Eine Welt ohne Fussball – wie trostlos wäre das? Man müsste sich die Erde als Kugel und nicht mehr als Ball vorstellen. Tatsächlich ist die heile Fussballwelt in ernster Gefahr. Seit Monaten wüten im Himmelreich des Fussballs Blitz und Donner. Die US-Justiz spielt ihre Rolle als Instanz, welche die Welt messerscharf in Gut und Böse aufzuteilen vermag, wieder einmal perfekt. Sie bringt die Fussballheiligen mit ihren Anklagen in Teufels Küche. Die Fahrt ins Blaue entpuppt sich als Transfer vom Fünfsterne-Luxus am See ins Kabäuschen mit schwedischen Gardinen auf der Schattenseite des Zürichbergs. Zuletzt traf es sogar den Fussballgott persönlich. Auch Sepp Blatter soll böse sein.

Also muss dringend ein Nachfolger her für den gestürzten Herrscher dieser einen letzten Welt, die uns vor allem und uneingeschränkt glücklich machen soll. Sodass wir wieder jubeln können über Tore und Fallrückzieher, über Dribblings und Traumpässe. Ohne schlechtes Gewissen wegen Menschenrechten. Ohne Hinweise auf Korruption und Vetternwirtschaft. Ohne Verdacht auf Spielmanipulation und Wettbetrug. Ein richtiger Fussballgott eben. Einer, der die Welt rettet, ohne mit dem Teufel zu paktieren.

Fünf Berufene klopfen an die Himmelspforte. Nur zwei davon sollen realistische Aussichten auf Einlass haben. Einer davon ist Schweizer. Einer, der die ganze Fussballwelt kennt. Und die wenigsten kennen ihn. Das stimmt nicht ganz. Sein Name mag uns italienisch vorkommen. Sein strahlendes Gesicht mit der markanten Frisur hingegen zeigt uns der Fernsehbildschirm in zuverlässiger Regelmässigkeit. Gianni Infantino verkuppelt die Mächtigen des Fussballs. Er sagt uns, ob Bayern gegen Real oder Juve spielt. Der 45-jährige Jurist amtet als Zeremonienmeister und Glücksfee bei der Auslosung der Spiele in der Champions League. Und dies stets mit bezauberndem Charme und ausdrücklicher Souveränität. Wenn die deutsche Zeitung «Tagesspiegel» zu Infantino schreibt, «dem blassen Schweizer fehlt eine eigene Aura», dann fehlt auf der dortigen Redaktion vor allem ein Fernseher.

Derzeit durchleuchten die Weltmedien den Kandidatenkreis kritisch. Auch Infantino kriegt sein Fett weg. Er wird wahlweise als geborener Funktionär, als treuer Parteisoldat und als Apparatschik oder – etwas böser – als Verlegenheitslösung, als Notnagel und als treuer Vasalle von Platini betitelt. «Es weist nichts darauf hin, dass Infantino mit der Blatter-Ära aufräumt», schreibt die «Süddeutsche Zeitung». Am letzten Sonntag kurz vor der nächtlichen Geisterstunde zweifelte ein TV-Beitrag im Westdeutschen Rundfunk sogar die Glaubwürdigkeit von Gianni Infantino an. Konkret wird ihm vorgeworfen, nichts dafür getan zu haben, um die Verantwortlichen der Wett- und Korruptionsskandale 2011 beim türkischen Verein Fenerbahçe und 2015 beim griechischen Klub Olympiakos Piräus zur Rechenschaft zu ziehen. Als Grund wird ein Zusammenhang mit den Uefa-Tätigkeiten von Fenerbahçe-Ehrenpräsident Senes Erzik und dem Sohn des Piräus-Vizepräsidenten vermutet. Vetternwirtschaft also. Der Beitrag schliesst mit der Feststellung: «Gianni Infantino ist einer, der zur Vergangenheit gehört.»

Die Wahl entscheiden wird diese «Enthüllung» nicht. Infantino kann keine fehlbare Handlung nachgewiesen werden. Die Mutmassung von Fifa-Kenner Mark Pieth, «natürlich hat auch Infantino irgendwelche Leichen im Keller» zielt ins Leere. Die Fachzeitschrift «Sport-Bild» stellt treffend fest: «Seine staubtrockene Vita weist nicht das kleinste Skandälchen auf.» Man hält Infantino zugute, dass er sich auch kritischen Fragen stellt. Zu seiner Person titelt ein Medium: «Ein Buch mit sieben Siegeln.»

Tatsächlich versteht es Gianni Infantino, sein Privatleben privat zu halten. Er ist als Sohn von italienischen Einwanderern am 23. März 1970 in Brig geboren und zusammen mit zwei deutlich älteren Schwestern aufgewachsen. Heute wohnt Infantino mit seiner libanesischen Frau und den vier Kindern in Nyon. Er hat schon als kleiner Knirps für den Sport gelebt, als mässig talentierter Spieler in der dritten Mannschaft des FC Brig-Glis gekickt und sich nach dem Jura-Studium an der Uni Fribourg beruflich voll und ganz dem Fussball verschrieben.

Das Arbeiterkind aus dem Wallis war zuerst Generalsekretär des Internationalen Zentrums für Sportstudien (CIES), welches gemeinsam von der Fifa und der Universität Neuenburg ins Leben gerufen wurde. Im Jahr 2000 stiess Infantino, der fliessend deutsch, italienisch, französisch, englisch, spanisch und arabisch spricht, zur Uefa. Der ehrgeizige Italo-Schweizer arbeitete sich schnell hoch und wurde im Januar 2004 zum Direktor der Division Rechtsdienst und Klublizenzierung ernannt. Seit Oktober 2009 ist er Generalsekretär der Uefa. Im Sommer 2015 berief ihn die Fifa ins Reformkomitee. Präsidentschaftskandidat wurde er primär dadurch, dass sein «Chef», Uefa-Präsident Michel Platini, wegen seiner Sperre durch die Fifa-Ethikkommission nicht antreten darf. «Ich bin eine verantwortungsvolle Person und wollte nicht zuschauen, wie alles kaputt geht», begründet Infantino seine Kandidatur.

Zu Platini soll der Walliser eine sehr enge Beziehung pflegen. So sei der in Ungnade gefallene Uefa-Präsident sogar Pate eines Kindes von Infantino. Aus der Nähe zu Platini dürfe man ihm aber keinen Strick drehen, fordert der deutsche Verbandsboss Rainhard Rauball. Infantino sei integer, verlässlich und kenne den Fussball genau. «Es wäre ungerecht, ihn nur deshalb abzulehnen, weil Michel Platini in den vergangenen Jahren sein Chef war», sagte Rauball in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Die Nähe zu Platini macht Infantino für viele automatisch zu einem Gegenspieler von Sepp Blatter. Er will diesem Bild nicht gerecht werden. «Ich habe Respekt vor dem, was Sepp Blatter in seinen 40 Jahren bei der Fifa für die Entwicklung des Fussballs auf der ganzen Welt geleistet hat», zollt er dem gestürzten Präsidenten Respekt.

Derzeit präsentiert sich Glücksfee Infantino auf dem Weg zum Fussballgott in erster Linie als Weihnachtsmann. Er hetzt im Businessjet der Uefa, eingedeckt mit einem Reisebudget von 500 000 Euro, in die Welt hinaus und versucht, die Fifa-Delegierten zu Wahlhelfern zu komplementieren. Wie in Wahlkämpfen üblich, macht er dies mit Versprechungen: Eine WM mit 40 anstatt 32 Teams, mehr Nicht-Europäer in der Führungsetage, die Hälfte der Fifa-Einnahmen von jährlich 5 Milliarden Euro für die weltweite Entwicklung des Fussballs – damit schafft man rund um den Globus Begeisterung. Die Reise-Kadenz ist beeindruckend: Afrika, Karibik, Moskau, London, Teheran, Miami, Belgrad und zuletzt am Mittwoch Kuala Lumpur. Quasi die Höhle des Löwen, die Versammlung der asiatischen Konföderation mit Präsident und Gegenspieler Scheich Salman.

Vorgeworfen wird Infantino, dass seine Wahlversprechen an das Vorgehen von Sepp Blatter erinnere. Dass auch bei ihm nur die Politik des Geldes zähle. Dass er sich seine Machtbasis erkaufe. Er widerspricht und fragt: «Was soll die Fifa denn mit dem eingenommenen Geld machen? Etwa Funktionären hohe Saläre bezahlen?» Das Ziel der Fifa müsse die weltweite Entwicklung des Fussballs sein. Inhaltlich lehnt sich Infantinos Manifest stark an das ohnehin vorgesehene Reformpaket (Transparenz, Entflechtung der Macht, Frauenquote) und an Uefa-erprobte Massnahmen (grösseres WM-Teilnehmerfeld, Turnier in mehreren Ländern, transparentes Transfersystem) an. «Mutlos», schreibt eine Zeitung dazu. Infantino entgegnet: «Ich will nicht mit Worten brillieren, sondern mit Taten.» Ein Bekenntnis zur Umsetzung von Empfehlungen von Human Rights Watch will er nicht unterschreiben. Er verspricht aber ein Treffen mit der Menschenrechts-Organisation noch im ersten Monat seiner Amtszeit. Um sich über Menschenrechtsverletzungen beim Bau der WM-Stadien in Katar und um Kinderarbeit bei der Produktion von Fussbällen auszutauschen. Es könnte ein erster Test werden. Ein Test, ob Gianni Infantino tatsächlich ein Kandidat des alten Systems ist. Oder ein wahrer Fussballgott.

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