis überzeugt sind; wie im Sommer 2009, als wir Alex Frei nach Basel holten.

Sie haben das Aktienpaket von Frau Oeri übernommen. Wie konnten Sie dies finanzieren?
Die Aktien sind im Rahmen eines Gesamtpaketes übergeben worden. Entscheidend ist, dass diese Aktien an der Holding mit der Aufgabe verbunden sind, ein Konstrukt zu erstellen, das dem FCB nachhaltig hilft, die bisherige Strategie weiterzuführen.

Wie weit sind Sie diesbezüglich?
Wir sind mitten drin. Es ist kein einfaches Unterfangen. Der FCB ist in den letzten Jahren insofern etwas falsch dargestellt worden, als es so aussah, wir würden am Tropf von Frau Oeri hängen. Wir hängen aber eher am Tropf des Erfolgs. Was speziell gewesen ist: Wenn Frau Oeri mal einstehen musste, hat sie im nächsten Jahr, wenn wir dank Erfolgen wieder Gewinn machten, gesagt: Behaltet das Geld als Reserve. Sie war eine Art Absicherung für den FCB.

Apropos Reserve: Sie haben mal gesagt, der FCB müsse sein Fett reduzieren und an Muskelkraft zulegen.
Wir leben seit Jahren mit einem strukturellen Defizit. Das sollte aber nicht einfach als schicksalshaft hingenommen werden. Wir müssen uns überlegen, wie wir an der Schraube drehen können, damit es kleiner wird. Wir haben eine fantastische Ausgangslage mit den Jahreskarteninhabern, die uns extrem treu sind und ein Fundament geben, das gewaltig ist. Wir haben tolle Partner und gute Verträge. Aber es ist wie im Spitzensport: Derjenige, der nie in den Bereich geht, wo es wehtut, wird nie das Topniveau erreichen. In der Vergangenheit hat sich der eine oder andere bei uns vielleicht versteckt im Gefühl: Es ist ja Frau Oeri da. Nun muss er sich bewusst sein: Jetzt strample ich ohne Windschatten.

Gute Resultate in der Champions League wie der 2:1-Sieg gegen Otelul Galati helfen.
Jeder Erfolg der Mannschaft hilft. Ich spüre, wie selbst ein Sieg oder eine Niederlage in der Meisterschaft in vielen Kreisen das Gefühl dem FCB gegenüber verändert. Das Emotionale und die Kurzlebigkeit sind das Schwierige im Fussball. Ich muss immer gegen diesen Strom rudern. Damit schaffe ich mir nicht überall Freunde.

Sie wirken sehr rational.
Der Fan ist schon drin in mir. Auch ich bin nach einer Niederlage enttäuscht. Aber man hat mir am Anfang gesagt: Wenn du diese Rolle beim FCB übernimmst, musst du das Fan-Sein hinter dir lassen. Das ist manchmal schwierig.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des FCB, seit Sie 2003 als juristischer Berater eingestiegen sind?
Wir haben uns stabil entwickelt. Wir sind weder in die eine noch in die andere Richtung explodiert. Wir haben es geschafft, in jeder Saison um den Titel zu spielen – dies ist der bedeutendste Erfolg – wichtiger als ein Sieg in der Champions League gegen die AS Roma. Parallel haben wir uns gezielt zum Klub der Stadt und der Region entwickelt. Wir sind wieder bodenständig, was zum Klub und seiner Geschichte passt. Der FCB ist wie der FCZ. Ein Klub für alle.

Welche Vision haben Sie?
Mein Wunschszenario sieht vor, dass bei den Heimspielen eine Atmosphäre herrscht, wie wir sie zuletzt gegen Luzern im letzten Spiel der vergangenen Saison erlebt haben. Man hat in diesem Spiel die Freude und die Kraft einer ganzen Region gespürt. Es ist eine riesige Kiste, den FCB in diesem Stadion nachhaltig zu erhalten. Das ist ein Grund, weshalb wir zum Erfolg verdammt sind. Dieses Stadion lässt sich nur bespielen, wenn wir erfolgreich sind.

Basel als Randregion mit eigener Identität und einem Anti-Zürich-Reflex hat aber durchaus einen Standortvorteil.
Wir behaupten ja, Basel ticke anders. Man spürt das tatsächlich auch bei Abstimmungen. Oft stimmen wir ab wie die Romands. Der FCB hat zwar eine grosse Strahlkraft in der Nordwestschweiz. Doch durch die Landesgrenzen gehen im Bereich der Vermarktung und des Zuschauerpotenzials 240 von 360 Grad verloren. Aber die Identifikation mit dem Klub ist einzigartig in der Schweiz. Vor einer Woche sind wir von der Regierung Basel-Stadt zu einem Apéro eingeladen worden und da war der Regierungsrat geschlossen vertreten. Ich weiss nicht, wie oft sich diese sieben Regierungsräte die Zeit nehmen, gemeinsam aufzutreten. Das habe ich als klares Zeichen der besonderen Wertschätzung des FCB aufgenommen.

Themawechsel: Befürchten Sie, dass die Super League ab nächster Saison nicht mehr in der SRG zu sehen ist?
Ich befürchte das nicht und lasse mich gerne in einem Jahr darauf behaften. Ich bin überzeugt, dass sich die drei Parteien Cinetrade, SRG und die Verhandlungsdelegation der Swiss Football League irgendwie finden werden und die 36 Free-TV-Spiele im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt werden.

Können Sie nachvollziehen, dass Thomas Grimm als Präsident der Swiss Football League noch nicht zurückgetreten ist? Vom «Fall Sion» wurde er abgezogen und bei den Verhandlungen um die Fernsehrechte hatte er offenbar nichts zu sagen.
Es ist sicher keine unproblematische Situation, welche derzeit im Komitee vorherrscht. Diese will ich aber nicht öffentlich kommentieren.

Stichwort Komitee. Dort hat einer wie Aniello Fontana vom 1.-Liga-Klub Schaffhausen einen Sitz, aber kein Vertreter des FC Basel.
Das stimmt. Ich fand es falsch, dass unser Kandidat Georg Heitz (Sportkoordinator bei FCB; die Red.) nicht gewählt worden ist. Andere haben es als Fehler erachtet, dass wir einen Mann vorgeschlagen haben, der in der Liga nicht bekannt war. Aber in jedem Unglück ist auch das Wort Glück versteckt. Unser Glück ist, dass wir Heitz durch seine Nichtwahl bei uns noch stärker einbinden konnten. Künftig müssen wir aber darauf achten, dass die wichtigsten Entscheidungsträger der grössten Klubs im Komitee vertreten sind.

Sie haben kürzlich gesagt, Sie würden einen Drittel ihrer Arbeit als FCB-Präsident für die Fanthematik aufwenden.
Das ist so und ist auch richtig so. Es gibt andere Themen, die angenehmer sind und eher zum Bild passen, welches man von mir als Wirtschaftsanwalt hat. Aber mir ist das Thema wichtig.

Sehen Sie bei der Lösung des Gewaltproblems im Schweizer Fussball einen Silberstreifen am Horizont?
Die Frage ist gut. Allein schon der Anspruch der totalen Gewaltfreiheit im Fussball ist eine Hypothek oder eine Hürde, die uns teilweise bewusst als unüberwindbar hoch in den Weg gestellt wird. Als schlimm erachte ich die Unterstellung, dass die Klubs die Gewalt kreieren oder tolerieren. Ich trete gegen die pauschale Verteufelung der Fussballfans in der Schweiz an – und zwar aus Überzeugung und nicht als Anwalt der Fans oder als Funktionär des FC Basel. Es geht mir darum, den Fussball auch ein Stück weit zu schützen.

Möglicherweise muss der Fussball auch vor Präsidenten wie Christian Constantin geschützt werden.
Vielleicht hat man damit spekuliert, Christian Constantin sei mit Druck in die Knie zu zwingen. Doch das geht nicht. Das Problem zwischen dem FC Sion und den internationalen Verbänden Uefa und Fifa betrifft die Schweiz, ist quasi importiert. Vieles hätte verhindert werden können, wenn über die Dauer der Transfersperre innert angemessener Frist letztinstanzlich entschieden worden wäre.

Was kann dieser Fall auslösen?
Er kann groteske Folgen haben. Vier Stunden nach Transferschluss versuchen wir, einen neu verpflichteten Spieler zu qualifizieren. Doch der Fussballverband lehnt unser Begehren ab. Wenn dieser Spieler ein ziviles Gericht anruft und erklärt, dass er nicht arbeiten kann, weil der FCB das Qualifikationsgesuch vier Stunden zu spät eingereicht hat, kann ich mir gut vorstellen, dass ein Richter zum Schluss des überspitzten Formalismus kommt. Es ist gut möglich, dass der FC Sion eine Lawine auslöst.

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